[DE][BE][FR] Les Côtes de France – 1/8 (26 B. ~ 2,5 MB) (Reiseberichte)

Pfälzer, Sonntag, 19.06.2022, 16:19 (vor 8 Tagen) @ Pfälzer

Meine Tour beginnt an einem sonnigen Sonntagmorgen um kurz nach 7:00 zwischen Landau und Neustadt. Bis zum Ende des Tages will ich am Meer sein. Das wird ein weiter Weg... Heute geht es erstmal nach Calais ganz im Norden von Frankreich. Wir werden dem Meer in den nächsten Tagen aber noch häufiger begegnen. Die schnellste Route nach Calais, ohne die horrenden Reservierungsgebühren für Interrail zu zahlen, führt über Belgien und dauert im Idealfall rund 9 Stunden. Ich bin aber ein bisschen länger unterwegs. Einerseits um ausreichende Umsteigezeiten einzuplanen, wenn ganz wider Erwarten etwas schief gehen sollte, andererseits, um bei den längeren Aufenthalten in Frankfurt und Bruxelles auch noch etwas anderes zu sehen als nur Landschaft, Gleise und Oberleitungen. Gerade bei Frankfurt liegt mir schon lange ein interessantes Phänomen im Argen: Obwohl ich dort schon zigmal mit der Bahn durchgefahren und einige Male auch umgestiegen bin, kannte ich die Stadt an für sich nicht. Bis jetzt waren mir nur die zahlreichen Infrastrukturstörungen und Überlastungserscheinungen des Hauptbahnhofs bekannt, die aus einem pünktlichen Zulauf mit gemütlicher Umsteigezeit in letzter Minute noch einen Rennanschluss machen. Das sollte sich nun ändern und so wollte ich die 1,5 Stunden Umsteigezeit nutzen, um mich etwas dort umzuschauen.

Die Anreise nach Frankfurt verläuft unspektakulär und planmäßig. Der erste Zug des Tages wird durch ein völlig zur Auslastung passendes Talent-Triple gefahren. Von den ca. 400 Sitzplätzen im Zug sind in etwa fünf belegt. Die Begründung, warum sonntags morgens in Dreifachtraktion gefahren wird, ist die Umlaufplanung: In Neustadt fährt der letzte Wagen um 7:36 weiter als RB 53 nach Wissembourg und die anderen beiden Wagen bilden um 8:09 den RE 6 nach Karlsruhe. Der ankommende RE um 7:51 aus Karlsruhe kann wegen der Durchbindung nach Kaiserslautern nicht auf den Zug um 8:09 wenden. Deshalb wird jeden Sonntag in der Früh viel heiße Luft durch die Pfalz gefahren – aber immer noch besser, als die Wagen als unnötige Leerfahrten zuzuführen. Weiter geht es ab Neustadt dann mit dem ICE 935, einem LDV, nach Frankfurt. Auch dieser Zug ist eher spärlich besetzt. Bis 2021 war der Sonntag, ebenso wie der Samstag bei der Vorleistung ICE 836, noch Ausschlusstag. Inzwischen kommt man mit diesem Zug aber täglich nach Berlin. Zwischen Mannheim und Frankfurt fährt der Zug nicht über die Riedbahn, sondern über die Bergstraße. Damit hat auch Darmstadt eine schnelle Verbindung nach Berlin. Gegen 9 Uhr erreichen wir pünktlich Frankfurt.

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1-1 Turm des Schreckens

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1-2 Paulskirche

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1-3 Eiserner Steg – Hier besiegeln Paare ihre untrennbare Liebe mit Vorhängeschlössern. Traditionell schmeißt man danach den Schlüssel weg. Ich wüsste ja gerne, wie viele gebrochene Herzen das im Nachhinein bereuen…

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1-4 „Mini-Skyline“ am südlichen Mainufer

Rund 1,5 Stunden nach der Ankunft setze ich meine Reise mit dem ICE International nach Bruxelles fort.

