Traumhafte Zeitungsdiskussion jetzt völlig ad absurdum ;-) (Allgemeines Forum)

Blaschke, Sonntag, 30.10.2016, 15:48 (vor 3436 Tagen) @ JumpUp

Hallöchen!

Vorweg: Als einer der vielen Verteiler von gedruckten Zeitungen freue ich mich natürlich, dass es in Zügen offenkundig eine so hohe Nachfrage nach einem Druckerzeugnis gibt - und das in Zeiten, wo sich digital auch alles nachlesen lassen könnte.

Ansonsten zeigt die ganze Diskussion wunderschön Deutschland anno 2016. Das Fuhrunternehmen will eine Dienstleistung anbieten, möglichst ohne Kosten dafür zu produzieren. Und auf "ich zuerst"-getrimmte Bürger wenden das Motto dann auch gleich an, an dem sie als Zweitklassige Erstklassiges mitgehen lassen.

Dabei wäre eine Lösung ganz einfach, nur halt teuer: Der Fuhrunternehmer setzt einfach ausreichend Personal in der 1. Klasse ein. Und dann werden die Zeitungen persönlich jedem Fahrgast übergeben, wenn er eine wünscht.

Da dass aber niemals kommen wird, denn Service soll Geld einbringen und keines kosten, werden wir uns auch weiterhin über solch herrliche Diskussionen erfreuen.

Alternativ könnte man natürlich auch einfach die Zeitungsauflage im Zug erhöhen, so dass selbst nach Diebstah.., äh huch, also äh, nach Gebrauchsaneignung durch Unbefugt.., äh, auch zu hart?, also nach Gebrauchsaneignung durch Unerwünschte - so in Ordnung? - noch genug Exemplare für die 1. Klasse übrig bleiben. Hätte für die Zeitungsverlage sogar den Vorteil, dass die Auflage sich erhöhen würde, was man ja freudig verkünden könnte in Zeiten ansonsten eher sinkender Auflagen. Aber natürlich kostet auch eine solche Idee wieder mehr Geld - und die Umweltschützer müßten protestieren, weil fünfhundert Raummeter Holz mehr geerntet wurde und darunter eine seltene Käferart leidet. Und der Nachteil wäre, dass so eine Zeitung dann natürlich nicht unbedingt mehr ein Gimmick wäre, womit man die 1. Klasse bewerben könnte. Ein Drama!


Was also wird kommen? Demnächst wird es also einen Zeitungsautomaten im Zug geben.
Jeder kontrollierte 1.-Klasse-Kunde bekommt eine Pfandmünze oder, wir sind ja modern, einen schicken Beleg mit einem QR-Code drauf, mittels dessen er sich am Zeitungsautomaten bedienen kann.

In einem späteren Schritt in einigen Jahren wird es hoffentlich keine registrierungslosen Fahrkarten mehr geben - man wird jede Fahrkarte einem Menschen exakt zuweisen können. Es wird Schluß damit sein, einfach zum Schalter oder zum Automaten zu gehen und sich anonym einen Fahrschein zu kaufen. Über die umfangreichen Vorteile einer solchen Regelung brauchen wir jetzt nicht zu diskutieren. Wenn es dann soweit ist, wird das ganze System zwar verkompliziert, aber kommt dann ohne das Personal aus, welches die Wertmünze überreicht - und ohne die Wertmünze selbst.

Der Kunde hält dann seinen Fahrschein oder eben seine Bahncard-First unter ein Fahrscheinlesegerät, welches nachschaut, ob ein Berechtigter vor ihm steht. Wenn ja, wird die gewünschte Zeitung ausgegeben, dazu ein Beleg über die Ausgabe. Nach dem Lesen der Zeitung bringt der Kunde ebendiese wieder zurück zu einem Automaten, der die Zeitung wieder einsammelt. Dazu hält der dem Automaten den Ausgabebeleg unter die Nase und legt die Zeitung anschließend in ein Fach. Die Sache ist damit für den Kunden erledigt - alles wird gut, bleibt gut, ist gut. Am Ende eines Tages verknüfen die Automaten ihre Daten, der Ausgabeautomat fragt den Rückgabeautomaten, was er so alles zurückgenommen hat. So wird erfaßt, wer die Zeitung nicht zurückgegeben hat. Was ihm nachträglich in Rechnung gestellt wird - der Beförderer weiß ja, wer genau da sich die Zeitung angeeignet hat. Bei mit Kreditkarten oder per Lastschrift gekauften Fahrkarten wird einfach das Konto belastet. Ansonsten bekommt der Kunde eine Rechnung. Falls er die nicht zahlt, wird er für weitere Fahrten solange gesperrt, bis die Rechnung beglichen wurde. Kann der nächste 29-Euro-Fahrschein-Kauf am Schalter dann 33,90 Euro kosten ;-)

