Fernbahnsteig Pasing Gleis 11/13 (1) (Allgemeines Forum)

ThomasK, Mittwoch, 09.10.2019, 12:20 (vor 2372 Tagen) @ Twindexx

Hallo!

Du schreibst (1):

Wofür ist eigentlich die dritte Röhre als Rettungsstollen nötig? Der Gotthard-Basistunnel hat auch keine dritte Röhre, da dient im Ereignisfall die zweite Gleisröhre als Rettungstunnel.


Ich dazu (1):

Der S-Bahn-Verkehr auf der Stammstrecke ist in München bei weitem dichter als im Gotthard-Basistunnel, sodass eine dritte Röhre als Rettungstunnel notwendig ist.

Auch ist anzumerken, dass auf der S-Bahn-Stammstrecke keine Güterzüge fahren, aber S-Bahn-Züge, wobei jeder S-Bahn-Langzug 1800 Personen fasst, die alle zwei Minuten fahren können, was ein Vielfaches an Personenverkehrsaufkommen im Vergleich zum Gotthard-Basistunnel ist, wo vielleicht 3 Personenzüge pro Stunde und Richtung zu verzeichnen sind, sodass im schlechtest möglichen Szenario bei weitem mehr Menschen zu evakuieren sind, als im Gotthard-Basistunnel.

Der 2-Minuten-Takt auf der S-Bahn-Stammstrecke ist damit also mit dem Gotthard-Basistunnel nicht vergleichbar.

Bei der alten DB-Planung wurden zunächst einmal die vertikalen Fluchtgeschwindigkeiten mit 0,2 m/s, also 720 Höhenmetern pro Stunde bei weitem zu optimistisch angesetzt. In mehreren Anhörungen wurde über die vertikale Fluchtgeschwindigkeit bei den Sitzungen im Landtag erbittert gestritten. Die DB argumentierte, dass sie die gesetzlichen Vorschriften, die von 0,25 m/s vertikaler Fluchtgeschwindigkeit ausgehen, übererfüllt habe. Mediziner konterten, dass diese Vorgaben völlig unrealistisch seien. Bei etlichen Anhörungen im Landtag ging es hin und her.

Dann waren die Notausgänge zu knapp dimensioniert. Es muss stets gewährleistet sein, dass flüchtende Fahrgäste und in den Noteinstieg hereinlaufende Feuerwehrkräfte mit schwerem Gerät sich problemlos begegnen können.

Weitere Planungsfehler gab es u.a. bei den Druckluftschleusen.

Die Münchner Berufsfeuerwehr hat das Rettungskonzept der Deutschen Bahn quasi in der Luft zerrissen.

Irgendwann war der Druck zu groß und die Deutsche Bahn musste ihre Schrottplanung einstampfen. Wie schon öfters bemerkt, ist das bei weitem nicht die erste Umplanung.

Auf hunderten Seiten in etlichen Aktenordnern sind die Planungsfehler alle dokumentiert.

Ich selbst habe schon tausende Stunden mit diesem destruktiven Tieftunnel verballert und mich durch tausende Seiten der Aktenordner durchgekämpft.


Du weiter (2):

Vorprojekte und Auflageprojekte sind eigentlich genau dafür da, dass nach der Plangenehmigung grössere Planänderungen nach Baustart nicht erforderlich werden. Was läuft denn da bei diversen Projekten in Deutschland schief?


Ich dazu (2):

Politischer Druck.

Wir hatten in Bayern einen Verkehrsminister, der Alkoholiker war und im Suff auf der Autobahn einen Menschen totgefahren hat und bei unserer lächerlichen Kuscheljustiz dafür noch nicht einmal ins Gefängnis musste.

Dieser besagte Herr hat sich dann - in wahrsten Sinne des Wortes - als Schnapsentscheidung ausgedacht, einfach einen zweiten Tunnel durch München zu realisieren und seitdem dackelt der Freistaat Bayern hinter diesem Schrottprojekt hinterher und ist zu feige einzuräumen, dass das ganze Konzept nichts taugt.


Du weiter (3):

Ich mein, man weiss ja, dass in Deutschland durchaus fähige Ingenieure ausgebildet werden, aber trotzdem macht sich Deutschland so immer noch mehr zur Lachnummer. So Leid es mir tut, aber ich bekomme ja mit, wie man von ausserhalb über Deutschland denkt.


Das braucht dir gar nicht Leid tun, denn das, was du sagst entspricht absolut den Fakten. Leider haben wir in Deutschland viel zu viele Schlafschafe und Idioten, die das Märchen von der Demokratie Deutschland immer noch glauben.

Bei der Zweiten Stammstrecke wurden Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen gefälscht, was das Zeug hält.

Würde ein Privater das machen, dann würde er mit mehr als einem Bein im Gefängnis stehen. Man braucht sich nur mal die entsprechenden Gesetzte im HGB und in der InsO angucken, was dann los wäre, wenn ein Privater so agieren würde wie der Staat.

