S21: zum Denkmalschutz (Allgemeines Forum)

Henrik, Freitag, 09.07.2010, 15:37 (vor 5763 Tagen) @ Jogi

der Denkmalschutz ist ja eine sehr politische Entscheidung, für dessen Richtlinien es nicht immer absolut logische folgerichtige Erklärungen gibt.

das ist eine von Dir (noch?) nicht begründete Behauptung, die wunderbarerweise in die Argumentation für den Abriss der Seitenflügel passt. Ich für meinen Teil kenne mich im Denkmalschutzgesetz nicht aus, kann Dir aber sagen: das diese garantiert einer Logik folgen.

Sicher wird eine Linie verfolgt, der liegt aber eben auch eine politisch-gesellschaftliche Komponente zu grunde und obliegt auch dem Wandel der Zeit, eben ein Abbild des gesellschaftlichen Denkens.

Gab ja auch Politiker, die forderten, den Palast der Republik unter Denkmalschutz zu stellen und stehen zu lassen.

Prora, Tempelhof stehen zu lassen folgt der Logik unseres gesellschaftlichen Bewusstseins auf die Zeit ihres Entstehens.

Ob das dann immer so "folgerichtig" ist, liegt dann im Auge des Betrachters.

Andere Länder gehen viel weniger restriktiv mit ihrem architektonischen Erbe um, verändern ihre Altbauten (siehe z.B. den Straßburger Hbf.) oder reißen sie sogar ab.

Ja und? Es gelten nun mal die deutschen Gesetze.

Und was sagt der Jurist?
"Es kommt drauf an" ;-)
und sowas kann dann eben auch vor Gericht landen.

Denkmalschutz ist eben auch eine Abwägung.
Zwischen Denkmalschutz und öffentlichem Interesse von Neubauten an gleicher Stelle.

Das Gericht führte aus, das Erhaltungsinteresse des Urhebers müsse "hinter den Modernisierungsinteressen des Eigentümers zurücktreten". Das Interesse der Bahn an der Umgestaltung des Bahnhofsgebäudes überwiege.
stuttgarter-zeitung.de...abriss-zugunsten-von-stuttgart-21-gericht-erlaubt-bahnhofsumbau


restriktiv in der heutigen Zeit...
wäre der Denkmalschutz Ende der 40er, in den 50ern so restriktiv wie heute, würden heute noch etliche Gebäude in vielen Städten Westdeutschlands stehen oder zumindest deren Fassade, denen wir heute eher hinterhertrauern und eher denken, es hätte sie im Krieg schon getroffen.

Wie schwer es ist, alte Denkmäler nachzunutzen, zeigen die Extrembeispiele Tempelhof und Prora. Beide Gebäude sind heute Millionengräber und eine vernünftige Nachnutzung ist bisher nicht gelungen. Die Frage ist doch, ob man bei einem deutlich weniger wichtigen Kulturgut, wie dem Stuttgarter Hbf., ähnlich restriktiv konservatorisch vorgehen muss.

Wer sagt denn, dass der Stuttgarter Hauptbahnhof "ein deutlich weniger wichtige[s] Kulturgut" ist?
Ich habe bereits geschrieben, dass der Bonatzbau der Umkehrpunkt von den Protzbauten 19. Jahrhunderts mit den Paradebeispielen Frankfurt und Leipzig darstellt, hin zur Nüchternheit des 20. Jahrhunderts, die ihren Höhepunkt in der Neuen Sachlichkeit (Das Bauhaus Dessau als Paradebeispiel) ist.
Dann sind zwei Punkte nicht weg zu diskutieren:
1.) Der Bahnhofsturm ist ein Wahrzeichen für Stuttgart mithin ein Symbol für die (Achtung, jetzt wird's hochtrabend) Stuttgarter Identität bzw. die Stuttgarter Bevölkerung. Aber genau das ist der Konflikt, bei dem das Stuttgarter Landgericht gegen den Bonatz(ur?)enkel entschieden hat. Ist eben nur das Markante bewahrenswert oder der Bahnhof als Ganzes?

Ich hab in letzten Tagen dazu ein Satz von Ingenhoven gelesen, finds leider nicht wieder, hab einige Artikel der Stuttgarter-Zeitung überflogen....
Er sagte, ...und dieses Wahrzeichen Stuttgarts (den Turm) sehen die Stuttgarter als so sehr denkmalschützend an, dass sie ihn mit einem Werbestern verschandeln. ;-))

Das Gericht war ja durchaus der Ansicht, dass
"Der Gesamteindruck des Bauwerks erheblich verändert werde",
doch prägende Bestandteile des Bauwerks blieben erhalten.
stuttgarter-zeitung.de...abriss-zugunsten-von-stuttgart-21-gericht-erlaubt-bahnhofsumbau

2.) In die Entscheidung muss auch miteingezogen werden, was für aktuelle Anforderungen notwendig ist. Das vermag ich beim aktuellen Bahnhof nicht vollständig zu beurteilen, dass sie nicht verwendbar sind, glaube ich nicht. Wer aber gut 1,5 Milliarden Euro aufbringen kann, kann nötigenfalls auch den sechsstelligen betrag für den Umbau der Seitenflügel an aktuelle Erfordernisse aufbringen.
Mit Stuttgart 21 verlieren die Seitenflügel aus ästhetischer Sicht vollends ihre Daseinsberechtigung: die einrahmend lenkende Wirkung, die die Ankommenden willkommen heißen soll.

genau das führte wohl auch hauptsächlich mit zur positiven Entscheidung des Gerichts:
die geplante Umwandlung des bisherigen Kopfbahnhofs in einen Durchgangsbahnhof würde zu einem Funktions- und Bezugverlust der Flügelbauten führen. "Ihr Abriss ist als Konsequenz dieser Funktionsänderung hinzunehmen"
stuttgarter-zeitung.de...abriss-zugunsten-von-stuttgart-21-gericht-erlaubt-bahnhofsumbau

Das Hauptgebäude wird ja nicht angetastet und die Seitenflügel sind aus den meisten Perspektiven gar nicht zu sehen.