Sodele, und als Krönung all dessen wird es noch ein paar Jahre später dann die individuelle Zeitung geben. Der 1.-Klasse-Kunde stellt sich vor einen Zeitungsautomaten und gibt an, aus was für Themenbereichen er was lesen möchte und wie hoch der Aktualisierungsgrad sein soll. Je nach Status des Kunden, Vielfahrer, Extremfahrer, BC-Comfort u.ä. bekommt der Kunde mal mehr Auswahl und mal weniger. Und dann, wenn alles ausgewählt ist, druckt der Automat ratzfatz eine entsprechende individualisierte Zeitung aus! Diebe, äh, Aneigner meine ich, müssen dann drauf hoffen, DEN superhypermega BCF-Extremfahrer-Mega-Status-Kunden mit Interesse an allen Themen zu beklau.., äh, zu, ja wie schreibt man das denn jetzt, zu be-ab-eignen?, damit sie eine wirklich tolle aktuelle Zeitung erwischen - mit etwas Pech erwischen sie womöglich sonst nur eine Art bessere BILD-Zeitung mit Themen von gestern...


Ja, Freunde, DAS sind mal zukunftsorientierte Ideen. Und kreative noch dazu. Über SOWAS müßte man mal diskutieren und nachdenken! Und nicht, ob sich unser "liebe70"-Nachfolger - offensichtlich schadet zuviel Kundenkontakt und zu langes Arbeiten bei DB Fernverkehr auf Dauer doch.... - mal wieder eingeschnappt ist oder nicht.

Deutschland könnte seinen technologischen Vorsprung also mal wieder gewaltig ausbauen. Individuelle Zeitungsautomaten - wer auf der Welt hätte sowas schon zu bieten? Die Automatenindustrie könnte jubeln, es werden Arbeitsplätze geschaffen.

Und der Schaffner bekommt einen 5-Tage-Crash-Kurs für die Automatentechnik, falls der Kasten mal wieder streikt, sich eine Zeitung verhakt, die Benutzeroberfläche mal wieder abgestürzt ist oder der Apparillo aus Versehen statt der Zeitung die Verspätungsstatistik vom Vortag druckt. Einziger Haken: Die GDL fordert für diese Tätigkeit dann gleich wieder mehr Lohn. Aber da bietet sich die Lösung an: Dem Schaffner wird einfach ein 450-Euro-Nebenjob auf's Auge gedrückt - eben in Form dieser Tätigkeiten. Dazu gibt's dann einen extra Arbeitsvertrag mit der "DB Zeitungsvertriebs GmbH". Jede Minute, die er am Automaten verbringt, wird dann eben über diese Firma abgerechnet und vergütet. Natürlich hat das den Haken, dass der Schaffner, ja ohnehin ein böser Mensch, dann den Automaten ständig manipuliert, so dass der eigentlich dauert abstürzt, und der Schaffner somit Arbeitsminute um Arbeitsminute sammelt und vergütet bekommt. Aber im Zeitalter der totalen Überwachung wird sowas natürlich schnell auffallen und dann gibt's wieder ein berühmtes Tee-Gespräch (auch deswegen übrigens wollte ich nie Schaffner werden: Zu einem TEE-Gespräch würde ich gar nicht erscheinen. Ohne COLA geht da nix!) und die Herabstufung zum Fahrkartenknipser.


Schöne Grüße von

jörg


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