Nun ist es durchaus so, dass viele Ingenieure genau wissen, was für ein Stuss der Tieftunnel ist. Bei einer Besprechung vor einigen Jahren in der Richelstraße(!) - mehr verrate ich jetzt nicht - sagte mir ein Ingenieur hinter vorgehaltener Hand: "Sie haben mit ihrer Kritik ja völlig recht, aber wenn das Chaos ausbricht, dann bin ich längst in Pension."

Und dann gibt es noch die privaten Planungsbüros, die sich über Aufträge des Staates freuen und Destruktives planen, so lange alles bezahlt wird und sie dafür ihren Job haben.

Beispielsweise hat die Politik als völlig falsche Planungsprämisse bei der Vergleichenden Untersuchung Tieftunnel zu Südring vorgegeben, dass - egal ob notwendig oder nicht - zwei komplett neue Gleise zu errichten sind und sogar nicht genutzte Abstellgleise nicht benutzt werden dürfen.

Um den vom Freistaat Bayern nicht gewünschten Südring so schlecht wie nur irgend möglich zu rechnen, gab der Freistaat Bayern den Gutachtern als Planungsprämisse auf den Weg, dass zu keiner Zeit beim Bau des Südrings Streckensperrungen erlaubt seien und stets provisorische Gleisverlegungen in jeder Bauphase zu errichten sind. Natürlich wurde von den Gutachtern diese völlig destruktive Prämisse nicht hinterfragt, denn diese Angabe kam ja vom Auftraggeber.

Glücklicherweise kann man mit Webcams recht gut erfassen, wie oft Gleise benutzt werden. :)

Wir konnten zudem überhöhte Kostensätze bei verschiedenen Bauphasen nachweisen, da uns die vergleichbaren Unterlagen beim viergleisigen Ausbau Augsburg Hbf - Augsburg-Hochzoll mitten im Augsburger Stadtgebiet vorlagen.

Die Gutachter hatten dann ganze Arbeit - sehr zur Zufriedenheit des Freistaat Bayerns - geleistet. Am Schluss sollte der oberirdische Südring 1,1 Milliarden € kosten und der Tieftunnel in 41 m Tiefe nur 1,3 Milliarden €.

Wie gesagt: Das ist den Ingenieuren alles bewusst, aber es ist eine Frage des Charakters, dann zu sagen: Ich verzichte auf das Geld und den Auftrag, weil ich nicht im Sinne des Auftraggebers ein Gefälligkeitsgutachten schreiben will.

Motto: Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich sing.

Aber die ehemaligen Volksparteien sägen langfristig den Ast ab, auf dem sie sitzen. Die Erosion in das Vertrauen der Parteien hat dramatische Ausmaße angenommen und immer öfters werden die ehemaligen Volksparteien angefeindet.

Du musst folgendes wissen: Wenn die Politik beispielsweise Fehler bei der Bundeswehr macht, kein Hubschrauber mehr funktioniert, die Waffen kaputt sind, dann lachen die Leute und sagen: "Ach egal, niemand greift Deutschland an, da ist es egal, wenn die Bundeswehr ein Sauhaufen ist."

Wenn aber in der Verkehrspolitik Böcke geschossen werden, jeden Tag neue Betriebsstörungen zu vermelden sind, die Leute sich nicht mehr auf den ÖPNV verlassen können und sie dadurch die katastrophalen Fehlentscheidungen des politischen Establishments jeden Tag auf das Neue zu spüren bekommen, dann haben die Leute irgendwann wirklich die Nase von den geistigen Nichtschwimmern voll und dann scheppert es eben an der Wahlurne.

Hier im Großraum München ist das Thema Verkehr und insbesondere ÖPNV mittlerweile übermächtig geworden.


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Ich zuvor (4):

Außerdem kommt man inzwischen bei 4 Gleisen an der Leienfelsstraße nicht mehr durch, da der Gleismittenabstand zwischen Gleis 2 und Gleis 3 inzwischen 6,40 m sein muss und nicht 4,00 m wie zwischen Gleis 1 und 2 bzw. Gleis 3 und 4, da an jedem Gleis ein Fluchtbereich außerhalb des Lichtraumprofils zur Verfügung stehen muss.


Du dazu (4):

Das hat meines Erachtens einfach etwas mit Wollen zu tun. Schau mal, wie in Rorschach das zweite Gleis auf engstem Raum verlegt wird: https://www.gautschi-ag.ch/tag/hochgeschwindigkeitslinie-muenchen-zuerich/

Ich dazu (4):

Rorschach soll aber nur zweigleisig ausgebaut werden und nicht viergleisig.

Ich glaube aber, dass auch in der Schweiz bei viergleisigen Strecken wie z.B. bei Killwangen, der Abstand zwischen Gleis 2 und 3 größer ist, als zwischen Gleis 1 und 2 bzw. 3 und 4.


- Teil 2 -


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