Wenn man mal einen Blick auf Übersee wirft... (Allgemeines Forum)

worfie, Dienstag, 08.06.2021, 16:47 (vor 11 Tagen) @ Mike65

Hier ein Spiegel-Artikel zum schon öfter diskutierten Thema Ersatz von Kurzstreckenflüge durch Bahnfahrten:

https://www.spiegel.de/auto/kurzstreckenfluege-in-deutschland-alternative-gesucht-a-8f6...

Erstaunlich, dass München-Berlin die am häufigsten beflogene innerdeutsche Strecke ist. Das können nicht alles Zu- und Wegbringerflüge sein, denn die großen internationalen Flugverbindungen starten meist von Frankfurt.

Laut Ursprungstext wird ja impliziert, dass ca. 80% der Fluggäste von Punkt zu Punkt fliegen und 20% Anschlussreisende sind.
München ist, nachdem sich Berlin ja 1933-1945 als Weltmetropole abgesägt hat, nach Frankfurt der wichtigste Knotenpunkt im Flugverkehr und von der Aufenthaltsqualität eigentlich jederzeit gegenüber Frankfurt zu bevorzugen.

Aber eigentlich läuft es doch auf zwei Punkte aus:
Die Bahn ist zu langsam und unzuverlässig. Wenn ich mal München - Berlin schaue, finde ich Verbindungen, die zwischen 4 und 4,5 Stunden dauern. Nicht gerade katastrophal schlecht im Vergleich zu anderen Verbindungen, aber einen Blumentopf gewinnt man damit nicht. Mit nem Flugzeug wäre man nach einem Termin in Berlin ratzfatz wieder in München, mit der Bahn erst spät am Abend. Klar, die endgültige Reisezeit hängt natürlich dann auch vom Zielort ab.

Und das große Problem bei Anschlussreisenden: Buchst du alle Flüge auf einem Ticket, bist du fein raus. Hat der Zubringer Verspätung, ist das erst einmal Problem der Fluggesellschaft. Bei der Deutschen Bahn und deren Zuverlässigkeit hingegen stehst du vor der Wahl, mehrere Stunden vor Abflug schon am Flughafen zu sein, oder dein Flugticket bei einer Verspätung entweder abschreiben zu oder mit einem immensen Aufwand hinterher rennen zu müssen.

Im Text wird eine Luftentfernung von um die 480km genannt. Hier in Japan liegt zwischen Osaka und Tokyo auch eine vergleichbare Entferung von ca. 490km. Im Vergleich zwischen Bahn und Flugzeug hat die Bahn hier einen Marktanteil von 75% (Zahlen von 2017, ich vermute, dass Anschlussflüge von internationalen Reisen vielleicht nicht mit gezählt werden.)

Wenn man die Verkehrsmittel auf der Strecke nun ganz grob vergleicht:

Flugzeug:

* Auf die schnelle nicht ermittelbar, wieviel Verbindungen es pro Tag gibt. Mit LCCs dürften es aber bestimmt um die 100 Flüge pro Tag sein.
* Reine Zeit im Flugzeug ca. 1 Stunde,
* Man sollte jedoch 15-20 Minuten vor Abflug an der Sicherheitskontrolle sein.
* Für ganz spontane Reisen am teuersten, mit kurzfristiger Vorbuchung meist auf dem gleichen Niveau wie die Bahn, manchmal billiger. LCCs sind noch billiger.
* Bei normalen Airlines besserer Service als im Zug: WLAN ist kostenlos, es gibt ein Getränk, Sitzplatzreservierung ist kostenlos, und im Gegensatz zur Bahn muss man für einen großen Koffer auch keine Gebühren bezahlen.

Bahn:

* Reisezeit ca 2 Stunden und 25 Minuten, je nach Anfahrt ist die Gesamtreisezeit unter Umständen sogar schneller als mit dem Flugzeug
* Pro Richtung 378 Züge pro Tag (vor Corona), flexibler geht es nicht.
* Keine Sicherheitskontrollen und bei normalen Fahrkarten gilt noch tarifliche Gleichstellung, so dass man günstiger zum Zielort kommt
* Kaum Rabatte, oft ist die Bahn genauso teuer oder teurer als das Flugzeug
* Wenig Service: Keine Lounges und kaum Sitzplätze am Bahnhof, Reservierungen kosten viel Geld, großes Gepäck kostet extra, kein WLAN, keine Freigetränke.


Auto:

* Fahrtzeit etwa 7 Stunden
* Für Alleinreisende die teuerste Variante. Alleine die Mautgebühren für eine einfache Fahrt liegen bei ca. 80 Euro und sind mit einem Bahn- oder Flugticket vergleichbar. Die Benzinkosten und weitere Kosten sind noch gar nicht mit eingerechnet.


Wenn man nun bedenkt, dass die Bahn einen so hohen Marktanteil hat, kann es ja eigentlich nur an zwei Punkten liegen:
1. Die Reisezeit von Start- bis Ziel.
2. Die Flexibilität, dadurch dass alle paar Minuten ein Zug fährt.

Und dann kommt Deutschland mit Strecken, wo nur alle 60-120 ein einzelner Zug angeboten wird, auf Strecken, die vielleicht mal zu 30% ausgebaut sind, sich aber die restlichen 70% mit Nah- und Güterverkehr teilen. Das ist nichts Halbes und nichts Ganzes.


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