[FR] Les Côtes de France – 2/8 (34 B. ~ 3,5 MB) (Reiseberichte)

Pfälzer, Sonntag, 19.06.2022, 16:20 (vor 8 Tagen) @ Pfälzer

Der zweite Tag beginnt mit dem Wetter, mit dem der erste Tag aufgehört hat: Nebel. In der Stadt und auf dem Weg zum Bahnhof ist das noch nicht so deutlich zu erkennen, auf der anschließenden Zugfahrt dann aber umso mehr.

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2-1 Guten Morgen Calais!

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2-2 Die Überführung am Bahnhof Calais Ville bietet freien Blick auf die Eisenbahn durch diese „Bullaugen“

Das erste (und einzige) Zwischenziel mit Rundgang heute ist die Stadt Boulogne sur Mer und wird schon nach rund 40 Minuten Fahrzeit erreicht sein. Mein Zug wird für Gleis 1 angekündigt. Also nichts wie runter zum Bahnsteig. Dort steige ich dann in das bereit stehende AGC (autorail à grande capacité) ein.

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2-3 Das könnte mein Zug sein…

Die AGC sind mehr oder weniger die „Alleskönner“ der SNCF im französischen Regionalverkehr und in allen Regionen auf fast allen Strecken anzutreffen. Auch wir werden diesem Fahrzeugtyp in den kommenden Tagen noch sehr häufig begegnen. Ich wundere mich zunächst noch, warum der Zug komplett leer und mit ausgeschaltetem FIS da steht, aber letzteres muss in Frankreich nichts heißen. Außerdem fährt der Zug gegen Lastrichtung aus der Stadt heraus, da ist die schlechte Auslastung kein Grund zur Verunsicherung. Also steige ich ein, obwohl die am Bahnsteig stehenden Leute auf die andere Bahnsteigkante fixiert sind. Später irritiert mich dann eine Verspätungsprognose von 5 Minuten für meinen Zug mit der Begründung „réutilisation d‘ un train“ (Verspätung aus Wende / Vorleistung). Der Zug steht doch schon da! Na, vielleicht wird es die Vorleistung des Tf und nicht des Fahrzeugs sein, das habe ich in Frankreich auch schon des Öfteren erlebt. Schließlich kommt aber am Bahnsteig gegenüber doch noch ein weiteres AGC, in das die wartenden Passagiere einsteigen. Ok, doch lieber noch mal raus und nachschauen. Der Fehler ist dann schnell gefunden – ich bin tatsächlich am falschen Bahnsteig eingestiegen! Ich bin in den Zug am Bahnsteig B eingestiegen, während die Abfahrt an Gleis 1 am selben Bahnsteig gegenüber stattfindet. Das muss man aber auch erst einmal kapieren, dass an einem Mittelbahnsteig Gleis 1 und Gleis B gegenüber liegen. Jedenfalls wäre der Zug auf Gleis B dann später in die andere Richtung nach Dunkerque gefahren. Nicht ganz meine Richtung. Der richtige Zug setzt sich indes mit ca. 7 Minuten Verspätung in Bewegung. Von den ausgiebigen Gleisanlagen am Eurotunnel kann man wegen des Nebels nichts sehen. Später, als es ein bisschen auflockert, bin ich dann aber überrascht, wie hügelig die Landschaft südlich von Calais-Fréthun wird, obwohl wir uns in Küstennähe befinden.

Mein Zug ist einer von nur zwei Zügen pro Tag und Richtung (und das auch nur Mo-Fr), der zwischen Calais und Boulogne alle Unterwegshalte bedient. Trotzdem sind an den kleinen Haltestellen mit je einer Abfahrt morgens und abends in beide Richtungen einige Fahrgäste zugestiegen. Die dürfen ihre Heimfahrt am Abend auf keinen Fall verpassen. Am Bahnhof Boulogne Tintelleries, den wir später noch besuchen werden, leert sich der Zug fast vollständig. Ich bleibe noch bis zum Stadtbahnhof Boulogne Ville drin, den wir um 8:37 mit 3 Minuten Verspätung erreichen. Die „Unschärfe“ bei der Pünktlichkeit war zwar erwartbar, aber trotzdem in Anbetracht von 6 Minuten Übergangszeit zum Bus, der erst nach 40 Minuten wieder kommen sollte, ungünstig. Mit großen Schritten stehe ich nach einer Minute draußen an der Straße – und der Bus kommt auch mit +3, sodass es sich gut ausgeht.

