S21: zum Denkmalschutz (Allgemeines Forum)

Jogi, Freitag, 09.07.2010, 09:05 (vor 5817 Tagen) @ Holger2

Nochmals Hallo Holger,

der Denkmalschutz ist ja eine sehr politische Entscheidung, für dessen Richtlinien es nicht immer absolut logische folgerichtige Erklärungen gibt.

das ist eine von Dir (noch?) nicht begründete Behauptung, die wunderbarerweise in die Argumentation für den Abriss der Seitenflügel passt. Ich für meinen Teil kenne mich im Denmkmalschutzgesetz nicht aus, kann Dir aber sagen: das diese garantiert einer Logik folgen.

Andere Länder gehen viel weniger restriktiv mit ihrem architektonischen Erbe um, verändern ihre Altbauten (siehe z.B. den Straßburger Hbf.) oder reißen sie sogar ab.

Ja und? Es gelten nun mal die deutschen Gesetze.

Wie schwer es ist, alte Denkmäler nachzunutzen, zeigen die Extrembeispiele Tempelhof und Prora. Beide Gebäude sind heute Millionengräber und eine vernünftige Nachnutzung ist bisher nicht gelungen. Die Frage ist doch, ob man bei einem deutlich weniger wichtigen Kulturgut, wie dem Stuttgarter Hbf., ähnlich restriktiv konservatorisch vorgehen muss.

Wer sagt denn, dass der Stuttgarter Hauptbahnhof "ein deutlich weniger wichtige[s] Kulturgut" ist?
Ich habe bereits geschrieben, dass der Bonatzbau der Umkehrpunkt von den Protzbauten 19. Jahrhunderts mit den Paradebeispielen Frankfurt und Leipzig darstellt, hin zur Nüchternheit des 20. Jahrhunderts, die ihren Höhepunkt in der Neuen Sachlichkeit (Das Bauhaus Dessau als Paradebeispiel) ist.
Dann sind zwei Punkte nicht weg zu diskutieren:
1.) Der Bahnhofsturm ist ein Wahrzeichen für Stuttgartm mithin ein Symbol für die (Achtung, jetzt wird's hochtrabend) Stuttgarter Identität bzw. die Stuttgarter Bevölkerung. Aber genau das ist der Konflikt, bei dem das Stuttgarter Landgericht gegen den Bonatz(ur?)enkel entschieden hat. Ist eben nur das mMrkante bewahrenswert oder der Bahnhof als Ganzes?
2.) In die Entscheidung muss auch miteingezogen werden, was für aktuelle Anforderungen notwendig ist. Das vermag ich beim aktuellen Bahnhof nicht vollständig zu beurteilen, dass sie nicht verwendbar sind, glaube ich nicht. Wer aber gut 1,5 Milliarden Euro aufbringen kann, kann nötigenfalls auch den sechsstelligen betrag für den Umbau der Seitenflügel an aktuelle Erfordernisse aufbringen.
Mit Stuttgart 21 verlieren die Seitenflügel aus ästhetischer Sicht vollends ihre Daseinsberechtigung: die einrahmend lenkende Wirkung, die die Ankommenden willkommen heißen soll.

Es ist häufig sehr schwer oder sogar unmöglich, heutige Anforderungen an Klima, Telekommunikation oder Raumaufteilung in einem alten Gebäude unterzubringen. Viele Gebäude werden darum zum Beispiel so saniert, dass nur die wesentlichen Außenfassaden stehenbleiben (z.B. Potsdamer Karstadt). In Frankfurt werden sogar alt aussehende Häuser neu gebaut (z.B. Thurn- und Taxis - Schloss).

Spricht ja prinzipiell nichts dagegen, selbiges bei den Seitenflügeln zu machen, oder?

Für mich ist nicht verständlich, warum die nur noch teilweise genutzten Seitenflügel des Bahnhofs gemäß den Kritikern unbedingt stehenbleiben müssen.

Es stellt sich die Frage, ob die Bahn sie nicht nutzbar machen will.
Das sie bei der Lage unattraktiv sind glaube ich nicht.

Das Hauptgebäude wird ja nicht angetastet und die Seitenflügel sind aus den meisten Perspektiven gar nicht zu sehen.

Eben von der Seite *lol*

Die heutigen Nutzungen sind sehr kompromisbehaftet und allenfalls noch kurzfristig akzeptabel.

Warum nur? Weil die Bahn damit rechnet, sie bald abtragen zu können.
Es dreht sich eben alles um den Kompromiss künstlerisch-ästhetischer Gesamteindruck vs. aktuelle Anforderungen. Wir halten fest, dass bei der Lage in der Innenstadt, bei der Verkehrsanbindung und mit einer entsprechenden Modernisierung sicher nicht lange leer stehen würden.
Dem stehen wahrscheinlich statische Anforderungen für die Decke des neuen Tiefbahnhofs gegenüber. Dann muss natürlich die Frage beantowrtet werden, ob der Tiefbahnhofdeckel überhaupt mit den Seitenflügeln darauf gebaut werden kann.

Zu Berlin Lehrter Bahnhof: Der heutige Hbf. ist durchaus Nachfolger des damaligen Lehrter Bahnhof. Die Nord - Süd - Gleise liegen genau auf der ehemaligen Eisenbahntrasse und verbinden den alten Lehrter Bahnhof mit dem alten Anhalter Bahnhof (der einige 100 Meter umfahren wird). Beide gehörten zu den wichtigsten Bahnhöfen der Deutschen Reichsbahn. Als nach Überwindung der deutschen Teilung das Fahrgastpotenzial nach Berlin wieder vorhanden war, ist niemand auf die Idee gekommen, wieder zwei Kopfbahnhöfe zu bauen.

Sorry, die Argumentation ist schlicht Bullshit. Bis auf den Beinamen und die Lage haben der alte Lehrter Bahnhof und der aktuelle Berliner Hauptbahnhof überhaupt nichts miteinander zu tun. Man hat bei der Planung der Nord-Süd-Achse diese Stelle als Schnittpunkt mit der Ost-West-Achse (= Stadtbahn) ausgemacht. Nichts weiter. Betrieblich oder mit der Anbindung an das Gleisnetz haben diese Bahnhöfe garantiert nichts mit einander zu tun.
Und natürlich ist niemand auf die Idee gekommen, auf der Stadtbahn einen Abzweig zu einem Kopfbahnhof zu bauen.

Abschließende Frage: Warum vergleichst Du einen seit über 50 Jahren nicht mehr existierenden Kopfbahnhof, der längst oberirdische Durchgangsalternativen hatte, mit einem noch exisiterenden, in Betrieb stehendem Kopfbahnhof einer etwas kleineren Stadt? Ganz ehrlich, was willst Du mit diesem Beispiel bezwecken?

Andere Beispiele für Konvertierung von Kopfbahnhöfen:
Malmö, Brüssel und Ausbau Amsterdam Zuid, nach Bau der Metro, zur Entlastung von A. Centraal.

Aha. Und deswegen ist es Stuttgart zwingend und unausweichlich und sonst was nötig den Kopfbahnhof tieferzulegen?

Herzlichst, Jogi


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