Französische Zentralisierung und deutsche Kleinstaaterei (Reiseberichte)

L.Willms, Dienstag, 14.04.2015, 22:02 (vor 4055 Tagen) @ Lumi25

Sie suchen sich nur das raus was ihnen ins Konzept passt. Ich habe nicht nur Frankreiche genannt sondern auch Italien mal ganz davon abgesehen ist Lyon mit einer der größten Städte in Frankreich dennoch führt die NBS an der Stadt vorbei.

Nein, sie führt nach Lyon und sie führt an ihr vorbei nach Marseille.

Man könnte natürlich auch alle TGV von Paris nach Marseille über Lyon führen und dort halten lassen, aber dann würde man in Lyon gut die Hälfte der Fahrgäste verlieren.

Eine Lösung wäre, die Züge in Lyon zu schwächen in Richtung Süden und zu stärken in Richtung Norden, aber dann hätte man das Problem, daß in Lyon die Hälfte des in Lyon bleibenden Zugteils in den weiterfahrenden Zugteil umsteigen würde.

Und unter diesen Umständen ist es einfach sinnvoller, den nach Marseille durchfahrenden Zugteil garnicht erst in Lyon halten zu lassen.

Also "die Hälfte" ist jetzt von mir etwas sehr grob geschätzt, aber so ungefähr sind die Verhältnisse, uns solche Verhältnisse gibt es praktisch nirgendwo in Deutschland. Nicht mal die ICE, die von Süden her über Hannover hinaus nach Hamburg fahren verlieren in Hannover einen derart hohen Anteil ihrer Fahrgäste, daß sich Vorbeifahrten an Hannover mit direkten Zügen nach Hamburg lohnen würde.

Auch Italien ist nicht so durch Rom monopolisiert; gerade die Lombardei mit Mailand und Piedmonte mit Torin sind durchaus gewichtig.

Gegen Lyon ist Göttingen nur eine Milchkanne (überspitzt ausgedrückt).

Aber in Göttingen wiegt sich die Zahl der Einsteiger und Aussteiger in beide Richtungen weitgehend auf. Und es steigen in GÖ ziemlich viele ein- und aus. Ich hab mich vor fünf Jahren mal bei der Leitung des Bahnhofs Göttingen nach der Zahl der Fernverkehrsreisenden dort erkundigt, und bekam eine Zahl, von der ich nicht mehr weiß, ob es 30'000 oder 23'000 pro Tag waren. Eine Suche in Google Groups nach diesem alten Beitrag führt leider zu extremen Hängs, so daß ich die aufgegeben habe.

Hingegen ist der Verkehr von Lyon nach Marseille weeesentlich schwächer als der von Lyon nach Paris. Für Göttingen hingegen lohnt es sich nicht, hier Fernzüge enden zu lassen, um anderen Fernzügen zu ersparen, die Hälfte ihrer Reisenden in Göttingen zu verlieren und leer weiterzufahren.

"Den TGV bekommen" bedeutet in Frankreiche eine schnelle Direktverbindung nach Paris zu bekommen. "Den ICE bekommen" bedeutet in Deutschland hingegen in keinster Weise eine Direktverbindung nach Berlin und Umsteigeverbindungen in alle anderen Zentren und Oberzentren der deutschen Duodezfürstentümer.

Nicht nur, daß Frankreich einen Bevölkerungsschwerpunkt hat mit der Ile de France, und der zudem in sich noch stark zentralisiert ist auf Paris intra muros, ist auch die gesamte Bevölkerungsdichte in Frankreich wesentlich geringer. Es ist glaub ich so: In Deutschland wohnt ein Drittel mehr Menschen als in Frankreich auf einer um ein Drittel kleineren Fläche -- auch wenn das schnellere Bevölkerungswachstum in Frankreich diesen Unterschied weniger krass werden läßt.

Wenn Sie schon den Eisenbahnverkehr in Deutschland in das französichen Pokrustesbett zwängen wollen, dann dürfen Sie aber eine 300-km/h-Neubaustrecke vom Ruhrgebiet nach Berlin nicht in Bielefeld halten lassen und auch an Hannover vorbeiführen. Aber was kostet das, und wie oft am Tage würde man einen ganzen Zug vollkriegen für Fahrgäste, die die ganze Strecke fahren wollen? Übrigens würde so eine Schnellfahrstrecke wie bei der Einfahrt nach Paris am Rande des Ruhrgebiets enden und beginnen -- in Hamm, von wo aus man die Fahrgäste am besten in die Fläche verteilen kann.


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