Focus: Jede sechste Schiene ist weg (Allgemeines Forum)

sappiosa, Freitag, 30.04.2010, 16:56 (vor 5937 Tagen) @ Alphorn (CH)

Hallo Alphorn,

das ist zwar schon traurig, aber man muss auch auf die absoluten Zahlen schauen.
Rechnet man die Statistik der UIC für 2008 nach, findet man unter 27 betrachteten Ländern:

Dichte Schienennetz in km je tausend km² Landesfläche

1. Tschechien 120,09
2. Belgien 113,32
3. Deutschland 94,85

Zum Vergleich:

6. Schweiz 85,34
8. Niederlande 68,95 (die ich persönlich auf Platz 1 erwartet hatte)

Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien liegen alle noch deutlich dahinter - obwohl wenigstens GB und I genauso dicht besiedelt sind wie Deutschland.

Was also die Netzabdeckung angeht, braucht sich Deutschland wahrlich nicht zu verstecken. Der Rückgang ging von einem sehr dichten zu einem dichten Netz.


Ich denke, ein Teil dieses Rückgangs ist durch die Wiedervereinigung erklärbar: In der DDR waren Motorisierungsgrad und Rationalisierungsdruck tiefer, wodurch sich viele Nebenstrecken halten konnten.

Das dürfte der wesentliche Teil sein. Die DDR hatte ein extrem dichtes Schienennetz und vor allem noch weit mehr (auch kleineren) Güterverkehr auf der Schiene. Und da sind zahllose Strecken dabei, wo wirklich die Nachfrage nicht rechtfertigt, sie offenzuhalten - was ja immerhin auch einiges an Instandhaltung kostet.

- Mangelnde Finanzierung durch die Politik. Quelle

Auch. Aber vergiss nicht, dass die Allianz pro Schiene eine Lobby ist, die genau das anprangern will - ist also keine neutrale Quelle.


- Falscher Einsatz der vorhandenen Mittel (HGV-Prestigeprojekte, obwohl der Anteil des Fernverkehrs am Gesamteisenbahnverkehr kontinuierlich sinkt)

Das tut er nicht, weil der Fernverkehr zurückginge, sondern weil der Nahverkehr überproportional steigt, insbesondere der Pendlerverkehr in Ballungsräumen. Und für den wird einiges getan; allein Frankfurt hat nur in den letzten zehn Jahren an die 100 km neue S-Bahn-Strecken in Betrieb genommen, weitere sind in Bau und in Planung.

Recht gebe ich Dir insofern, dass ich nicht verstehe, warum bei wenig Geld ausgerechnet Stuttgart 21 die oberste Priorität haben soll.

- Schlechte Dienstleistungsqualität (Unpünktlichkeit, lange Anschlusszeiten mangels ITF, schlechte Frequenzen, kompliziertes Preissystem) führen zu weniger Passagieren und das wiederum zu noch schlechterem Angebot, bis eine Strecke nicht mehr rentiert.

Über die Dienstleistungsqualität kann man reden. Aber als Begründung für das Thema ist sie - sorry - Blödsinn.

Denn zum einen sinken ja die Fahrgastzahlen nicht, sondern steigen, auch der Marktanteil. Siehe Eurostat.

Und zum andern hat z.B. Frankreich bis auf wenige Strecken überhaupt keine Frequenzen und schon gar keinen ITF. Und da sieht die Tendenz ja anders aus. Der Hauptunterschied ist wirklich, dass Frankreich bis 1990 schon stillgelegt hatte, was stillzulegen war - das hatte in Deutschland bis dahin nur der Westen getan.

Schöne Grüße
Daniel (aka Sappiosa)


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