Für 99,99 Prozent der Themen bin ich sicher kein "Experte" (Allgemeines Forum)

bigbug21, Mittwoch, 01.12.2010, 10:11 (vor 5625 Tagen) @ ICE-T-Fan

Hallo ICE-T-Fan,

[...]

Das Problem ist aber, dass du trotzdem Entscheidungen bzgl. Themen treffen musst, in denen du kein Experte bist.

Dieser Aussage muss ich ganz klar widersprechen. Ich nehme für mich nicht in Anspruch, zu dem allergrößten Teil der in unserer Gesellschaft aufkommenden Themen eine Meinung zu haben. Gentechnik? Stammzellen? Außenpolitische Detailfragen? -- Ich würde es als anmaßend wahrnehmen, wenn ich behaupten würde, ich hätte zu diesen Themen eine auch nur im Ansatz qualifizierte Meinung, die nennenswert über Stammtischniveau hinausgeht, hätte!

Ich bin heilfroh, dass wir für solche Dinge Parlamente haben. Die funktionieren zwar auch nicht immer optimal, aber zumindest wird dort die vielschichtige Diskussion mit Fachleuten und Interessenvertretern geführt, für dich weder Zeit noch das notwendige Hintergrundwissen habe.

Selbst für das Thema "Stuttgart 21" würde ich für mich nicht in Anspruch nehmen, eine qualifizierte Meinung zu haben. Ja, ich habe viele hundert Quellen gelesen, dutzende von Vorträgen und Diskussionen besucht, beim EBA die Planfeststellungsunterlagen gewälzt -- und trotzdem gibt es viel zu viele Thematiken, die ich in einem Maße einschätzen kann, wie es für eine fundierte Bewertung des Gesamtprojekts notwendig wäre.

Man kann den Kritikern von S21 nicht vorwerfen sich falsch entschieden zu haben oder Blockadepolitik zu betreiben, weil sie es nicht besser wissen können bzw. sie niemand vom Gegenteil zu überzeugen vermag, da das Thema zu komplex ist.

Es ist richtig und wichtig, dass wir in unserer Gesellschaft verschiedene Meinungen haben und darüber auch (möglichst sachlich und objektiv) diskutieren. Diese Hommage an eine auf politischer Ebene in Teilen in Vergessenheit geratene Diskussionskultur war wohl auch eine der wichtigsten Ergebnisse der Schlichtung.

d.h. wenn die nächste Woche wieder mit Sitzblockaden anfangen, muss man das als freiheitlich-demokratische Lebensweise zur Kenntnis nehmen und sich nicht darüber echauffieren, dass es so ist. Immerhin können wir nicht alle Experten für alles sein, wie du schon sagst. Aber auch als nicht-Experte habe ich ein Recht meine Meinung zu vertreten, selbst wenn sie, aufgrund der Natur der Sache, nicht auf Expertenwissen beruht.

Natürlich. Auf der anderen Seite gehört es zur Demokratie auch, in langwierigen demokratischen Diskussionsprozessen getroffene Entscheidungen auch zu akzeptieren. Wenn sich manche Leute nun als Staat im Staate aufspielen, meinen, "das Volk" zu sein bzw. zu repräsentieren, wenn sie auf Bauzäune überklettern und Baustellen blockieren, bin ich sehr skeptisch.

Aus diesem Grund glaube ich auch nicht, dass die Demonstrationen jetzt abflauen werden, weil die Schlichtung nicht wirklich überzeugt hat. Sie war ein reiner Lehrfilm in Sachen Bahn mit allem Drunherum , aber keine Überzeugungsveranstaltung.

Natürlich wird es immer Menschen geben, die sich von nichts, aber auch gar nichts überzeugen lassen. Wer beispielsweise immer noch ernsthaft behauptet, Stuttgart 21 habe nur Nachteile und Kopfbahnhof 21 nur Vorteile und unsere Politik sei ebenso korrupt wie unsere Wirtschaft, der wird natürlich weiter auf die Straße gehen. Dennoch glaube ich, dass diese Fraktion doch nur Bruchstück jener rund 40 Prozent der Bürger im Großraum Stuttgart ist, die laut jüngster Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen gegen das Projekt sind.

Viele Grüße vom Campus der TU Dresden
Peter

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unterwegs für freie Eisenbahn-Geodaten


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