Bald zweites Jahr mit SARS CoV2 - eine Reflektion (Sammelthreads)

J-C, Da, wo ich grad gedanklich nicht bin., Mittwoch, 24.11.2021, 23:25 (vor 62 Tagen) @ Administrator
bearbeitet von J-C, Mittwoch, 24.11.2021, 23:26

Es war im Februar 2020. Ich unternahm eine Fernbusreise mit Regiojet von Wien nach Bratislava. Einfach um auch diesen Weg kennenzulernen. Erstaunt war ich, als eine Person asiatischer Herkunft mit einer OP-Maske einstieg. Das war sehr merkwürdig.

März 2020. Ich sitze in einer Übung und schaue dabei mal auf‘s Handy. Die Schlagzeile: ein Lockdown. Auch meine Uni wird in paar Tagen schließen.

Ein merkwürdiges Gefühl machte sich breit.

Wenige Tage zuvor kam ich in einem Railjet in Wien an, das war die eine Fahrt, wo man erst per Notentriegelung die Tür in Wien Hbf aufbekam…

Was folgte, war eine ziemlich merkwürdige Zeit. Ich musste Monate lang in Wien verbringen. Die U-Bahnen leer, draußen wenig los.

Paar Wochen war der Spuk vorerst ein wenig vorüber. Meine erste Reise, die ich unternehmen konnte, führte mich ins Shopping Outlet Parndorf. Aus Österreich heraus kann man nur Ungarn und Deutschland per Bahn bereisen. Allerdings machten die Einreisebestimmungen selbst das de facto unmöglich.

Und so war man gefangen, in einem Land, für mehrere Wochen, da man nicht mal den ÖV in der Freizeit nutzen durfte, überhaupt mehr oder minder in Wien gefangen. Der Joffer wurde immer noch gepackt am Freitag. Und zwar um die Wäsche zur Waschküche zu transportieren.

Zu dieser Zeit habe ich so einen ganz bestimmten Ohrwurm gehabt.

Vorlesungen waren fortan online. Mein Erfolg war eher… bescheiden. Wobei ich Zweifel habe, dass die Pandemie der Grund dafür war.

Die Einreisebeschränkungen von und nach Tschechien wurden eines Tages „sofort, unverzüglich“ aufgehoben. Und so ging es wenige Stunden nach Öffnung der Grenzen direkt ins Ausland.

Etwas geradezu selbstverständliches wird für mich zu was sehr besonderem, insbesondere, nachdem ich öfters davon geträumt habe, mich jenseits der Grenze zu befinden.

Der Sommer war… chillig. Konnte mich bisserl rearrangieren.

Zum Herbst und Winter stiegen die Zahlen. Ich verspürte sowas wie Angst, nachdem die Regierung auf die steigenden Infektionszahlen schleppend reagierte und kaum eine vernünftige Politik an den Tag legte. Die machten einfach nichts.

Tschechien hat‘s damals stark getroffen, da verblieb ich im vermeintlich sichereren Wien.

Und dann wurden die Quarantänebestimmunfen wieder eingeführt. Und dennoch hielt ich es gegen Weihnachten nicht mehr aus und fuhr in einem kaum benutzten EC nach Tschechien. Kontrollen gab es keine, trotz strikter Bestimmungen… war schon seltsam.

Ich habe darüber damals auch einige Reiseberichte geschrieben.

Und nun kommt der Punkt. Corona verlor seine Rolle in meinem Leben. Die Impfung war in Sicht und ich hatte genug davon, mich ständig zu befassen. Ich „stieg aus“. Verblieb meistens in Tschechien. Und dann kam ich einmal rüber in Wien. Hab die Quarantänebestimmungen ausnutzen können, die eine Beendigung der Quarantäne mit dem Verlassen des Landes ermöglicht. Nach Monaten eines Lebens auf dem Lande war die Rückkehr nach Wien irgendwie bizarr, geradezu ein Kulturschock. Ich mit doppelter Maske, war völlig überfordert, einfach lost.

