OT: Gruß von anderen Lebenswelten. (Allgemeines Forum)

Colaholiker, Frankfurt / Hildesheim, Montag, 29.08.2016, 08:19 (vor 3508 Tagen) @ J-C

Uii, Scheuklappen, Ideologien. Ich lache, sobald ich mir das alles bildich vorstelle. Davon abgesehen könnte man dir das auch vorwerfen. In Großstädten braucht man kein Auto, selbst Autofahrer steigen in Wien lieber per Park and Ride auf den ÖPNV um.

Park & Ride bringt aber nur was für die Kombination, daß man außerhalb der Stadt wohnt und von dort mit dem Auto bis zu dem Punkt fährt, wo ein guter ÖPNV beginnt, und diesen eben für die restliche Strecke nutzt. Wer aber Auspendler ist, weil er selbst in der Stadt wohnt, tollen ÖPNV vor der Tür hat, aber leider einen Arbeitgeber "auf der grünen Wiese" hat, wo in knapp 2 km Entfernung alle halbe Stunde ±29:59 Fahrplanabweichung mal irgendeine Nebenbahn vorbeigezuckelt kommt, hat von P+R leider absolut nichts. So geht es mir beispielsweise. In der Hauptverkehrszeit direkt vor der Haustür alle 5 Minuten 'ne Straßenbahn, aber da wo ich arbeite katastrophale ÖPNV-Anbindung, die absolut keinen Spaß macht.

Wer sich ausschließlich innerhalb der Großstadt bewegt, kann oftmals auf ein Auto verzichten - aber nicht immer. Ich könnte es nicht, da ich a) oft Termine habe, die bis in die sehr späten Abendstunden gehen, wo der ÖPNV zu mir nach Hause aufgrund schlechter Takte und Anschlüsse sowie der Sternstriktur des hiesigen Netzes dann Fahrzeiten > 1h gegenüber Auto-Fahrzeiten von 12 Minuten bedeutet (und da der Zeitpunkt, an dem der Wecker morgens klingelt, fix ist, ist 'ne Stunde mehr Schlaf nicht unbedeutend), und b) dort wo ich wohne keine Möglichkeit besteht, ohne Gesundheitsgefahr Lebensmittel zu kaufen. (Weit und breit nur eine Supermarktfiliale, und die bekommt mangels Konkurrenz die ganze -teils abgelaufene- B-Ware der Filialen aus der Region. Mehr ins Detail kann ich hier nicht gehen, da ich mit besagter Kette schon rger hatte, die so etwas nicht gerne über sich im Internet lesen.) Um jeden Tag kleine Portionen zu kaufen, fehlt mir definitiv die Zeit, zumal auf meinem Arbeitsweg aufgrund der extremen Marktdominanz dieser Kette auch keine Alternative zum Einkauf bei diesem Unternehmen besteht. Also wird einmal die Woche das Auto bei Edeka voll gepackt, und das überschreitet definitiv das Maß dessen, was sich in einer Straßenbahn im Linienverkehr von einer Person transportieren läßt.

Zumal du den Umstand verkennst, dass Arbeitsplätze nicht immer daraus bestehen, zu Kunden persönlich zu dackeln. Mein Ziel ist beispielsweise ein Arbeitsplatz im Büro, ich liebe Büroarbeit und könnte den ganzen Tag nur im Büro rumhocken. ^^

Tja, ich habe eigentlich auch einen Büro-Arbeitsplatz. Trotzdem setzt mein Arbeitgeber bei allen technischen Mitarbeitern voraus, daß sie einen Führerschein haben. Unsere Kunden sitzen meistens in irgendwelchen Industriegebieten, wo es keinen ÖPNV gibt. Wobei ich in den letzten Jahren das Glück hatte, die Kundenbesuche nur mit den regional zuständigen Außendienstlern machen zu können, also mit der Bahn an den nächstgelegenen Bahnhof und das letzte Stück mit dem Kollegen vor Ort in dessen Dienstwagen...

