Diskussion: warum rentieren NBS in Deutschland so wenig? (Allgemeines Forum)

Oscar (NL), Eindhoven (NL), Mittwoch, 07.11.2012, 10:17 (vor 4901 Tagen)

Hallo ICE-Fans,


aktuell gibt es in Deutschland für unsere heißgeliebten Schienenraketen einige "Rennbahnen". Diese sollten das Bahnreisen im Fernverkehr beschleunigen, und teilweise tun sie das auch, manchmal sogar sehr ordentlich. Das K-F Motto "die Bahn schenkt Ihnen eine Stunde" erinnern wir uns alle noch.

(...nur schade, dass diese Stunde anderswo wieder zum Teil abgebummelt wird...)

Wenn ich aber so durch die Projekte der letzten Zeit stöbere, entsteht bei mir den Eindruck, dass alles immer mehr Geld kosten muß, und zugleich immer weniger aus den Investitionen rauskommt.
Natürlich, als die ersten Rennbahnen (Hannover-Würzburg, Mannheim-Stuttgart) gebaut wurden, war alles noch neu. Von 200 auf 250 km/h [1] war ja auch ein Riesensprung. Es gab ja auch viel Zeit zu gewinnen.
Aber seit Eröffnung K-F gibt es vor allem kleinere und größere Enttäuschungen:

1. war die Rennpiste Köln-Düren wirklich notwendig für 9 Zugpaare pro Tag?
2. mit Nürnberg-Ingolstadt wurde eine Fahrzeit von 1 Stunde versprochen, aber kaum (niemals?) erreicht (es wurden immer 62-65 Minuten gefahren)
3. warum brauchte man satte 7 Dekaden, bevor die Bestzeit Berlin-Hamburg geknackt wurde?
4. und in dieser Diskussion ist man zwar am Anfang noch euphorisch, aber entsteht zuletzt den Eindruck eines Pyrrhussiegs: man hat zwar Berlin-München beschleunigt aber es hat viele Moneten gekostet und die Flieger sind vom Endergebnis gar nicht ängstig geworden; zudem gibt es bei diesem Projekt vor allem auch viele Verlierer (z.B. Jena).

Dann kommen wir zur Frage: warum rentieren Schiennneubauten in Deutschland offenbar so wenig?

Die schweizer Untergemeinschaft hier postet ständig Projekte, woraus nicht nur klar wird, dass dort pro Einwohner viel mehr in die Bahn investiert wird, sondern auch viel mehr Leute in viel großerem Maß von den Investitionen profitieren.
An der Währung liegt's nicht: sowohl 1 CHF als 1 EUR kann man nur einmal ausgeben.

Gedanken, die ich dazu habe:

1. Fehlt eine Gesamtvision? In CH gibt es Bahn2000 und Bahn2030 mit klaren Vorgaben. Bei uns gibt es PHS 2020 wobei bis zu 10-Minutentakt nachgestrebt wird. Und Deutschland?

2. Ist eine Gesamtvision in Deutschland gar nicht möglich? Versucht man es allen Recht zu tun, obwohl das gar nicht geht?

3. Ist die Topographie derart, dass gute Rendite nicht möglich sind?

a. in CH profitierte von NBS Bern-Olten und dem "Stundendreieck" Basel-Bern-Zürich das halbe Land, sogar die Hälfte, die für etwa 80-90% (?) aller Bahnkilometer in CH verantwortlich ist.
b. in IT profitierten von der "Felsenrennbahn" Bologna-Florenz die Relationen Turin/Mailand/Bozen/Venedig/Trieste - Livorno/Rom/Neapel = etwa 70-80% des ganzen Fernverkehrs.
c. Frankreich hat den Vorteil, dass die 4 größten Ballungsräumen auf einer Geradelinie liegen (Lille-Paris-Lyon-Marseille) und man also mit einer Schienenautobahn verbinden kann.

Deutschland vermisst diesen Luxus und muß deswegen mit Kompromissen leben. Manche Relationen profitieren mehr oder weniger, manche nicht.
Auch bei uns hatte die HSL-Zuid NL relativ wenig gebracht. Nur der Inner-Randstadverkehr wurde beschleunigt, und das auch noch gegen einen gesalzenen Preis. Der Ost-West-Verkehr hat nur sehr geringfügig profitiert.
Bei der Hanzelijn kann man sich auch Fragen stellen, zumal die für 2013 geplanten Fahrzeiten Amsterdam-Zwolle Anfang 70er schon Alltag waren (und das mit Halt in Harderwijk) [2].

4. Ist die Geographie derart, dass gute Rendite nicht möglich sind?
Auf Flachland kann man hervorragend RE160-Strecken bauen, siehe Niederlande.
In einer hochalpinen Landschaft sind Investitionen in Tunnel und Viadukte politisch gesehen leichter verteidigbar, siehe Schweiz. Irgendwann hat die ganze Alpenregion quasi ein halbes Alphabet an BTs (Lötschberg, Gotthard, Ceneri, Zimmerberg, Brenner, Koralm, ab 2050 wohl auch Arlberg, Tauern, Karwendel).
Deutschland ist vor allem Mittelgebirge. Bei Mittelgebirge spürt man kaum, dass man teilweise starke Steigungen bewältigen muß. Von der Landschaft her würde man kaum erwarten, dass die Rennbahn K-F etwa 17 Tunnel benötigt, zumal die parallele Autobahn keinen einzigen Tunnel hat.

5. Werden Ziele/Erwartungen nicht "SMART" gestellt? Versagt man, Erwartungen zu erfüllen?

Aber vielleicht liegt das "Problem" irgendwo anders:

1. Sind wir ICE-Fans einfach zu kritisch?
2. Ist vieles, was wir ICE-Fans im Gedanken haben, mehr oder weniger irrationelles Wunschdenken?
3. Wissen wir ICE-Fans nur halbwegs, was sonstwo abgeht? Sind die Franzosen (Spanier) mit ihren TGVs (AVEs) wirklich zufrieden oder bedauern die auch die mangelnde Qualität ihres Altnetzes?
4. Versuchen wir ICE-Fans verkrampft Erfolgsmodelle anderer Bahnen auf Deutschland zu übertragen, während das gar nicht geht?
5. Betrachten wir die Problematik zuviel aus der Perspektive eines ICE-Fans und zu wenig aus der von Otto Normalbahnfahrer?

Fragen über Fragen. Was meint Ihr?


gruß,

Oscar (NL).


[1] die kurzzeitige 280 km/h Schienenraserei durfte verhältnismäßig wenig beigetragen haben.
[2] dass man in den 70ern noch weit von der aktuellen durchschnittlichen Streckenbelegung entfernt war, ist ein anderes Thema.

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Mit den neuen IC-Triebwagen wird alles besser !!

Trans-Europ-Express 2.0? Abwarten und TEE trinken!

Schienenstränge enden nicht an einer Staatsgrenze, sondern an einem Prellbock.


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