Les Côtes de France – Nachwort: Buchungschaos um ECE 52 (Reiseberichte)

Pfälzer, Sonntag, 19.06.2022, 16:24 (vor 8 Tagen) @ Pfälzer

Nach dem eigentlichen Bericht möchte ich in diesem kurzen Nachwort nun auf eine ganz besondere „Spezialität“ der (Nicht-)Kooperation der europäischen Eisenbahngesellschaften hinweisen, die mir im Buchungsprozess der Reise untergekommen ist. Meine Kundenanforderung ist eigentlich recht einfach:

Ich möchte am 03.04.2022 mit ECE 52 von Milano Centrale (ab 11:20) nach Karlsruhe Hbf (an 17:27) fahren!

Zeitpunkt der Buchungsanfrage war der 13.02.2022, also genau 8 Wochen vor Abfahrt. Normalerweise sollte man erwarten können, dass internationale Bahnfahrten mit diesem Vorlauf buchbar sind. Zumindest wenn man bedenkt, dass man zu diesem Zeitpunkt schon Flüge für den Weihnachtsurlaub buchen könnte.

Auf das folgende Problem bin ich dann gestoßen, da ich für diesen Zug im Interrail-Reservierungssystem komischerweise ab Milano maximal bis Bern, aber nicht durchgehend bis Karlsruhe reservieren konnte. Das hat mich irgendwie stutzig gemacht, denn Bern stellt nun nicht unbedingt eine Tarifgrenze zweier Eisenbahngesellschaften dar. Wenn also über die Trenitalia-SBB-Schwelle reserviert werden kann, warum dann nicht auch mindestens bis Basel?

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N-1 Obwohl im Interrail-Reservierungssystem Preise für die Strecke Milano – Karlsruhe angezeigt werden, führt der Versuch der Reservierung im nächsten Schritt zu der Aussage, es seien keine Plätze reservierbar. Für Buchungsanfragen bis Bern ist die Reservierung allerdings möglich.

Ok gut, ich habe dann bis Brig reserviert, denn ab da ist der Zug für Interrail reservierungsfrei. Nun wollte ich aber doch wissen, wie diese eigenartige Konstellation zu Stand kommen könnte. Also habe ich den Zug erst einmal bei der DB angefragt und – Überraschung – nach Meinung der DB fährt der am 3. April erst ab Domodossola.

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N-2 Nach Auskunft der DB fährt der Zug am Reisetag nicht zwischen Milano und Domodossola

Das fand ich dann mehr als interessant, hatte ich doch wenige Minuten zuvor für genau diesen Zug auf dem angeblich nicht verkehrenden Abschnitt eine Reservierung gekauft.

Gut, wenn er angeblich nicht fährt, dann mal sehen was die zuständige Bahngesellschaft Trenitalia dazu meint.

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N-3 Laut Trenitalia soll der Zug normal fahren, ist aber ausverkauft

Und da aller guten Dinge drei sind und noch eine dritte Gesellschaft beteiligt ist, wollte ich mir abschließend noch die Meinung der SBB einholen. Die liefert dann wiederum das kurioseste Ergebnis.

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N-4 Die SBB meint, man müsse unterwegs für den durchgehenden Zuglauf zweimal umsteigen. Der Abschnitt Domodossola – Basel läuft unter der Zugnummer 5322.

Fassen wir einmal die bisherigen Ergebnisse zusammen: Wir haben die Informationen dreier europäischer Eisenbahngesellschaften konsultiert, die an einem gemeinsamen Zuglauf beteiligt sind, und drei unterschiedliche Informationen zu dieser Zugfahrt am angefragten Tag erhalten. Eine durchgehende Einzelfahrt von Milano nach Karlsruhe in diesem Zug hätten wir bei keiner der drei Gesellschaften buchen können:
- Bei der DB nicht, da sie den Zug von Milano nach Domodossola nicht kennt
- Bei der SBB nicht, da in deren Buchungssystem der Zuglauf in drei Teilabschnitte gebrochen ist
- Bei Trenitalia nicht, da der Zug angeblich ausverkauft ist

Letzter Versuch: Mal sehen, was Bahngesellschaften beauskunften, die gar nicht an diesem Zug beteiligt sind.

Da die ÖBB auch ein HAFAS-basiertes Buchungssystem verwendet und ich davon ausgehe, dass die Datenbasis auf europäischer Ebene mit derjenigen der DB übereinstimmt, weist die ÖBB das selbe Ergebnis wie die DB aus. Der Zug ist zwischen Milano und Domodossola nicht bekannt.

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N-5 Scotty hält sich an die DB

Nach so viel Frust und Misserfolg soll es im 5. Anlauf nun aber noch einen Erfolg geben, und zwar bei der SNCF.

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N-6 Die SNCF verkauft als einzige Bahngesellschaft tatsächlich diese Verbindung durchgehend.

Was dabei allerdings auffällt: Während der Preis für die 2. Klasse mit 60 € sehr günstig scheint (andere Verbindungen kosten mindestens 100 €), ist die 1. Klasse mit 253 € vergleichsweise teuer (andere Verbindungen gibt es für maximal 200 €).

Halten wir als Fazit fest: Der Versuch, einen durchgehenden Zug von Milano nach Karlsruhe zu buchen, funktioniert ausschließlich bei einer nicht daran beteiligten Bahngesellschaft. Die anderen Bahnen, die an diesem Zuglauf beteiligt sind, kennen den Zug entweder nicht oder sie ermöglichen keine Buchung dafür. In drei verschiedenen Auskunftssystemen erhält man drei verschiedene Informationen darüber, wo und wie der Zug am angefragten Datum fahren soll.

Alles in allem wirkt es, als ob kein Interesse daran besteht, die damals in den Medien so gefeierte Direktverbindung nach Milano zu vermarkten. Denn wie soll man von einem normalen, wenig „bahn-geschädigten“ Kunden erwarten, durch dieses Informations- und Buchungschaos noch durchzublicken? Auch wenn es alles andere als schön ist, aber ich bin mir ziemlich sicher: Ein normaler Kunde würde mit dieser Informationslage lieber bei der Lufthansa buchen. Da weiß man eben, was man hat, und das auch schon 8 Wochen vorher. Es besteht hier offensichtlich bei der Bahn noch ein dringender Nachholbedarf, was die Vereinfachung der Buchung internationaler Direktverbindungen angeht.


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