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2-4 Rendez-Vous-Knoten der Stadtbusse an der Station Liane

Mit dem Bus fahre ich erst einmal runter zum Meer. Im Gegensatz zu dem Nebel in Calais gibt es hier wenigstens ein bisschen Sonne. Anschließend führt mein Weg zunächst entlang der Promenade des Fluss Liane, der hier in das Meer mündet, zurück in Richtung Innenstadt. Dann beginnt der beschwerlichere Teil des Rundgangs: Der Aufstieg hoch hinauf zur befestigten Altstadt, der „Ville fortifiée“. Der Weg ist zwar lang und steil, lohnt sich allerdings, denn die historische Altstadt ist sehr sehenswert.

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2-5 Das Meer nun in der schwachen Morgensonne

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2-6 Der Fluss Liane mündet in Boulogne sur Mer in das Meer – hier blicken wir landeinwärts

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2-7 Das waren noch Zeiten…

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2-8 Nach einem langen Aufstieg steht man vor den Toren der historischen Altstadt

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2-9 Palais Impérial (mittig)

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2-10 Hôtel de Ville (rechts) mit Beffroi im Hintergrund

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2-11 Château comtal

Der Rest des Tages besteht nun aus einer einzigen langen Reisekette mit vielen Umstiegen und nur einem wesentlichen Ziel: Paris umfahren! Das auf Paris zentralisierte Bahnsystem in Frankreich ist nicht so unbedingt meins. Fernreisende werden meist zu einem Umstieg mit Bahnhofswechsel und allerlei Strapazen bei der Benutzung der Metro in Paris gezwungen (Fahrkarte kaufen, überfüllte Züge, ewige unterirdische Wege zu den Haltestellen, …). Nur in wenigen Fällen besteht das seltene Glück einer Direktverbindung in der Provinz, die aber auch länger dauern kann als der Umweg über Paris. Trotzdem habe ich für diese Tour eine komfortablere, wenn auch zeitintensive, Verbindung gefunden, die Paris nordöstlich umgeht. Der Preis dafür ist eine Reisezeit von 9 Stunden, die ich bis zu meinem Tagesziel Granville noch vor mir habe. Die lange Fahrt beginnt am Bahnhof Boulogne Tintelleries. Dieser Bahnhof liegt deutlich näher an der historischen Altstadt als der Stadtbahnhof Boulogne Ville.

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2-12 Ein TGV nach Paris fährt durch den Bahnhof Boulogne Tintelleries

Die Abfahrt des Zuges nach Amiens sollte um 9:46 sein. Um 9:43 fährt am Bahnsteig ein AGC vor, dessen FIS als Fahrtziel „Boulogne Ville“ angibt. Vom Vorab-Studium des Fahrplans wusste ich noch, dass kurz vor dem Zug nach Amiens tatsächlich ein Zug nur Calais – Boulogne fährt, wie auch immer sich das von der Nachfrage her rechnen soll. Trotzdem frage ich kurz beim Zugbegleiter nach, ob der Zug nach Amiens noch kommt. Der Zugbegleiter fordert mich in der Hektik wegen der vielen Aussteiger dazu auf, einzusteigen. Auf der kurzen Fahrt zum Stadtbahnhof erklärt er mir dann, dass ich dort zu Gleis 2 wechseln soll. Der Zug nach Amiens kommt in Kürze. Die Umsteigezeit am Bahnhof Boulogne Ville reicht für den Bahnsteigwechsel aus. Verwirrend ist allerdings die Nummerierung der Gleise: Mein Zug fährt von Gleis 2 – das ist aber nicht etwa vom Hausbahnsteig aus betrachtet das zweite Gleis im Bahnhof. Nein, das wäre ja zu einfach. Gleis 2 ist statt dessen das durchgehende Hauptgleis der Strecke Paris – Calais. Bei strikter Durchnummerierung der Gleise von vorne bis hinten wäre das Gleis 4. Insgesamt ist die Bahnsteiganordnung in Boulogne schlimmer als in Dortmund: Vom Hausbahnsteig ausgehend kommt zuerst Gleis 5, dann Gleis 3, 1, 2 und schließlich 4. Zudem gibt es aus beiden Richtungen jeweils ein kurzes Stumpfgleis mit der Nummer 7 bzw. 9. Wie erreicht man mit möglichst wenig Aufwand das Maximum an Unübersichtlichkeit?!

