Bahn-Sicherheitskriterien sichern Fahrgastleben (Allgemeines Forum)

Henrik, Montag, 24.01.2011, 04:03 (vor 5561 Tagen) @ Alphorn (CH)

Nochmal kurz meine These: Wenn man die Sicherheitsanforderungen an die Bahn ins unendliche schraubt und dadurch den Betrieb behindert, treibt man die Reisenden ins Auto, wo sie wesentlich grösseren Gefahren ausgesetzt sind.

"Ins unendliche" ist subjektiv und hier eher unpassend.
Gerade an redundanten Stellen sollten die Sicherheitsanforderungen berechtigt hoch sein.
Wenn sich temporäre Behinderungen im Betrieb ergeben durch einen singulären Vorfall, dann sollte man da nicht die Sicherheitsbehörde/Gutachter etc für verantwortlich machen, das wäre falsch & unverantwortlich.

Das Leben birgt nunmal Gefahren. Der Mensch hat zu lernen damit umzugehen.
Und wenn der Staat dazu beitragen kann, diese Gefahren im öffentlichen Straßenverkehr zu minimieren, dann soll er das auch tun. Und das macht er und zwar erfolgreich. Die Zahl der Verkehrstoten ist stets jedes Jahr rückläufig.

Absolute Sicherheit ist aber dann eine sehr schlechte Idee,...

Ist es nicht ein Widerspruch in sich, absolute Sicherheit als schlechte Idee zu bezeichnen, wenn man dem "Schutz von Leib und Leben" oberste Priorität einräumt? Oder anders gesagt: Ist es nicht grob fahrlässig, etwa 1 Prozent Unsicherheit zuzulassen, wenn wissentlich z.B. 0,5 Prozent möglich wären? (Alle Prozentangaben sind selbstverständlich als irgendwelche Hausnummern zu sehen).

Frage: Warum ist das Tempolimit auf der Strasse nicht bundesweit 30 km/h? Das wäre nahezu absolute Sicherheit im Strassenverkehr.

Wieso sollte es das sein?
Es gibt heute schon in nahezu allen Wohngebieten bundesweit ein 30 km/h Tempolimit
und doch kommt es immer wieder zu tödlichen Unfällen in den Bereichen
und noch höhere Anzahl von Unfällen ohne Todesfolge.
Und das sind alles Ereignisse, die keine ICE-Fahrt verhindert hätte.

Inwiefern ist es nicht genauso grob fahrlässig, jährlich 4000 Strassenverkehrstote zu akzeptieren, wenn man die auf praktisch 0 reduzieren könnte?

Die 4000 Strassenverkehrstote p.a. wird keiner gutheißen,
es bestehen aber überall große Anstrengungen, diese Zahl noch weiter herunterzuschrauben.
Wenn Du heiße Tipps hast, wie man sie tatsächlich realistisch auf "praktisch 0 reduzieren könnte",
dann immer nur her damit bzw. am besten gleich weiter an die Unis, Ministerien etc.

... handelt man grob fahrlässig und riskiert unmittelbar Menschenleben. Wurden nicht innerhalb weniger Wochen bei drei (oder "nur" zwei) ICE-T Risse in den Radsätzen entdeckt?

Welche sich nicht unbedingt innerhalb von weiteren 15'000 km zu einem Achsbruch entwickelt hätten. Und wenn es doch geschehen wäre, hätte es vielleicht nochmal glimpflich abgehen können. Und wenn nicht, hätte man gute Chancen gehabt, dass es weit weniger schlimm als Eschede ausgegangen wäre, wo ja noch eine Brücke auf den Zug fiel.

reichlich gewagt.
Eschede.....an einer sehr hoch befahrenen Strecke, Gegenverkehr nicht auszuschließen
und genau an der Stelle, genau exakt unter der Brücke begegneten sich sonst immer ICEs - nur eben an dem Tage zufällig mal nicht (sonst hätte es mich womöglich wohl auch erwischt).
Entscheidend war auch erstmal nicht die Brücke, sondern die Weiche. Die verursachte das Entgleisen. Bauwerke können auch woanders stehen. Bahnhöfe, Brücken, Talbrücken, Tunnel etc.
Dieses Doppelfehler-Risiko versucht man jetzt anschließend ja auch immer gering zu halten.
Aber ein extra wahrlich wissentlich grob fahrlässig in Kauf nehmen von solchen Unfällen ist absolut unverantwortlich.

...kann man dadurch trotzdem Leben retten, indem die Bahn endlich wieder pünktlicher und zuverlässiger wird und die Leute weniger Auto fahren.

