Auto in NL und DE unverzichtbar, in CH nicht... (Allgemeines Forum)

Oscar (NL), Eindhoven (NL), Montag, 30.01.2012, 10:51 (vor 5189 Tagen) @ Alphorn (CH)

3.) Die Infrastrukturdichte ist in Deutschland deutlich unterschiedlicher. Wir haben viel mehr Straßen als Schienen. In der Schweiz ist das Verhältnis deutlich ausgeglichener.

Autobahn DE: 13000 km. Bahn DE: 36000 km. 2,8 mal mehr Bahn also Autobahn.
Autobahn CH: 1750 km. Bahn CH: 5000 km. 2,9 mal mehr Bahn als Autobahn.

Eine Autobahn ist eine Straße, aber nicht jede Straße ist eine Autobahn.
Wie würde das Verhältnis aussehen, wenn man alle Straßen berücksichtigt? Die kleine Sackgasse bringt der Autofahrer vor die Tür, die Autobahn nicht.

Dafür ist die Bevölkerung (sind die Städte und Gemeinden) in Deutschland stärker in der Fläche verteilt, sodass Individualverkehr deutlich lukrativer ist als in der Schweiz, da man viel mehr mögliche Relationen berücksichtigen muss und daher nicht gut bündeln kann.

Hm, hast du dafür Quellen? In der Schweiz wird erst seit Kurzem die Siedlungspolitik an der Bahn ausgerichtet, das hat noch nicht viele Spuren hinterlassen.

Ende 60er/Anfang 70er des vorherigen Jahrhunderts stiegen bei uns in NL die Gehalte -> man hatte mehr Geld zu spendieren und man erhielt mehr Freizeit.
Für viele von uns wurde es möglich, ein Haus zu kaufen, bevorzüglich weit weg vom Stress der Stadt. Man brauchte die Stadt für die Sachen, die das Leben verangenehmen (Dienstleister, Shopping, Freizeit), aber nicht für die Sachen, die das Leben verunangenehmen (Stank, Lärm, Kriminalität).
Auch die Regierung sah gerne, dass die Bevölkerung sich ein Haus kaufen konnte. Also entschied man, die für das geliehene Geld verschuldete Zinsen vom Steuer zu befreien (NL: "hypotheekrenteaftrek"). Weil man auf der Fläche mehr Quadratmeter für das Geld erhielt, entstand eine Bewegung der Bevölkerung aus der Stadt. Zudem entstand eine Mobilitätsnachfrage, die Bus und Bahn nicht mehr abdecken konnten: der Freizeitverkehr.

Hinzu kam, dass in den Dekaden danach das Auto eine Gelddruckmaschine unserer Regierung wurde. Autofahrer zahlen ja zahlreiche Formen von Steuer; aus diesen Moneten wurden dann neue Straßeninfraprojekte finanziert. Demzufolge ist man mit Sparmaßnahmen für die Autofahrer vorsichtig.
Weil zugleich die Nachfrage Bus & Bahn auf dem Flachland immer abnahm (man hatte ja das Auto), wurde das Angebot dort eingespart. Diese Entwicklung verstärkt sich, denn entweder ziehen Flachlandeinwohner weg oder sie tauschen (mangels Angebot) Bus & Bahn für das Auto um.
Diese beiden Mechanismen futterten auch die bei uns populären Mythen "der Autofahrer bringt Geld in die Staatskasse, der Bahnfahrer kostet Geld" und "ÖV wird massiv subventioniert, Straßenverkehr ist eigenwirtschaftlich".

Die Nachfolgegeneration wuchs also mit der Selbstverständlichkeit des Autos auf; der Bus brauchte man nur für die Fahrten zu/von der Schule. Sobald man 18 war, kaufte man sich ein Auto und hatte der Bus einen Kunden verloren. Erst in den 90ern mit der Einführung der ÖV-Studentenkarte konnte man diese Umwandlung auf etwa Alter 24 Jahre verschieben. Wenn man aber als Student einen anständigen Job hat, wird man meistens einen "company car" haben und erübrigt sich Bus & Bahn.

Diese Entwicklung der Modal Share von Bahn zu Auto hat sich bei uns also schon in den 70ern eingesetzt, läuft immer noch und wird wohl noch lange so bleiben. NS kann Personenkilometer-Zunahmen schreiben was sie will, die Zunahme der Autopersonenkilometer ist stärker.

Demzufolge brauchen wir (und Deutschland wohl auch) weder Rennbahnen noch ITF noch Autobahngebühr noch Flugsteuer. Wir brauchen an erster Stelle eine Nachfolgegeneration, die sich von der Knappheit der Ressourcen mehr und mehr bewußt wird und bereit ist, an einer (zumindest bezüglich Energienachfrage) mineralölfreien und umweltfreundliche Gesellschaft zu arbeiten.


gruß,

Oscar (NL).

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Mit den neuen IC-Triebwagen wird alles besser !!

Trans-Europ-Express 2.0? Abwarten und TEE trinken!

Schienenstränge enden nicht an einer Staatsgrenze, sondern an einem Prellbock.


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