Der Zug nach Amiens wird, Überraschung, von einem AGC gefahren. Die Elektrifizierung der Strecke aus Richtung Calais endet am Bahnhof Rang du Fliers-Verton. Das ist der Endbahnhof der durchgehenden TGV-Verbindungen aus Paris über Lille. Dort findet für unseren Zweikraft-Triebwagen der Systemwechsel statt. Während des Zwischenhalts wird der Stromabnehmer eingefahren und der Diesel angeworfen. Wir dieseln nun weiter bis zum Ende der Fahrt in Amiens.

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2-13 Ankunft des AGC nach langer Diesel-Etappe in Amiens

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2-14 Der Bahnhof Amiens ist ein Keilbahnhof. Die Gleise im Hintergrund enden stumpf vor der Empfangshalle. Die gebogenen Gleise im Vordergrund führen daran vorbei und in Tieflage durch die Innenstadt.

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2-15 Charakteristisch ist wegen dieser Bauform auch die gebogene Überführung über die durchgehenden Gleise, die sich aus der Haupthalle heraus fortsetzt

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2-16 Innenhof des Bahnhofsvorplatz von Amiens

Die nächste Etappe führt nach einer Stunde Mittagspause nach Rouen. Hier erwartet mich zur Abwechslung ein Doppelstocktriebwagen (TER 2N NG – 2N steht für „deux niveaux“ und NG für „nouvelle génération“).

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2-17 TER 2N NG

Die Fahrt führt überwiegend durch die recht langweilige, landwirtschaftlich geprägte, endlose Weite der Picardie. Spannend wird es erst im Zulauf auf Rouen, der durch ein hügeliges, aber dennoch dicht besiedeltes Tal führt. Nach 1,5 Stunden ist der Tiefbahnhof von Rouen erreicht, der mit einem Parkdeck überbaut ist. Es gibt schönere Bahnhöfe.

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2-18 Im Tiefbahnhof von Rouen sind ein Régiolis und ein AGC abgestellt

An dieser Stelle muss ich die Eisenbahn vorerst hinter mir lassen, denn die nächste Etappe nach Caen findet nicht auf der Schiene, sondern auf der Straße statt. Zwischen Rouen und Caen besteht zwar im Fahrplan der SNCF ein durchgehender 2-Stunden-Takt, jedoch werden die Abfahrten um 10:00 und um 14:00 in beiden Richtungen nicht durch Züge, sondern durch Reisebusse gefahren. Die Busse verbinden Rouen und Caen ohne Halt über die Autobahn direkt miteinander. Mein Bus hält in Rouen direkt vor dem Bahnhofsgebäude auf einem eigens dafür ausgewiesenen Parkplatz, der bis kurz vor Ankunft des Busses noch durch den Firmenwagen eines Handwerkers zugestellt war.

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2-19 Bahnhofsvorplatz von Rouen

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2-20 Wir queren die Seine

Die Abfahrt erfolgt pünktlich und die Auslastung des Busses lässt keinen Zweifel daran, dass die Kapazität für diese Fahrt keinen Zug rechtfertigen würde. Rund 25 Fahrgäste sind an Bord. Das ist für einen Fernbus nicht schlecht, für einen Zug dann aber doch eher mau. Leider ist es im Bus recht warm, was dem Busfahrer aber erst nach einer Stunde auffällt, sodass die Klimaanlage bis kurz vor dem Ziel nicht ihrem Dienst frönen darf. Na ja, man kann nicht alles haben, es war ja wegen der wenigen Fahrgäste trotzdem erträglich. Der Busfahrer trägt übrigens während der ganzen Fahrt eine medizinische Maske und eine Sonnenbrille, ist aber trotzdem jederzeit hochkonzentriert. Respekt! Wir kommen insgesamt gut durch den stets fließenden Verkehr und selbst die obligatorischen Zwischenhalte an den gares de péage (Mautstellen) fallen dank automatischer Mauterfassung kurz aus. So erreichen wir Caen bei einer planmäßigen Fahrzeit von 100 Minuten bereits um 15:39 mit -8. Hier kehre ich zurück zur Eisenbahn, erneut in Form eines AGC.

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2-21 Busbahnhof von Caen (links befindet sich das Empfangsgebäude des „echten“ Bahnhofs)

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2-22 Abwechslungsreicher Fahrzeugeinsatz

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2-23 Hinter dem Bahnhof verstecken sich einige Doppelstockzüge für den Verkehr auf der Hauptlinie Paris – Caen – Cherbourg

Das sollte die letzte Zugfahrt des Tages werden. Das AGC bringt mich bis ca. 10 Kilometer vor der Küste nach Coutances.