Eben von der Seite *lol*

Die heutigen Nutzungen sind sehr kompromisbehaftet und allenfalls noch kurzfristig akzeptabel.

Warum nur? Weil die Bahn damit rechnet, sie bald abtragen zu können.
Es dreht sich eben alles um den Kompromiss künstlerisch-ästhetischer Gesamteindruck vs. aktuelle Anforderungen. Wir halten fest, dass bei der Lage in der Innenstadt, bei der Verkehrsanbindung und mit einer entsprechenden Modernisierung sicher nicht lange leer stehen würden.
Dem stehen wahrscheinlich statische Anforderungen für die Decke des neuen Tiefbahnhofs gegenüber. Dann muss natürlich die Frage beantwortet werden, ob der Tiefbahnhofdeckel überhaupt mit den Seitenflügeln darauf gebaut werden kann.

Technisch möglich wäre das sicher, nur eben erheblich aufwendiger.
Die Bauverfahrensweise müsste eine andere sein und die Decke eben dicker, bzw. mehr Stahl drin.

Grundlage sehe ich nicht als Erstes bei der Bahn, sondern in dem Entwurf von Ingenhoven.

Bei der Projektstudie von gmp aus 1993 blieben die Seitenflügel noch stehen, soweit ich das aus den Bildern und Entwürfen erkennen kann.
Im Netz habe ich nur ein Bild gefunden..... komisch eigentlich...

[image]

Zu Berlin Lehrter Bahnhof: Der heutige Hbf. ist durchaus Nachfolger des damaligen Lehrter Bahnhof. Die Nord - Süd - Gleise liegen genau auf der ehemaligen Eisenbahntrasse und verbinden den alten Lehrter Bahnhof mit dem alten Anhalter Bahnhof (der einige 100 Meter umfahren wird). Beide gehörten zu den wichtigsten Bahnhöfen der Deutschen Reichsbahn. Als nach Überwindung der deutschen Teilung das Fahrgastpotenzial nach Berlin wieder vorhanden war, ist niemand auf die Idee gekommen, wieder zwei Kopfbahnhöfe zu bauen.

Sorry, die Argumentation ist schlicht Bullshit. Bis auf den Beinamen und die Lage haben der alte Lehrter Bahnhof und der aktuelle Berliner Hauptbahnhof überhaupt nichts miteinander zu tun. Man hat bei der Planung der Nord-Süd-Achse diese Stelle als Schnittpunkt mit der Ost-West-Achse (= Stadtbahn) ausgemacht. Nichts weiter. Betrieblich oder mit der Anbindung an das Gleisnetz haben diese Bahnhöfe garantiert nichts mit einander zu tun.

Bahnintern leben die beiden Bahnhöfe im neuen Kreuzungsbahnhof weiter.^^

Bahnintern besteht der heutige Berliner Hauptbahnhof aus zwei Bahnhöfen,

dem „Berlin Lehrter Bahnhof“ (bahninterne Abkürzung: BL) für die Gleise 1 bis 8 im Tunnel und
dem „Berlin Lehrter Stadtbahnhof“ (bahninterne Abkürzung: BLS) für die Gleise 11 bis 16 auf der Stadtbahn.
Im neuen Hauptbahnhof befindet sich an der Stelle des alten Stadtbahnhofs die neue S-Bahnstation (bahninternes Kürzel: BHBF), die betrieblich ein von den anderen Bahnanlagen getrennter Haltepunkt ist, hier findet sich noch die Bezeichnung „Berlin Hauptbahnhof – Lehrter Bahnhof“.

http://de.wikipedia.org/wiki/Berlin Lehrter Stadtbahnhof

übrigens, ..... passt dann zu oben:
Der Lehrter Stadtbahnhof stand auch unter Denkmalschutz.

Abschließende Frage: Warum vergleichst Du einen seit über 50 Jahren nicht mehr existierenden Kopfbahnhof, der längst oberirdische Durchgangsalternativen hatte, mit einem noch existierenden, in Betrieb stehendem Kopfbahnhof einer etwas kleineren Stadt? Ganz ehrlich, was willst Du mit diesem Beispiel bezwecken?

Naja, das mit den 50 Jahren passt ja nicht so recht.
Denn in der Zeit war Berlin nunmal geteilt, an der Stelle.
Vorm Krieg war da schon geplant die Kopfbahnhöfe miteinander zu verbinden, nun gut, in etwas sehr bombastischen Ausmaßen....^^
Und nach Ende der Teilung kam man dann mit dem Pilzkonzept, das diese Verbindung vorsah.
Auch da gab es contra/Alternativ-Konzepte mit Kopfbahnhöfen.


Gruß,
Henrik


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