Bekommt die Westbahn im Allgäu dann Vorrang vor den EC? (Aktueller Betrieb)

Twindexx, St. Gallen (CH), Sonntag, 30.05.2021, 07:19 (vor 14 Tagen) @ Bm235

Hoi,

Zürich - München sind etwa 300 km, Bregenz - Wien über 600 km, also doppelt so lang. Müsste die DB die schnellen Trassen über Memmingen eigentlich an die Westbahn abtreten, weil ihre Züge den deutlich längeren internationalen Laufweg haben? Oder ist die ECE-Trasse zwischen Lindau und München trotz eingleisiger Spar-Infrastruktur auch stündlich fahrbar?

Die EC-Trasse ist eine Neigetechniktrasse und ich kann dir sagen, dass die Reserven recht knapp sind. Von Lindau-Reutin bis Memmingen sind es gerade mal ein bis zwei Minuten Reserve, die der EC hat. Sobald nur das geringste passiert, ist das Chaos vorprogrammiert. Die einspurige Linienführung mit recht auf Kante genähten Kreuzungsstationen würde eigentlich eher mehr Fahrzeitreserven erfordern.

Die Westbahn könnte dem EC seine Trassen also mangels Neigetechnik gar nicht erst streitig machen. Es ist nämlich auch nicht so, dass die kreuzenden Regionalzüge einfach um ein paar Minuten verschoben werden könnten. Zum Beispiel wird der GoAhead-RE in Kisslegg den EC kreuzen und muss anschliessend in Leutkirch seinen Gegen-RE kreuzen. Weiter in Memmingen kreuzt er wieder den nächsten Gegen-RE (hier merkt man aufgrund der Spar-Infrastruktur bereits einen deutlichen Hinketakt statt einem klaren Stundentakt der RE). Dieser Gegen-RE kreuzt wiederum in Leutkirch den nächsten RE und muss weiter ausserdem wieder rechtzeitig in Kisslegg zur Kreuzung mit dem EC sein. Das ist so ein in sich abhängiges Konstrukt, dass ein Zug ohne Neigetechnik in der EC-Trasse zwangsläufig die Streichung eines kreuzenden RE zur Folge hätte.
Ist denn die Bevorzugung internationaler Züge in der Trassenvergabe in Deutschland so stark, dass damit auch die ersatzlose Streichung kreuzender Regionalzüge durchgesetzt werden könnte?

Auch unter Ausblendung des Regionalverkehrs ist die EC-Trasse selbst nicht stündlich fahrbar. Die Kreuzung zweier EC, natürlich beide mit Neigetechnik, würde in den Bereich Ratzenried nördlich von Wangen fallen. Dazu wäre dort ein Ausbau auf Doppelspur mit ausreichender Länge erforderlich, um die Kreuzung ohne Kreuzungshalt zu ermöglichen (weil der EC für Kreuzungshalte keine Zeit hat).
Um den Regionalverkehr nicht zusammenstreichen zu müssen, wäre zusätzlich noch ein durchgehender Doppelspurausbau zwischen Kisslegg und Leutkirch erforderlich. In diesen Bereich fielen dann fliegende Kreuzungen RE/RE und EC/RE.

Es ist tatsächlich so, dass die nun elektrifizierte Linie Lindau-München bereits schon wenige Monate nach Betriebsaufnahme die Kapazitätsgrenze erreicht hat, wobei im Regionalverkehr die Betriebsaufnahme mit der Verdichtung vom 2h- zum Stundentakt sogar erst noch bevorsteht. Denn nun tummeln sich dort auch diverse Güterzüge, Sommer-ICE und umgeleitete Nightjet. Die fahren natürlich jetzt mit Strom via Memmingen statt mit Diesel via Kempten.
Im Prinzip hat man hier eine Linie gemäss dem Bedarf von Mitte der 90er-Jahre ausgebaut. Dass man damit dann schon kurz nach Fertigstellung ein Problem bekommt, kommt davon, wenn man A) zu wenig weitsichtig plant und B) für die Umsetzung eines eigentlich so banalen Projekts ein Viertel Jahrhundert braucht. In diesen 25 Jahren dreht sich die Welt nämlich kontinuierlich weiter und Anforderungen verändern sich.

In der Schweiz gehen die Bestrebungen nun für den Ausbauschritt 2035 auf einen Ausbau des EC Zürich-München zum Stundentakt. Der Druck auf Deutschland, zwischen Lindau und München nun schon den weiteren Ausbau in die Hand zu nehmen, ist also bereits vorhanden. Die Nachfrage nach Fahrplantrassen ist jetzt schon höher, als das mögliche Angebot.
Wenn man in Deutschland nun schlau wäre, würde man dann nicht wieder nur das gerade nötigste an Infrastruktur für stündliche EC bauen, deren Trassen dann natürlich schon mit EC von/nach Zürich statt irgendwelchen Westbahnen belegt werden sollen, sondern auch noch für etwas mehr, sprich etwas grosszügiger mit dem Ausbau auf Doppelspur auf der Linie Hergatz-Memmingen-Buchloe sein sollte.


Grüsse aus der Ostschweiz.

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Aktuell im Einsatz auf den Linien IC 1, IC 2, IC 3, IC 21, IR 13 und IR 70:
Mehr Informationen zum SBB FV-Dosto.


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