Spannend tatsächlich, aber eigentlich überfällig (Allgemeines Forum)

J-C, In meiner Welt, Sonntag, 06.02.2022, 21:26 (vor 1523 Tagen) @ Siggis Malz
bearbeitet von J-C, Sonntag, 06.02.2022, 21:27

Ich kann immer nur wieder drüber staunen, das ist von den Tschechen nicht nur verkehrs- sondern auch geopolitisch das smarteste was sie je machen konnten.

Wenn die Infrastruktur so ausgebaut wäre, wie man es meist in Deutschland vorfände, so hätte Prag schon längst die infrastrukturmäßige Lage wie zum Beispiel Frankfurt. Von Hamburg, Berlin oder Dresden führt der kürzeste Weg nach Wien längst über Prag. In sofern war der Vindobona auf der Strecke wohl einfach seiner Zeit voraus.

Ich hab selbst mich immer wieder über Tschechiens Infrastruktur aufgeregt. Und ich bin der Meinung, dass ich damit nicht nur falsch liege. Anscheinend hat man endlich erkannt, dass ein Erhalten der ganzen Nebenbahnen erstmal nichts bringt, wenn die Haupstrecken als Verbindung nicht so gut ausgebaut sind, sodass das ganze seine Netzwirkung verfehlt.

Anderseits hat Tschechien auf der Hauptrelation die glückliche Lage, dass Praha - Brno sowohl als Binnenrelation, als auch auf internationalen Relationen ziemlich bedeutent ist. Da ist es ziemlich schlau, die Ost-West-Verkehre auf dieser Strecke zu bündeln und den Fernverkehr nach Süden dann ab Brno weiter laufen zu lassen. So werden die größten Städte Tschechiens, Praha, Brno und Ostrava auf einer Linie miteinander verknüpft.

Es ist allerdings auch Luft nach oben; soweit ich es verstanden hab, wird das Netz - wie beim französischen Vorbild auch - teils ausschließlich im Reiseverkehr nutzbar sein. Konkret wird bei der Machbarkeitsstudie von Steigungen bis zu 20 Promille gesprochen. Das ist anscheinend mehr als das Maximum für Güterzüge. So kann man natürlich auch in der EU dafür sorgen, dass nur Personenverkehr auf die Strecke kommt. Ob das von der Wartung her auch so toll ist, darf bezweifelt werden, da ja erheblich mehr Belastung bei solchen Steigungen geschieht.

Anderseits wird man wohl dafür in der Nacht die Zeit für Wartungsarbeiten dann finden.

Und dann ist es natürlich so, dass eigentlich noch viel mehr möglich wäre.

Die Fahrzeit von Prag nach Warschau soll mittels einer grenzüberschreitenden Hochgeschwindigkeitsstrecke Richtung Breslau auf 3 Stunden reduziert werden. hier erfährt man mehr dazu.

Ich habe mir spaßeshalber angeschaut, was die Deutschen an Fahrzeiten zwischen München und Prag sich vorstellen. Hab da mal ein Dokument aus 2018 gefunden, weil alles danach irgendwie keine Angaben zur Fahrzeit gibt.

Das sind 4:18h gegenüber den 5:40h. Beeindruckend und kann für sich durchaus funktionieren - hier werden wohl die Elektrifizierungen einen maßgeblichen Beitrag zur Attraktivierung beitragen. Flixbus benötigt auf der selben Strecke teils nur 4:35h. Ja. Hmm.

[image]
Könnte an solchen Streckenläufen in Bayern liegen, die man anscheinend nicht anzufassen gedenkt.

Würde man noch weitergehen und der Strecke nach München eine ähnliche Behandlung wie Prag - Warschau, dann würden zahlreiche Relationen innerhalb Deutschlands durch Führung via Prag wesentlich beschleunigt. Alles was es braucht, ist eine brauchbare Ausbaustrecke zwischen München, Pilsen und Prag.

Aber auch so wird so werden durch den Ausbau in Tschechien allein ein paar kleinere Relationen in Deutschland wohl ein wenig schneller miteinander erreichbar sein. Sollte man nicht völlig außer Acht lassen.

Ohnehin wird Tschechien wesentlich an Relevanz gewinnen. Berlin - Wien in etwas über 4 Stunden (derzeit 7:41h mit dem ICE), Dresden - Linz in ca 4,5 Stunden (derzeit 7:15h), das ist noch epischer als die VDE8. Und das sind nur ein paar Relationen, die mir spontan in den Kopf gehen.

Die schnellste Verbindung zwischen zwei mitteleuropäischen Hauptstädten unwiederbringlich in das eigene Land zu ziehen, ist halt einfach super gut.

Beziehungsweise das einzig logische. Tschechien hat einfach das eine Kriterium namens Lage bestens erfüllt. Wer mit dem Auto von Berlin nach Wien fährt, wird wohl am ehesten schon jetzt über Tschechien fahren. Es sei denn natürlich man nutzt alle tempofreien Zonen in Deutschland so aus wie dieser tschechische Milliardär da...

Man wird 2040 hoffentlich sagen können, dass Tschechiens "Aufstieg" in die Mitte Europas vollends gelungen ist.
Selbst Südpolen von Wroclaw bis Krakow wird primär über Tschechien zu erreichen sein.

Berlin - Katowice auf 5:15h (wenn nicht noch weniger, je nachdem was Polen vorhat) gegenüber 6:18h mit dem direkten Zug...

Das alles natürlich unter der Prämisse, dass die Anschlüsse optimal aufeinander abgestimmt sind. Im Zweifel wird man hier oder da wohl a bisserl länger brauchen, aber die potenziell möglichen Fahrzeiten sind schon ziemlich spannend.

ja das ist schon genial. Wenn Tschechien wirklich in den nächsten Jahrzehnten konsequent sein Schienennetz auf Vordermann bringt und zukunftsfähig macht, wird das nicht nur für Tschechien eine mächtige Revolution sein, sondern auch für Mitteleuropa. Plötzlich sind solche Relationen per Bahn nicht nur konkurrenzfähig, sie killen den Flieger mit Fakten. Und das Auto sieht dann einfach sehr alt aus.

Vorbei die Zeiten, wo das Thema Zeit bei solchen Reisen das Totschlagargument ist.

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Umwege erweitern die Ortskenntnis ~ Kurt Tucholsky


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