[DE][BE][FR] Les Côtes de France – 1/8 (26 B. ~ 2,5 MB) (Reiseberichte)

Pfälzer, Montag, 20.06.2022, 14:14 (vor 7 Tagen) @ Turbonegro

Hallo,

zunächst Danke, dass dir der Bericht gefallen hat.

Auch ich bin in Frankreich gerne mit dem Zug unterwegs, die Züge sind doch meistens pünktlich, allerdings muss man auch sagen, dass die Taktfolge dich sehr zu wünschen lässt. Da schätze ich in Baden-Württemberg, dass ich auf den meisten Linien alle halbe Stunde oder alle Stunden weiterkomme und nicht nur 8 Verbindungen am Tag, davon zwei per Bus, habe.

Die Häufigkeit der Verbindungen ist bei uns in Deutschland natürlich ein großer Vorteil. In Frankreich konnte ich auf einzelnen Fahrplanaushängen, besonders um die größeren Städte herum, zwar Spuren eines Taktfahrplans erkennen, aber trotzdem sind dann einige Taktlagen am Vormittag und am frühen Nachmittag ausgelegt. Nicht ohne Grund wird das Land gerne als Beispiel für fehlende integrale Taktfahrpläne genannt. Es gibt aber Lichtblicke: Mit der aktuellen Ausschreibung der grenzüberschreitenden Nahverkehre im Südwesten soll das Angebot auf den französischen Streckenabschnitten (z. B. Strasbourg - Wissembourg und Strasbourg - Lauterbourg) ausgebaut und verstetigt werden. Vielleicht kommt damit langsam die Einsicht, dass tagesdurchgängige Taktfahrpläne auch in Frankreich funktionieren könnten.

Gerade in Baden-Württemberg zeigt sich aber auch der Nachteil der hohen Angebotsdichte, die sich negativ auf die Pünktlichkeit der Züge auswirkt. Beste Beispiele sind die Residenzbahn oder die Streckenabschnitte zwischen Karlsruhe und Bruchsal sowie zwischen Mannheim und Heidelberg. Die dichte Streckenbelegung von Nah-, Fern- und Güterverkehr teilweise im Blockabstand ist extrem anfällig für kleinste Störungen, die den ganzen Fahrplan durcheinander bringen können. Das Problem habe ich in Frankreich in den Dimensionen noch nicht erlebt, auch wenn die Bereiche um die größeren Städte ebenfalls verspätungsanfälliger sind als die Streckenabschnitte auf dem "platten Land". Da sind andere Verspätungsursachen (Fahrzeugstörung, Infrastrukturstörung, Vorleistung, ...) schon eher dominierend.

Zwischen Nice und Marseille hatte ich damals übrigens auch Störung und +90, allerdings wegen "obstacles sur la voie" und zwischen Toulouse und Perpignan bin ich während eines Streiks gefahren, da wird aus einer kurzen Reise eine tagesfüllende Aufgabe. Auch hier können wir uns im Verhältnis in Deutschland glücklich schätzen, dass die Anzahl der Streiks doch sehr gering ist, in Frankreich wird sehr oft für und gegen alles mögliche gestreikt.

Ich war sehr froh darum, im Reisezeitraum nicht von Streiks (mouvement social national interprofessionnel* oder auch kurz grève) betroffen zu sein. Das Risiko war immer da und war mir bei Frankreich auch stets bewusst. Unter anderem dafür habe ich kürzere Tagesetappen eingelegt, die man notfalls schneller oder auf Alternativrouten zurück legen könnte.

Tatsächlich gab es wenige Wochen vor Reiseantritt noch Streiks bei der SNCF. Unter anderem wurden die Stellwerke in der Region Grand-Est bestreikt, wodurch auch der Alleo-Hochgeschwindigkeitsverkehr betroffen war. Ich erinnere mich noch an einen Ersatzfahrplan für die Bestreikung des Stellwerks in Metz, bei dem in der Hauptverkehrszeit (heure de pointe) zwischen Metz und Nancy zwar noch alle halbe Stunde gefahren wurde, dazwischen aber 7 Stunden lang gar nicht! Normal wäre für diese Strecke ein (fast) tagesdurchgängiger Halbstundentakt von schnellen Zügen (Halt nur in Pagny sur Moselle und Pont à Mousson) mit einzelnen zusätzlichen langsamen Fahrten. Ersatzverkehre waren da übrigens Fehlanzeige. Die Intensität von Streikmaßnahmen scheint aber regional zu variieren, denn zeitgleich waren durch Lokführer-Streiks in der Region Occitanie nur einzelne Züge ausgefallen, für die sogar ein BNV eingereicht wurde. Trotzdem schwebte damit ein böses Omen über der Reiseplanung, dass sich zum Glück nicht bewahrheiten sollte.

Freundliche Grüße aus dem Süden!

*Ich frage mich bei dem Wort immer, ob damit wirklich ein übergreifender Streik im öffentlichen Dienst so in Richtung Generalstreik gemeint ist oder eher ein Streik von mehreren Berufsgruppen innerhalb der SNCF. Denn man hat es zwar vereinzelt schon gehört, dass während eines SNCF-Streiks auch die KiTas zu geblieben sind oder die Post liegen gelassen wurde, aber generell und auch medial scheinen die Streiks bei der SNCF immer die größte Aufmerksamkeit zu bekommen.


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