JP: 27 Jahre Vorsprung, andere Dimensionen. (Allgemeines Forum)

Oscar (NL), Eindhoven (NL), Dienstag, 08.06.2021, 21:19 (vor 11 Tagen) @ worfie

Konnichiwa!

Wie sehr ich die Shinkansen mag: ein paar Bemerkungen soll man nicht vergessen.

Die Bahn (DE) ist zu langsam und unzuverlässig.

Unzuverlässig: kann sein.
Langsam: Punkt-Punkt, ja. Netzgeschwindigkeit ist in Vergleich zu FR/ES/IT schon besser. Zu den Fernbahnhöfen von Paris, Madrid, Barcelona, Mailand oder Rom muss man zuerst auch mal kommen. Und das gilt erst recht für CN: Beijing, Shanghai, Guangzhou, Wuhan, Changsha usw. Da verreist ein Normalchinese mehr als 1 Stunde im Nahverkehr. Die Stunde, die Otto und Bärbel nicht verbummeln, weil der ICE in den Innenstädten hält.

Im Text wird eine Luftentfernung von um die 480km genannt. Hier in Japan liegt zwischen Osaka und Tokyo auch eine vergleichbare Entferung von ca. 490km. Im Vergleich zwischen Bahn und Flugzeug hat die Bahn hier einen Marktanteil von 75% (Zahlen von 2017, ich vermute, dass Anschlussflüge von internationalen Reisen vielleicht nicht mit gezählt werden.)

Bahn:

* Reisezeit ca 2 Stunden und 25 Minuten, je nach Anfahrt ist die Gesamtreisezeit unter Umständen sogar schneller als mit dem Flugzeug

Tokyo-Osaka. Luftlinie 397 km. Strecke 502 km. Mit der Bahn vielleicht etwas weniger, aber nicht viel weniger. Das Naturschutzgebiet nördlich von Shizuoka möchte man lieber nicht durchqueren.
502 km in 2:25 kann sich sehen lassen: 207,8 km/h.

* Pro Richtung 378 Züge pro Tag (vor Corona), flexibler geht es nicht.

Tabelle. Nozomi in 10-Minutentakt = genauso oft wie bei uns in NL der "IC". Tabelle (PDF). Nozomi halten in Tokyo-(7)-Shingawa-(11)-Shin-Yokohama-(77)-Nagoya-(35)-Kyoto-(14)-Shin-Osaka.
Halbstündlich Hikari mit 3-4 mehr Halten bis Nagoya und alle Halte ab Nagoya.
Halbstündlich Kodama mit allen Halten bis Nagoya (Züge enden dort).

Was DE mit Deutschlandtakt nachstrebt (Halbstundentakt auf Hauptachsen), hat der Tokaido Shinkansen schon mit dem Kodama.
Auch nicht vergessen: es wird mit N700 gefahren. 16-teilige Triebwagen. Kapazität dreimal so viel wie ein gleich schneller ICE3.

Aber:

1. Bevölkerungskonzentrationen wie Tokyo (14 Mio.), Yokohama (3,7 Mio), Nagoya (2,3 Mio.) und Osaka (2,7 Mio.) muss man in Deutschland gut suchen. Mit viel Phantasie finde ich Rhein-Ruhr-Sieg, Berlin, Gross-Hamburg (inkl. Harburg, Norderstedt usw.) und Gross-München (inkl. Dachau, Fürstenfeldbrück, Freising, Ebersberg, Erding, Starnberg usw.)
a. diese liegen aber jeweils weiter als 500 km auseinander;
b. diese liegen in einem Viereck und nicht auf einer Geradelinie.

2. Japan nahm die ersten Shinkansen 1964 in Betrieb, Deutschland folgte erst 1991 mit dem ICE. Japan hat also 27 Jahre Vorsprung.
Gut, ich kann auch sagen, Alter sei nur eine Nummer, denn die Chinesen haben in 13 Jahren Zeit ein Netz von 38.000 km an Rennbahnen gebaut.

3. Das Shinkansen-Netz hat eine andere Spurweite als das (Kapspur-)Normalnetz. Ist also komplett getrennt vom restlichen Netz. In Deutschland muss der ICE Streckenkapazität mit langsameren Zügen teilen. Und auch auf den Rennbahnen passiert mal dass ein 200 km/h IC1 einen 300 km/h ICE3 ausbremst. In Zentraljapan sind aber Nozomi, Hikari und Kodama alle 300 km/h schnell. Diese Situation findet man in Deutschland nur auf lediglich 140 km Doppelgleis: Siegburg/Bonn - Frankflug. Diese Strecke wird aber nur 4x pro Stunde und Richtung befahren und nicht 10x wie der Tokaido Shinkansen.

4. Spurtstärke. Alles Triebwagen seit Tag 1, manchmal Mehrheit der Achsen angetrieben. In DE ist bestenfalls die Hälfte der Achsen angetrieben, bei lokbespannten Zügen nur 4 Achsen.

5. Personal- und Fahrgastdisziplin. Nix Ersatzzug mit abweichender Wagenreihung oder falsch rumstehender Zug. Man weiss wo den gebuchten Sitz ist, man weiss wo der gebuchte Wagen kommt und man stellt sich hin.

* Kaum Rabatte, oft ist die Bahn genauso teuer oder teurer als das Flugzeug
* Wenig Service: Keine Lounges und kaum Sitzplätze am Bahnhof, Reservierungen kosten viel Geld, großes Gepäck kostet extra, kein WLAN, keine Freigetränke.

Das könnte in JP ein Vorteil sein: Services die man nicht hat und denen nicht bekannt sind, vermisst man auch nicht.
Statt Bordrestaurant gibt es "ekiben" und sollte die Beschaffung/Verzehr dann doch ein paar Minuten länger dauern: 10 Minuten später fährt der nächste Nozomi.
Reservierungen kosten viel Geld? Die Rennzüge sind doch reservierungspflichtig? Dann ist die Sitzplatzreservierung doch mit drin oder? Oder muss man in JP für platzgenaue Reservierung ordentlich abkassieren, falls man mit der Sitzplatzlotterie nicht einverstanden ist?

Es gibt aber diese eine Service die alle andere überflüssig macht: Sekundenpünktlichkeit!
Ein Schaffner entschuldigt sich für 12 Sekunden Verspätung!

Wenn man nun bedenkt, dass die Bahn einen so hohen Marktanteil hat, kann es ja eigentlich nur an zwei Punkten liegen:
1. Die Reisezeit von Start- bis Ziel.
2. Die Flexibilität, dadurch dass alle paar Minuten ein Zug fährt.

Oder wir haben in EU Auto und Flieger zu reizvoll gemacht und demzufolge Bus & Bahn vernachlässigt.

Und dann kommt Deutschland mit Strecken, wo nur alle 60-120 ein einzelner Zug angeboten wird, auf Strecken, die vielleicht mal zu 30% ausgebaut sind, sich aber die restlichen 70% mit Nah- und Güterverkehr teilen. Das ist nichts Halbes und nichts Ganzes.

Dafür rollt aber nur 5% der Güter über die Schiene. 50% der Güter wird mit LKWs transportiert, 44% maritim. Gut, Coaster und Binnenschiff können unter Umständen umweltfreundlicher sein als die Bahn.

Dennoch werden in EU wesentlich mehr Güter mit der Bahn transportiert als in JP.


gruß,

Oscar (NL).

--
Mit den neuen IC-Triebwagen wird alles besser !!

Verkehrsstaus müssen etwas Tolles sein, sonst würden nicht alle mitmachen.

Schienenstränge enden nicht an einer Staatsgrenze, sondern an einem Prellbock.


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