Beobachtung: 9 €-Ticket als Ersatz für Bus-Klassenfahrten?! (Allgemeines Forum)

Pfälzer, Samstag, 02.07.2022, 19:03 (vor 1348 Tagen) @ Administrator

Hallo liebe Forengemeinde,

dass die Bahn als Verkehrsmittel für so manchen Schulausflug herhalten darf ist an sich nicht ungewöhnlich. Und dass sich die Anzahl der Wandertage und Exkursionen mit zeitlicher Nähe zu den Sommerferien zunehmend erhöht war m. E. auch schon immer so.

Gerade in den letzten Tagen ist mir aber etwas aufgefallen, was ich so noch vor Corona nicht so häufig beobachten konnte: Ganze Schulklassen sind mit Sack und Pack im Regionalverkehr unterwegs zu einer mehrtägigen Klassenfahrt!

Im einzelnen sind mir folgenden Reisegruppen aufgefallen:
- am Mittwoch enterte eine Oberstufengruppe den S 4-Eilzug nach Weinsberg am Karlsruher Bahnhofsvorplatz; dem Vernehmen nach ging es nach Heilbronn
- am Donnerstag stürmte eine Horde Grundschulkinder / Unterstufenschüler in Pforzheim von der Nagoldtalbahn rüber zum IRE 1 nach Karlsruhe, um in Durlach in die Straßenbahn umzusteigen und damit die Jugendherberge auf dem Campus der Technischen Hochschule zu erreichen
- am Freitag war ich ganz verwundet, als der 10-Uhr-Takt meiner RB 51, der normalerweise gähnend leer ist, bis auf den letzten Platz mit einer badischen Unter- / Mittelstufengruppe und deren großen Hartschalenkoffer besetzt war, die in Neustadt Quartier bezogen hatte

Aus meiner Schulzeit und von den umgebenden Schulen war mir bisher eher bekannt, dass die Bahn primär für Tagesausflüge genutzt wird. Davon betroffen war dann auch stets der erste Takt, der morgens nach Schulbeginn am schulnächsten Bahnhof vorbei kommt, und mittags meist einer der Züge zur Schülerheimfahrt nach der 5. oder 6. Unterrichtsstunde. Damit war man am Vormittag (also ca. zwischen 9 und 12 Uhr) meist vor diesen Schulgruppen sicher und konnte die Fahrt in leeren Zügen genießen.

Bei mehrtägige Klassenfahrten war, von kleineren "Freizeiten" schulischer Schwerpunktgruppen (Chor, Orchester, etc.) einmal abgesehen, normalerweise das erste, das organisiert wurde, ein Bus! Kein Wunder, ist dieses Verkehrsmittel aus Sicht des Lehrpersonals gegenüber der Bahn doch deutlich im Vorteil:
- direkte Punkt-zu-Punkt-Verbindung auf dem schnellsten Weg
- kein Risiko für Anschlussverluste
- kein Durchzählen der Kinder nach jedem Ausstieg
- keine Notwendigkeit, gefühlt 100 mal an alle die Ausstiegshaltestelle zu verkünden
- deutlich geringeres Risiko für den Verlust von Gepäckstücken
Zudem sind Reisebusse spätestens dann auch preislich im Vorteil, wenn das Ziel der Klassenfahrt außerhalb des Geltungsbereichs des lokalen Verkehrsverbunds / lokal gültigen Ländertickets liegt. Aber auch bei kürzeren Strecken boten die Unternehmen oft günstige Preise, wenn die produktive Hinfahrt zur Herberge und die Rückfahrt zum Betriebsstandort an einem Vormittag erledigt werden konnten. Bus und Fahrer konnten dann nämlich zur Überbrückung der Lücke eines geteilten Dienstes und Umlaufs eingesetzt werden, wodurch Material und Personal besser ausgelastet wurde.

Nun, da Corona (zwischenzeitlich) de facto von der öffentlichen (Nicht-)Wahrnehmung für beendet / pausiert erklärt wurde, besteht an den Schulen natürlich ein enormer Nachholbedarf an Klassenfahrten, die in den letzten beiden Jahren ausgefallen sind. Die Folge davon entspricht meiner Beobachtung: Insbesondere am Vormittag sind derzeit vermehrt Schülergruppen auf Klassenfahrt in den sonst zur Nebenverkehrszeit recht dürftig gefüllten Zügen unterwegs. Als Fahrkarte wurde dabei in allen beobachteten Fällen ausschließlich das 9-Euro-Ticket genutzt.

Das wirft im Anschluss die Frage auf: Werden aktuell vermehrt Klassenfahrten vom Verkehrsmittel "Reisebus" zum Verkehrsmittel "Bahn" verlagert? Und wurden sogar Busse für Klassenfahrten abbestellt, als sich das 9-Euro-Ticket angekündigt hatte?

Ich kann mir jedenfalls den anscheinenden Sinneswandel in den Schulen weg vom Reisebus und hin zur Bahn nicht anders erklären als mit dem spottgünstigen Preis des 9-Euro-Tickets, mit dem sich der Gesamtpreis so einer Klassenfahrt wesentlich senken lässt. Dabei mutet es aber schon ungläubig an, dass die bisherigen Strapazen (siehe Auflistung der Vorteile des Reisebus oben) nun bewusst mit dem Argument einer Preissenkung in Kauf genommen werden.

Sollte dem tatsächlich so sein, dass durch das 9-Euro-Ticket vermehrt auch mehrtägige Schulausflüge mit der Bahn unternommen werden, könnte das das Potenzial für eine dauerhafte stärkere Präsenz des Verkehrsmittels Bahn in der Wahrnehmung der Schulen bezüglich Exkursionen bieten. Oder aber die negativen Erlebnisse zu 9-Euro-Zeiten sind so abschreckend, dass sie genau das Gegenteil bewirken. Für die Bahn als Verkehrsmittel und für den pädagogischen Effekt gegenüber den Schülern wäre natürlich ersteres zu hoffen, aus Sicht eines am Vormittag mitreisenden unbeteiligten Fahrgasts natürlich aber letzteres ;)

(Insgeheim warte ich ja nur, bis einmal wegen zu vieler Schülergruppen in einem Zug eine Gruppe nicht oder nur teilweise zusteigen kann. Dann bricht das totale Chaos aus!)

Freundliche Grüße aus dem Süden!


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