Lasst uns alle "Experten" werden?! (Allgemeines Forum)

bigbug21, Mittwoch, 01.12.2010, 01:26 (vor 5625 Tagen) @ ICE-T-Fan

Hallo ICE-T-Fan,

Das Expertentum ist der Grund allen Übels

Das ist ja das Problem.

Wenn jemand etwas tut, was der Rest der Leute nicht oder nur annähernd versteht, entsteht Unverständnis, Unmut und im weiteren Verlauf Wut.

Mit diesem Ansatz könnte man gleich aufhören, in unserer Gesellschaft zu leben. Ich bin heilfroh, nicht verstehen zu müssen, wie die Ampel auf dem Weg zur Uni im Detail funktioniert, wie das Brötchen für mein Frühstück gebacken wird oder wie genau die Heizung, die gerade meine Füße wärmt, funktioniert.

Es liegt in der Natur der Sache, dass wir uns als Menschen in einer zunehmend komplexer werdenden Welt immer weiter spezialisieren -- und uns darauf verlassen, dass die 99,9 Prozent der Dinge, für die wir keine so genannten "Experten" sind, auch ohne unser tiefes Verständnis funktionieren.

Würden diese "Experten" endlich mal erklären, warum was warum ist, würde ihnen nicht so stark der öffentliche Wind ins Gesicht blasen.

Ich unterschreibe sofort, dass die Kommunikation der DB -- nicht nur bei Großprojekten -- ziemlich mies ist. Dennoch halte ich es für ausgeschlossen, hoch komplexe Themen tatsächlich umfassend einem fachlich nicht vorgebildeten Publikum im Detail zu erläutern.

Ich wage zu behaupten, dass wir heute mehr Möglichkeiten denn je haben, uns zu informieren und zu bilden. Man denke allein an Google und Wikipedia. Gleichzeitig haben wir als Bürger -- nicht zuletzt durch das Informationsfreiheitsgesetz -- gegenüber dem Staat ziemlich weitreichende Möglichkeiten, uns auch konkret zu informieren. Kleiner Nachteil: Das geht nicht in fünf Minuten.

Man mag darüber diskutieren, inwieweit es die Pflicht von Projektträgern oder der Politik ist, alles mundgerecht in Häppchen zum Download bereitzustellen -- das ändert jedoch nichts daran, dass sich gerade selbst bei Stuttgart 21 jeder tatsächlich Interessierte weitgehend informieren kann. Sehr vieles auch zu diesem Projekt war seit den um 2002 angelaufenen Anhörungen des Planfeststellungsverfahrens "auf dem Tisch" -- die wenigsten machten sich jedoch die Mühe, sich in die Materie tatsächlich einzuarbeiten.

Da dank der Politik das Grundvertrauen der Bevölkerung in Expertengremien mit der Zeit gegen Null tendiert, wird in Zukunft jeder Sachverhalt, welcher nicht öffentlich verstanden werden kann, blockiert werden.

Das denke ich nicht. Allein am Bundestag mit seinen rund 25 Ausschüssen werden jedes Jahr um die 1.000 Gesetze gemacht. Der allergrößte Teil der Sacharbeit findet abseits der öffentlichen Bühne statt und ohne dass sich dafür nennenswert Menschen interessieren würden.

Niemand kann "Experte" für alle möglichen Themengebiete sein. Ich bin heilfroh, mich im Gegensatz zum Bundestag mich heute nicht vertieft mit Themen wie "Gesundheitstourismus", "Fachkräfte-Einwanderung durch ein Punktesystem" oder die "Anzeigenkampagne der Bundeskanzlerin" befasst haben zu müssen!

Wer Wind säät wird Sturm ernten und genau das passiert gerade in Deutschland.

Das Aussperren des gemeinen Volks bei komplizierten Verfahren von Großprojekten wird eben diese auch schnell wieder zu Fall bringen.

Das Volk ist alles andere als ausgesperrt. Raumordnungsverfahren, Planfeststellungsverfahren und die Möglichkeit, Klage zu erheben, sind wirkungsvolle Werkzeuge der Beteiligung. Alle drei Möglichkeiten würden auch bei Stuttgart 21 von Bürgern genutzt -- was zu erheblichen Veränderungen am Projekt führte.

Wir werden jetzt also mindestens 2 Generationen Menschen in Deutschland erleben, die alles und jeden blockieren, was sie nicht verstehen, eben weil sie in den letzten Jahrzehnten ausschließlich schlechte Erfahrung mit Experten und Politikern gesammelt haben.

Das denke ich nicht. Widerstand gegen große Verkehrsprojekte ist nichts Neues. Viele Menschen wirken in dieser Hinsicht schnell vergesslich. Hast du schon einmal gelesen, welche Horrorszenarien tausende von Bürgern an die Wand malten, die sich in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren mit allen Mitteln gegen die Neubaustrecke Mannheim--Stuttgart einsetzten? Schon Mitte der 1980er Jahre war der Widerstand abgebbt und heute weiß kaum ein junger Mensch noch, mit welch harten Bandagen um diese Strecke gekämpft wurde.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir den Höhepunkt des Protests gegen Stuttgart 21 mit der Demo vom 1. Oktober hinter uns haben. Natürlich werden Menschen in größerer Zahl weiter protestieren. Es wird auch immer einen harten Kern geben, der so ein Projekt nie akzeptieren wird. Soweit Bahn und Politik nicht neue eklatante Fehler machen, würde es mich wundern, wenn sich die Meinung der Bevölkerung in Summe noch einmal klar gegen das Projekt wenden würde.

Viele Grüße aus Dresden
Peter

--
unterwegs für freie Eisenbahn-Geodaten


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