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2-24 Bei der Einfahrt in den Bahnhof Coutances ist auf der rechten Seite die Cathédrale Notre-Dame zu erkennen

Damit ist die Reise um Paris herum aber noch nicht ganz vorbei. Eine Etappe fehlt noch, um mein Tagesziel Granville zu erreichen. Auch diese Etappe sollte wieder ein Car TER, also ein Reisebus der SNCF, sein. Laut Fahrplan sollte der Bus um 17:37 den Anschluss vom Zug aufnehmen und Granville um 18:18 erreichen. Im Zug wurde auch extra noch durchgesagt, dass der Bus nach Granville auf dem Bahnhofsvorplatz abfährt. Nach wenigen Minuten kommt dort auch ein Bus mit der Aufschrift Granville, jedoch zusätzlich versehen mit einer Liniennummer und ohne Hinweise darauf, dass die SNCF den Bus betriebt. Der Bus ist bereits mit einigen Fahrgästen, überwiegend Schülern, besetzt. Ich bin mir immer noch nicht schlüssig, ob das jetzt der richtige Bus ist oder ob noch ein eigener Bus für die SNCF-Kunden kommt, um den Schülerverkehr zu entlasten. Allerdings sind alle anderen Fahrgäste nach Granville dort eingestiegen. Also zeige ich dem Fahrer meinen Interrail-Pass und frage ihn, ob das der auf der Fahrkarte angegebene Bus nach Granville ist. Er bestätigte das. Sammeln wir also kurz die Fakten:
- Der Bus fährt in meine Richtung
- Der Fahrer nimmt mich mit meiner Fahrkarte mit
- Es sind noch Sitzplätze frei
--> Ich steige natürlich ein!

Der Bus fährt schließlich schon um 17:32, also 5 Minuten vor der Abfahrtszeit nach SNCF-Fahrplan, los. Tatsächlich hält er unterwegs an verschiedenen Haltestellen zum Ausstieg und fährt dafür auch in einem Ort von der direkten Straße ab. An dieser Haltestelle ist sogar jemand eingestiegen. Den Bahnhof Granville erreichen wir gegen 18:12.

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2-25 Bahnhof Granville, erneut auf der Straße erreicht

Da mein Anschluss, ein Stadtbus, erst um 18:32 kommen sollte, warte ich geduldig vor dem Bahnhof, ob nun doch noch ein Bus der SNCF aus Coutances dort aufschlagen würde. Innerhalb der nächsten 20 Minuten fahren Busse im Minutentakt am Bahnhof vorbei, aber keiner ist im Auftrag der SNCF oder aus Richtung Coutances unterwegs. Damit ist die Sache dann klar: Die SNCF betreibt hier ein Codesharing mit der Verkehrsbehörde, die den regionalen Busverkehr organisiert. Und die SNCF hat es dabei natürlich nicht hinbekommen, die Fahrplanzeiten im Buchungssystem aktuell zu halten. Aber egal, Hauptsache ich war da! Pünktlich um 18:32 kommt der Stadtbus für die letzte Meile bis zum Hotel. Der Stadtverkehr in Granville ist mit Ausnahme spezieller Schulbusse kostenlos. Leider sieht man das dem Bus im Innenraum aber auch an.

Nach der Ankunft im Hotel mache ich noch einen kleinen Rundgang durch die Haute-Ville (Oberstadt) zur Spitze der Halbinsel, auf der die Stadt Granville gebaut wurde, an der Pointe de Roc.

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2-26 Aussicht aus dem Hotelzimmer auf die Stadt

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2-27 Ganz in der Nähe des Hotels befindet sich passenderweise am Meer eine Möglichkeit, Geld zu versenken

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2-28 Von dem Hügel im Hintergrund von Bild 2-26 aus betrachtet sieht man die Beschaffenheit der Steilküste noch viel deutlicher

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2-29 Auf dem Hügel liegt die Haute-Ville

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2-30 Enge Straßen in der Haute-Ville

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2-31 und 2-32 Pointe du Roc

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2-33 Die im Vordergrund erkennbare smaragdgrüne Färbung des Wassers gibt dem Küstenabschnitt um Granville ihren Namen: Côte d’Émeraulde

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2-34 Auf dem Rückweg in die Stadt sieht man, warum die Oberstadt ihren Namen trägt. Aus dieser Perspektive sieht sie tatsächlich aus wie eine Stadt über der Stadt.


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