Mal abgesehen davon, dass es ethisch diskussionswürdig ist, die Anzahl potentiell geretteter Menschenleben so gegeneinander aufzuwiegen (nicht umsonst hat das BVG dem Abschießen entführter Verkehrsflugzeuge eine Absage erteilt), wie soll man das denn statistisch beweisen? Zynisch formuliert: denn man kann ja die Bahnunfallopfer nicht mehr fragen, ob sie mit dem Auto gefahren wären, wäre die Bahn unpünktlicher.

Leben werden andauernd geopfert, siehe Tempolimit.

Es werden nirgends Leben andauernd geopfert, nicht hier in unserem demokratischen Rechtsstaat!
Tempolimits reduzieren dort wo ein erhöhtes Unfallrisiko herrschte dieses erheblich.

Wie kann man aber die Zahl der geopferten Leben so klein wie möglich halten? Indem man die Leute zum Bahnfahren bringt, weil das 75 mal sicherer (PDF) ist als Autofahren.

Was willst Du da wie miteinander vergleichen?
Wo kommt die 75 her?
Wieviel von diesen Verkehrstoten saßen wirklich im Auto und wollten mit diesem von A nach B?
Wie weit war A von B entfernt?
Waren das FV-Relationen? die auch mit einem ICE möglich gewesen wären?

Rechne mal. Ich schlug vor, ein Risiko von 1% einzugehen, dass nochmal ein Achsbruch passiert, bis in 3 Jahren die Achsen getauscht sind. Das entspricht grob gerechnet einem Achsbruch pro 300 (!) Jahre, bei dem dann schlimmstenfalls 100 Leute sterben würden. Im einem solchen Zeitraum sterben 1.2 Millionen Menschen im Strassenverkehr!

Ich weiß nicht, wie Du auf die 300 Jahre kommst, aber das hört sich besser an als Deine zuvor formulierte 1%ige Unsicherheit.
Wie gesagt, bei einem ICE 3 Unfall bei 300 km/h auf einer Talbrücke o.ä. solltest Du mit erheblich mehr als 100 Toten rechnen und vor allem mit erheblichen Image- und Fahrgasteinbrüchen bei der Bahn. Dagegen war Eschede & Nachfolgen nichts.
Und damit hättest Du dann den Gegenteiligen Effekt. Du hättest erheblich mehr Leute "zum Auto gedrängt" als Du auch nur zur Bahn hättest bekommen können.

Mit dem Geld, die jetzt für die Ultraschalluntersuchungen ausgegeben wird, hätte man vermutlich (ich hab keine Zahlen) mehr Leben retten können, indem man Bahnübergänge beschrankt.

Soviel ist das nicht.
Viele Bahnübergänge wirst Du damit nicht beseitigen können.
Da bekommst Du vielleicht grade mal eine Brücke/Unterführung für, mehr nicht.

Außerdem unterstellst Du, dass Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit das einzige Kriterium wären, Bahn zu fahren. Was ist mit dem Fahrpreis, mit dem Bahnangebot insgesamt, ob die Bahn überhaupt eine Alternative darstellt,....?

Natürlich sind das nicht die einzigen Kriterien, aber sie sind in allen Kundenumfragen ganz vorn dabei... und die DB ist nicht zuletzt wegen der Achsproblematik ganz hinten dabei: Die 15-Minuten-Pünktlichkeit der SBB im FV ist 98.5%, SNCF 92%, NS 91.1%, FS 88% und DB 75%. Und der Fernverkehr hat von 2008 auf 2009 ganz gegen den europäischen Trend um 3.2% abgenommen.

sie sind nicht ganz vorn dabei.
Das ist den Fahrgästen total egal solange der Preis & Fahrzeit stimmt.
SNCF solltest Du in diesem Zusammenhang besser nicht nennen, 3x Mal so hohe Wahrscheinlichkeit im Bahnverkehr zu sterben gegenüber DB. Bei der SBB gar 10x Mal so hoch (Deine Quelle).

Nur welcher Gutachter wird schon ein 1%-Risiko in Kauf nehmen?

Hoffentlich keiner.

Der Gesetzgeber tut es aber bei den Autos. Er könnte absolute Sicherheit herstellen, tut es aber vernünftigerweise nicht. Das kann er, weil er nicht für jeden Unfall persönlich haftbar gemacht werden kann. Nicht so der EBA Angestellte oder Gutachter, er wird aus Eigenschutz absolute Sicherheit anstreben müssen.

Was genau tut der Gesetzgeber bei den Autos, was er bei der Bahn nicht macht?
Die Rückholaktionen werden die Autohersteller schon aus guten Gründen durchführen.
Und der TÜV leistet i.a. auch gute restriktive Arbeit.


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