Hättet Ihr lieber eine billigere Bahn? (Allgemeines Forum)

Felix, Göttingen, Freitag, 02.09.2011, 20:26 (vor 5330 Tagen)

Es scheint, als würden die extrem hohen Normalpreise in Deutschland wie ein unabwendbares Schicksal still duldend hingenommen. Dabei sind diese doch kein Naturereignis, sondern eine politische Entscheidung und könnten auch problemlos gesenkt werden, wenn man nur wollte. Bei den Fahrpreisen für die Nahverkehrszüge bedürfte dies nicht einmal einer Gesetzesänderung, es würde der Wille einer oder mehrerer Landesregierungen genügen, den Tarif für ihre bestellten Züge zu senken.

Natürlich würde dies zu Einnahmeausfällen führen, die irgendwie gegenfinanziert werden müßten. Aber die Nahverkehrszüge werden sowieso zum größten Teil aus Bestellerentgelten finanziert, nur der kleinere Teil der Kosten - im Durchschnitt ca. 35% - wird aus Fahrgeldeinnahmen bestritten. Hinzu kommt noch, daß ein großer Teil der Reisenden nicht mit Normalpreisfahrkarten, sondern mit Zeitkarten, Ländertickets, Wochenend- oder QdL-Ticket oder mit Verbundfahrkarten fährt. Würde also der Normalpreis für Nahverkehrszüge halbiert, entstünde eine Finanzierungslücke von vielleicht 10%, höchstens 15%. Diese könnte z.B. dadurch geschlossen werden, daß 10-15% weniger Züge gefahren werden.

Dafür könnte dann aber jedermann flexibel und trotzdem preiswert Bahn fahren. Mir wäre dies auf jeden Fall lieber als die heutige Situation. Und Euch?

Dazu eine Geschichte: Als Freund von mir aus Spanien für zwei Auslandssemester zum Studium nach Würzburg ging, wollte er sich auch das Land ansehen. Nach ein paar Monaten in Deutschland war sein deprimiertes Fazit aber: "Ohne Auto ist man in Deutschland aufgeschmissen." Bahninteressierte diskutieren meist nur die Qualität und den Umfang des Angebots, aber für ihn war nicht dies das Problem, sondern allein die hohen Fahrpreise, die er sich nicht leisten konnte oder wollte.

(Er hat dann doch noch einige Ausflüge mit dem Baden-Württemberg- und dem Bayern-Ticket gemacht und sich wenigstens Süddeutschland angesehen. Als er mich besuchte, nutzte er Mitfahrgelegenheiten mit dem Auto zu je 12 Euro und 11 Euro (von Göttingen nach Frankfurt). Zum Vergleich: Mit dem Nahverkehr der Bahn kosten diese Strecken 38 Euro bzw. 37,20 Euro, also mehr als das Dreifache!)

Zwar plant die Regierung eine Liberalisierung für Fernbusse* und selbst unter Bahninteressierten findet dieses Vorhaben Zustimmung, weil man hofft, daß die Bahn dadurch gezwungen würde, ihre Preise zu senken. Aber daß sie dies dann auch tut, ist keineswegs sicher, es kann auch sein, daß sie die Buskonkurrenz einfach hinnimmt und stur bei ihren Mondpreisen bleibt. Damit wäre denjenigen, die lieber Bahn fahren würden, auch nicht geholfen.

*) Leider nur für Fernbusse, nicht auch für mittlere Distanzen. Selbst wenn sich die Regierung mit ihrem Vorhaben durchsetzen kann, wird man z.B. Göttingen-Kassel (keine 50 km Entfernung) weiterhin nur mit der Bahn für 13,90 Euro (!!) einfache Fahrt fahren können.


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