Zu strenge Bahn-Sicherheitskriterien kosten Menschenleben (Allgemeines Forum)

Alphorn (CH), Sonntag, 23.01.2011, 23:35 (vor 5562 Tagen) @ Jogi
bearbeitet von Alphorn (CH), Sonntag, 23.01.2011, 23:36

Nochmal kurz meine These: Wenn man die Sicherheitsanforderungen an die Bahn ins unendliche schraubt und dadurch den Betrieb behindert, treibt man die Reisenden ins Auto, wo sie wesentlich grösseren Gefahren ausgesetzt sind.

Absolute Sicherheit ist aber dann eine sehr schlechte Idee,...

Ist es nicht ein Widerspruch in sich, absolute Sicherheit als schlechte Idee zu bezeichnen, wenn man dem "Schutz von Leib und Leben" oberste Priorität einräumt? Oder anders gesagt: Ist es nicht grob fahrlässig, etwa 1 Prozent Unsicherheit zuzulassen, wenn wissentlich z.B. 0,5 Prozent möglich wären? (Alle Prozentangaben sind selbstverständlich als irgendwelche Hausnummern zu sehen).

Frage: Warum ist das Tempolimit auf der Strasse nicht bundesweit 30 km/h? Das wäre nahezu absolute Sicherheit im Strassenverkehr. Inwiefern ist es nicht genauso grob fahrlässig, jährlich 4000 Strassenverkehrstote zu akzeptieren, wenn man die auf praktisch 0 reduzieren könnte?

... handelt man grob fahrlässig und riskiert unmittelbar Menschenleben. Wurden nicht innerhalb weniger Wochen bei drei (oder "nur" zwei) ICE-T Risse in den Radsätzen entdeckt?

Welche sich nicht unbedingt innerhalb von weiteren 15'000 km zu einem Achsbruch entwickelt hätten. Und wenn es doch geschehen wäre, hätte es vielleicht nochmal glimpflich abgehen können. Und wenn nicht, hätte man gute Chancen gehabt, dass es weit weniger schlimm als Eschede ausgegangen wäre, wo ja noch eine Brücke auf den Zug fiel.

...kann man dadurch trotzdem Leben retten, indem die Bahn endlich wieder pünktlicher und zuverlässiger wird und die Leute weniger Auto fahren.

Mal abgesehen davon, dass es ethisch diskussionswürdig ist, die Anzahl potentiell geretteter Menschenleben so gegeneinander aufzuwiegen (nicht umsonst hat das BVG dem Abschießen entführter Verkehrsflugzeuge eine Absage erteilt), wie soll man das denn statistisch beweisen? Zynisch formuliert: denn man kann ja die Bahnunfallopfer nicht mehr fragen, ob sie mit dem Auto gefahren wären, wäre die Bahn unpünktlicher.

Leben werden andauernd geopfert, siehe Tempolimit. Wie kann man aber die Zahl der geopferten Leben so klein wie möglich halten? Indem man die Leute zum Bahnfahren bringt, weil das 75 mal sicherer (PDF) ist als Autofahren.

Rechne mal. Ich schlug vor, ein Risiko von 1% einzugehen, dass nochmal ein Achsbruch passiert, bis in 3 Jahren die Achsen getauscht sind. Das entspricht grob gerechnet einem Achsbruch pro 300 (!) Jahre, bei dem dann schlimmstenfalls 100 Leute sterben würden. Im einem solchen Zeitraum sterben 1.2 Millionen Menschen im Strassenverkehr!

Mit dem Geld, die jetzt für die Ultraschalluntersuchungen ausgegeben wird, hätte man vermutlich (ich hab keine Zahlen) mehr Leben retten können, indem man Bahnübergänge beschrankt.

Außerdem unterstellst Du, dass Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit das einzige Kriterium wären, Bahn zu fahren. Was ist mit dem Fahrpreis, mit dem Bahnangebot insgesamt, ob die Bahn überhaupt eine Alternative darstellt,....?

Natürlich sind das nicht die einzigen Kriterien, aber sie sind in allen Kundenumfragen ganz vorn dabei... und die DB ist nicht zuletzt wegen der Achsproblematik ganz hinten dabei: Die 15-Minuten-Pünktlichkeit der SBB im FV ist 98.5%, SNCF 92%, NS 91.1%, FS 88% und DB 75%. Und der Fernverkehr hat von 2008 auf 2009 ganz gegen den europäischen Trend um 3.2% abgenommen.

Nur welcher Gutachter wird schon ein 1%-Risiko in Kauf nehmen?

Hoffentlich keiner.

Der Gesetzgeber tut es aber bei den Autos. Er könnte absolute Sicherheit herstellen, tut es aber vernünftigerweise nicht. Das kann er, weil er nicht für jeden Unfall persönlich haftbar gemacht werden kann. Nicht so der EBA Angestellte oder Gutachter, er wird aus Eigenschutz absolute Sicherheit anstreben müssen.


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