Artikel: "HGV-Züge zerstören das europäische Bahnnetz" (Allgemeines Forum)

guru61, Arolfingen, Freitag, 28.11.2014, 08:20 (vor 4169 Tagen) @ Bronnbach Bhf
bearbeitet von guru61, Freitag, 28.11.2014, 08:23

Ich kann die Kritik in dem Artikel nur bedingt teilen.
Tatsache ist, dort wo es nur Altstrecken gibt, verdrängt der ICE den IC. Der Grund liegt aber doch zu allererst daran, dass diese Altstrecken hoffnungslos überlastet sind, und die ICE Linien lange Durchmesserlinien sind, die dazu noch an Korrespondenzknoten verknüpft sind und daher schlicht Vorrang geniessen. Das ist das Ergebnis von Mangelverwaltung.

Ist das wirklich so?
Wenn ich an einer deutschen Strecke ausserhalb eines S- Bahn Systems stehe, dann warte ich viel länger als an einer Hauptstrecke in der Schweiz.

Heute sind problemlos 2 Minutenabstände bei 200 km/h möglich. Wers nicht glaubt stehe an die Neubaustrecke Mattstetten - Rothrist. Da erlebt er jede halbe Stunde 2 Pulks à 3 Züge im 2 Minutenabstand.


Dazu kommt, dass diese Altstrecken häufig auf 160 bis 200km/h ausgebaut sind, und die ICE´s ggü. dem NV und GV echte Trassenfresser sind. Aber deshalb das Rad zurück drehen und die Vmax auf den Altstrecken einfach so reduzieren? Dann wird die Bahn für rund die Hälfte der FV Nutzer schlicht unanttraktiv. Ich sehe die Lösung eher darin, dass man das SFS Netz in Deutschland endlich schließt und damit den A-Verkehr (ICE) auf die SFS verbannt, den B-Verkehr (IC/EC) unter Reduzierung der Vmax (dann keine Trassenfresser mehr) auf den Altstrecken belässt und dabei mehr mittelgroße Städte konsequent bedient.

Das mit dem Trassenfresser stimmt nur, weil man sich nicht darum gekümmert hat, welchen Fahrplan man daruf abwickeln will.
Das Beispiel Japan zeigt, dass Ueberholungen durchaus, und ohne wesentlichem Zeitverlust möglich sind.
https://www.youtube.com/watch?v=GVwemt7rdiM
Laut einem Augenzeugen, der das auch fotografisch dokumentiert hat steht der Kodama höchstens 5 Minuten.
Aber es muss die Infrstruktur bereitstehen.
Dass der haltende Zug nicht über 40er Weichen fahren muss, dürfte klar sein.

Wenn ich den Zugbegleiter des ICEs Interlaken - Berlin ansehe, dann fährt der selten mal über 100 Kilometer durch. Somit hat auch die Erhöhung der Höchstgeschweindiglkeit nur begrenzten Wert.
Ein einfaches Rechenbeispiel: Wenn du 100 km mit 200 fährst und 100 km mit 250, dann gewinnst du 0.1 Stunden, also 6 Minuten!
Bei 160 gewinnst du 0.225 Stunden gegenüber 250 sind 13.5 Minuten. Also stundenlange Einsparungen bedingen entweder lange Neubaustrecken oder lange Fahrzeiten mit hoher Geschwindigkeit oder sehr hohe Geschwindigkeit.
Da darf man sich schon fragen, ob es wegen 6 Minuten sinnvoll ist, 100 Kilometer Schnellfahrlinie zu bauen, oder ob man das Geld nicht in eine Optimierung der bestehenden Strecken investieren soll.
Eine Neubaustrecke kostet in Deutschland ca 25 Mio Euro pro Kilometer.
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-81136870.html
Die Frage ist schon, ob sich mit den 1.25 Milliarden Euronen für 50 km Neubaustrecke nicht nahezu denselben Effekt erzielen liesse, wenn man eine Altbaustrecke punktuell verbessert. Gerade, wenn sie wie im Rheintal und im Norden deutschlands eh schon günstig trassiert ist.


Denn so hat der Kunde dann die Wahl zwischen günstig und nicht ganz so schnell, oder schnell und nicht ganz so günstig. In einem dicht besiedelten Land wie Deutschland funktioniert dass. Macht man aber nichts und durch die Netzengpässe nimmt die Zuverlässigkeit der Bahn immer weiter ab, treibt man die Menschen zu allererst wieder zum Auto.

Gerade diese Wahl hat man aber nicht bzw. sie ist vom Konzern DB nicht erwünscht. Den IR, langesam, gemütlich, billig und beliebt hat man zugunsten des ICE doch abgewürgt, und damit, ich zitiere aus dem "Schwarzbuch DB" einen Verlust von 30% im FV hingenommen.
Die Passagiere sollten auf den ICE geprügelt werden.
Und nun geschieht dasselbe mit dem IC.

Das Auto, des Deutschen liebstes Kind. Das sollten gerade unsere schweizer Forumsmitglieder beachten.

Bei den Schweizern auch:
http://www.factfish.com/de/statistik/fahrzeuge+pro+1000+einwohner
Wir haben 573 und ihr 588 Fahrzeuge pro 1'000 Einwohner.
Bei uns fährt jeder Einwohner 10'165 km Auto und 3'823 km Bahn, also nicht mal 20%
Wenn wir rechnen, 10'183 / 0.573 (den Fahrzeugbestand pro Einwohner) dann kommen wir auf rund 17'800 km pro Fahrzeug und Jahr.
http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/news/publikationen.Document.157668.pdf

Nach der Tabelle hier:
http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.411737.de/12-47-1.pdf

Auf Seite 6, fährt jedes Auto in Deutschland lediglich 14'200 km pro Jahr. Also über 3'000 km weniger.
Somit wäre der Mythos vom liebsten Kind widerlegt.

Nun kann man sich mal fragen, warum denn in der Schweiz, trotzdem das Auto mehr genutzt wird, die Bahn soviel attraktiver ist?

Gruss Guru


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