Gute Frage, solche Sätze hören sich nicht gerade nach Gegenwart an. Im Gegensatz zu früher gibt es Takte, attraktiven ÖPNV. Das hatte die great old Bundesrepublik und Bundesbahn, soweit ich weiß, nicht.

Also ganz unter uns, da, wo ich in Frankfurt wohne, war früher (also bis vor ca. 2 Jahren) der Takt außerhalb der Hauptverkehrszeit besser als er es heute ist. Damals fuhr morgens um halb sechs die Straßenbahn schon alle 10 Minuten (und war gut gefüllt), jetzt nur noch alle 15 (und ist übervoll). Aber die Rechnung in Frankfurt ist eben der Durchschnitt in beide Richtungen - voll in eine Richtung, leer, weil kurz vor der Ende der Linie im Nirgendwo, in die andere = 50% Auslastung, also kann man den Takt ausdünnen. In der Hvz wird diese Strecke schon so lange ich denken kann im 5-Minuten-Takt bedient.

Heutzutage ist ÖPNV teils so gut, dass das eigene Auto schon fast als Sünde erscheint...

Mancherorts sicherlich, aber nicht überall... und in Frankfurt tut die "Traffiq" alles dafür, ihn unattraktiv zu machen. Ein weiterer Faktor hier in Frankfurt sind die permanenten Bauarbeiten. Mir selbst ist das nicht so aufgefallen, weil ich es nicht anders kenne - aber meine Freundin hat mich mal drauf aufmerksam gemacht.

Seit Anfang Juli(!) gab es keinen Zeitraum länger als zwei, drei Tage, wo alleine die Strecke von mir zu Hause bis zum Hbf nicht direkt oder indirekt von Bauarbeiten betroffen war. Anfang Juli hatten wir zwei Wochen keine Straßenbahn, weil irgendwo unterwegs die Gleise rausgerissen und neu gemacht wurden. Kaum war das durch, wurde die S-Bahn dichtgemacht, auf daß unterwegs die Straßenbahn dort, wo die S-Bahn aus dem Umland temporär endete, so voll wurde, daß längst nicht mehr alle Fahrgäste mit kamen. Umgekehrt noch schlimmer, wenn am Hbf alles aus der endenden S-Bahn versucht, mit der Straßenbahn auf die andere Seite der Baustelle zu kommen. Ich habe in den sechs Wochen nicht ein einziges Mal weniger als drei, vier Straßenbahnen abwarten müssen, bis ich mich endlich mal dazu quetschen konnte. Kaum ist die Baustelle durch (seit Freitag fahren die S-Bahnen wieder), wird die Straßenbahn am Hbf wegen Bauarbeiten für zwei Wochen unterbrochen. Seit März(!) gibt es alleine im Netz der VGF in Frankfurt keinen einzigen Tag, an dem alle Schienenverkehrslinien ihren normalen Plan und ihre normale Strecke fahren! Lass Dir das mal auf der Zunge zergehen!

Ich brauch persönlich für Reisen, wo ich über lange Strecke Verbindungen mit kleiner gleich einem Umstieg hab per Bahn, keinen Flieger.

Ich würde das nicht an der Anzahl der Umstiege sondern an den Reisezeiten fest machen. Insbesondere wenn man im Berufsleben steht und mit seinem ohnehin knappen Urlaub sparsam sein muß, muß man schon ein großer Fan von langen Bahnfahrten sein, wenn man von seinen zwei Wochen Urlaub am Anfang und Ende je einen Tag komplett in der Bahn verbringen möchte. Nehmen wir nur mal als Beispie Frankfurt <-> Wien. Könnte ich ohne Umsteigen fahren, wenn ich zu etwas unschöneren Zeiten fahre, sogar Railjet statt Wackelkiste IC(E)-T, aber 7h des Tages nur in der Bahn verbringen, ist mir zu viel. Da fliege ich eher.

Dir zumindest in Teilen widersprechende Grüße,
der Colaholiker

--
[image]


gesamter Thread:

 RSS-Feed dieser Diskussion

powered by my little forum