Im nächsten Semester hatte ich dann einen Bonus: aufgrund notwendiger Erkundungen für ein Projekt kam ich in den Genuss der Pendlerregelung. So war für mich schon im Frühjahr Schluss mit Quarantänepflicht. Dafür ging es jede Woche im WARS, bald auch wieder mit richtigem Besteck im Speisewagen hin und her. Es hatte ein Gefühl von zu Hause sein und sich auf Papas Essen freuen, wenn man so will.

Und das hat funktioniert. Das Zugsangebot war zwischendurch reduziert. Vorher konnte ich alleine im polnischen Großraumwagen zu „Everybody“ von den Backstreet-Boys improvisiert tanzen. Was man halt so macht, wenn man ganz allein ist.
Irgendwann fuhren aber wieder alle Züge und so war es wieder „normal“.

Es ging bergauf in vielerlei Hinsicht.

Jetzt bin ich hier. In einem Lockdown, den ich nicht wirklich spüre. Aber vielleicht ist es auch so gewollt. Vielleicht reicht ja das.

Ich bin da immer in einem Auf und ab in meiner Meinung. Letztes Jahr um diese Zeit wollte ich den totalen Lockdown. Vor paar Wochen wollte ich die totale Freiheit.

Mittlerweile bin ich zur Erkenntnis angelangt, dass das eben nicht so einfach ist. So ein Lockdown ist nunmal die Umtima Ratio. Das macht man nicht auf Zuruf. Und das macht man im besten Fall gar nicht. Klar, die Impfung hilft uns hier enorm weiter. Aber man muss noch besser werden.
Die Gegner meinen, den Lockdown hätte man sich sparen können.

Ich täte das hinterfragen.

Waren‘s nicht die Bürger, die Party bis zum Umfallen wollten? Überhaupt, ist es nicht irgendwie nonsense zu fordern, dass die Regierung die Grundfreiheiten von uns einschränkt? Sollten wir nicht unserer Verantwortung besser nachgehen?

Es scheint, da war ich auch auf dem Holzweg. Allein aus Nächstenliebe wäre es meine Pflicht dafür zu sorgen, dass ich nicht zum Teil des Problems bei der Infektionsübertrsgung werde. Das könnte ja trotz doppelter Impfung passieren.

Einmal habe ich 7 Stunden im Freien mit einer Person verbracht, die später sich als Corona-Positiv herausgestellt hat. Es wäre mir nichts aufgefallen an jenem Tag… und obwohl mir klar war, dass ich nicht angesteckt wurde, nahm ich prompt einen PCR-Test und hab ihn an der Tankstelle abgegeben. Am Abend das negative Ergebnis. Fortan beschloss ich, wenigstens 1-2 Mal pro Woche mich zu testen. Wie früher, bevor ich geimpft war und getestet sein musste.

Anstatt ein potenzieller Teil des Problems zu sein, werde ich besser Teil der Lösung. Es bringt nichts, kein Interesse gegenüber den Ungeimpften zu haben. Es hätte mir klar sein sollen, dass ich selbstständig eine möglichst sinnvolle Art finden sollte, wie ich mein Risiko im vertretbaren Maße klein halte.

Das ist kaum eine Anstrengung für mich und ist dennoch einfach die bessere Wahl.

Deswegen denke ich nicht, dass ein Lockdown vermeidbar war. Leute wie ich richten sich nunmal vorwiegend an geltendes Recht, da Empfehlungen ja unverbindlich sind.

Die Regierung reagiert deswegen so träge, weil es nicht ihr Job ist, die Grund- und Freiheitsrechte der Menschen einzuschränken. Au contraire. Mein Problem ist eher die mangelnde Verlässlichkeit der Ankündigungen. Erst wird dementiert, dann kommt‘s doch.

Aber nachdem ich die andere Seite mal sah, habe ich jetzt etwas mehr Verständnis. Mal schauen, ob der österreichische Lockdown wirklich nur 20 Tage dauert. Falls ja, dann ist‘s nice.

Wenn nein, hab ich auch kein Problem damit.

Kurz gesagt: Die Regierung ist nicht das Problem: die Leute sind es. Ich bin es. Und daran muss sich was ändern.

--
Reisehäppchen für zwischendurch gefällig?
[image]
(Bildquelle: ČD)


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