Deutschland hat zuviele parallel verkehrende Zuggattungen (Allgemeines Forum)

Oscar (NL), Eindhoven (NL), Mittwoch, 24.11.2010, 10:33 (vor 5598 Tagen) @ Alphorn (CH)

Hallo Alphorn,

Die vielen verschiedenen Zuggattungen in Deutschland resultieren meiner Meinung nach unter anderem auch daraus, dass man möglichst viele (relativ schnelle) Direktverbindungen schaffen will.

Das stimmt nur teilweise.

A. Ab Bern habe ich bei erheblich weniger Zuggattungen eine immer noch große Auswahl an Direktverbindungen. Kann sich locker mit Stuttgart mithalten, ist vielleicht sogar besser.

B. Betrachten wir die Liste nochmal:

1. der ICE ohne Halt
2. der IC mit Halt in Plochingen, Göppingen und vereinzelt auch Geislingen
3. der IRE mit etwas mehr Halten
4. der RE mit noch etwas mehr Halten
5. die RB die außerhalb des Ballungsraumes Stuttgart überall hält
6. die S-Bahn die innerhalb des Ballungsraumes Stuttgart alle Halte bedient

Der Unterschied 1-2 ist gerade der Unterschied zwischen ein A- und B-Klasse Fernverkehrsprodukt. Wäre prima, passt ja auch in anderen Ländern (FR: TGV vs. Corail, IT: Eurostar Italia vs. IC, ES: AVE vs. Talgo).

Der Unterschied 2-3 ist fast rein verkehrspolitisch: beide Zuggattungen sind gleich schnell, aber in 3 werden Verbundkarten anerkannt, in 2 nicht / 3 ist subventioniert, 2 verkehrt eigenwirtschaftlich. Oh Ironie: diese beiden Zugtypen bilden auf manchen Strecken Deutschlands zusammen einen Takt.

Der Unterschied 3-4 ist wieder klar, aber nicht wesentlich anders als 3-5.

Der Unterschied 4-5 ist wieder rein verkehrspolitisch: "lassen wir doch ein paar Halte aus, und die restlichen Orte können sagen dass sie 'RE-Anschluss' haben".
Dies "funktioniert" auch bei uns: der "IC" Eindhoven-Venlo läßt nur die Vorortbahnhöfe Helmonds aus (der ehemalige IC hielt damals nur in Helmond, die ehemalige RB hielt gerade dort, wo jetzt der "IC" hält, die Vorortbahnhöfe gab es bis 1983 noch nicht).


Wünschenswerte Zugklassen für einen ITF wären:

1. FV-A = ICE
2. FV-B = IC/EC
3. NV-A = (I)RE
4. NV-B = RB/S

oder:

1. Fernverkehr (einheitlich, kein Unterschied IC/EC/ICE/TGV/THA/RJ)
2. Mittelstreckenverkehr (einheitlich)
3. Nahverkehr (einheitlich, in Ballungsräumen verkehrt die RB als Mittelstreckenzug und hat die S-Bahn die Rolle des Nahverkehrs)

Das zweite System hat bei uns zumindest 1972-2007 recht gut funktioniert (Intercity = IC, sneltrein = IR, stoptrein = RB). Allerdings wurde bereits in den 80ern klar, dass die Rolle des IR nicht so groß war als die des IC und RB.
So etwa 1990 verkehrten auf den Hauptachsen 2 IC + 2 IR + 2 RB pro Stunde. Ab Ende 90er wurde schrittweise der 15-Minutentakt eingeführt und konnte man den IR nicht mehr behalten, es wurden dann 4 IC + 4 RB pro Stunde auf den Hauptachsen.
Ohne Opfer ging das nicht: der IR hielt immer in z.B. Zoetermeer, Woerden, Driebergen-Zeist und Veenendaal De Klomp. In Zoetermeer verschwand der Fernverkehr; in Woerden hält nur der "IC" Utrecht-Leiden, die anderen beiden werden abwechselnd bedient. Dagegen profitierte Gouda, wo der IC vorher immer vorbeifuhr und jetzt immer hält.

In Deutschland durfte aber der Mittelstreckenverkehr gerade der wichtigste Komponent sein. Dennoch denke ich, dass 2 FV + 2 MV + 2 NV pro Stunde auf Kernnetzstrecken für alle Kundenbereiche ein attraktives Angebot darstellt. Wo der Fernverkehr nicht lohnt, hat man mit 2 MV + 2 NV immer noch ein gutes Angebot und Vernetzungsmöglichkeiten. In entfernten Gebieten dann wohl 1 MV + 1 NV pro Stunde.

Und dank moderner Triebwagen braucht man keine Vollzüge mehr zu streichen wenn man sie nicht ausgelastet kriegt; man kann ja auch Zugteile abtrennen (z.B. bei IC Den Haag-Venlo, wo manchmal in Eindhoven 1 Zugteil abgetrennt wird).
Und mit dem Flügelzugverfahren kann man auch mehrere Direktverbindungen anbieten. Zwar ist das verspätungsanfällig, aber mit kurzen Flügelrelationen soll man das im Griff bekommen. Es funktioniert, siehe IC Amsterdam-Sittard-Maastricht/Heerlen.


gruß,

Oscar (NL).

--
Mit den neuen IC-Triebwagen wird alles besser !!

Trans-Europ-Express 2.0? Abwarten und TEE trinken!

Schienenstränge enden nicht an einer Staatsgrenze, sondern an einem Prellbock.


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