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1-5 ICE 16 beim Aufenthalt in Köln Hbf

Dabei habe ich dann auch gleich festgestellt, dass die einige Tage zuvor getätigte Reservierung eine gute Investition war, denn der Zug ist recht gut gefüllt. Gegenüber von mir sitzt eine Gruppe chinesischer Geschäftsleute, die gleich nach der Abfahrt eine Flasche Champagner auspackt und damit in einer engen Weichenverbindung den Teppichboden des Zuges „tauft“. Unterwegs wird dann noch geruchsintensives chinesisches Essen aus mitgebrachten Plastikbehältern verzehrt. Da zeigen sich für mich zur Abwechslung die Vorteile einer FFP2-Maske. Im Großen und Ganzen stört die „Geselligkeit“ der Reisegruppe aber nicht, denn so ist neben Geschäftsreisenden vor ihren Laptops (was müssen die eigentlich am Sonntag immer so viel arbeiten) und Rentnern wenigstens etwas Leben im Wagen. Trotz der viel bescholtenen Unzuverlässigkeit der Baureihe 406 verläuft die Fahrt ereignislos, sodass wir Bruxelles-Nord nach zahlreichen Systemwechseln pünktlich erreichen. Warum auch immer verzögert sich dann aber die Weiterfahrt zum Gare du Midi, zu der übrigens am Gare du Nord noch ein paar Leute zusteigen. Wir kommen schließlich um 13:40 in Bruxelles-Midi (niederländisch Brussels-Zuid) an. Gegenüber steht schon die Anschlussmöglichkeit nach Paris.

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1-6 Ein Thalys wartet in Bruxelles-Midi auf seine nächste Fahrt

Jetzt muss ich mich aber sputen: Die nächste Etappe führt nach Gent. Planmäßig hätte die Reise um 15:26 mit den IC nach Knokke weitergehen sollen. Allerdings wurde kurzfristig noch eine Baustelle ins System eingepflegt: Die direkte Strecke zwischen Bruxelles und Gent ist an diesem Wochenende gesperrt. Schön, dass das mit ausreichendem Vorlauf bekannt gegeben wurde. Der Zug nach Knokke fällt deswegen aus, wodurch ich gezwungen bin, bereits den IC nach Ostende um 15:03 zu nehmen. Das reduziert die Aufenthaltszeit in Bruxelles von ursprünglich fast 2 Stunden auf weniger als 1,5 Stunden. Trotzdem wollte ich, da mir nichts Besseres einfällt, einmal kurz mit der Metro zum Atomium rausfahren. Dafür muss ich mich nun aber wirklich beeilen, denn die Fahrt mit der Linie 6 dauert 16 Minuten und ich will später nicht auf den letzten Drücker wieder am Bahnhof ankommen. Leider erweist sich der Weg zur Metro am Gare du Midi als recht lang und umständlich. (Zugegeben, in Paris ist es vielerorts noch schlimmer und Stuttgart konnte in letzter Zeit auch nicht durch kurze Umsteigewege zwischen Fernverkehr und Stadtbahn glänzen). Wohl gerade wegen der Eile brauchen die Fahrkartenautomaten eine gefühlte Ewigkeit, um die Kartenzahlung durchzuführen. Trotzdem schaffe ich mit Ach und Krach den Zug um 13:48, sodass mir draußen an der Expo eine halbe Stunde Zeit für einen kurzen Rundgang bleibt. Expo und Atomium befinden sich nahe der Station Heysel (niederländisch Heizel), der vorletzten Station der Linie 6.

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1-7 EXPO Bruxelles

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1-8 Atomium

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1-9 Metro bei der Ausfahrt aus der Haltestelle Heysel

Nach 25 Minuten komme ich schließlich wieder an der Metro an, 5 Minuten vor der Abfahrt des Zuges um 14:34 zum Bahnhof. Der nächste Zug danach hat Verspätung (an der zweiten Station im Linienverlauf wohlgemerkt) und wird mit einer Wartezeit von 10 Minuten angekündigt, sodass es damit wohl nicht mehr für den IC nach Ostende reichen würde. Ich kaufe am Automaten, der natürlich beim Auslesen meiner Kreditkarte die Ruhe weg hat, hastig eine Fahrkarte. Damit dann schnell zum „Gate“ und – nein, die Fahrkarte hält es für ungültig. Ich war mir dann nicht mehr sicher, ob ich gerade die von der Hinfahrt oder die frisch gekaufte rangehalten habe, und versuche, mit der anderen die Sperre zu öffnen. Dazu kommt es aber nicht mehr, denn die Sperre leuchtet auf einmal rot auf und hat offensichtlich eine Störung. Für das dann vorgesehene Anrufen des Hilfspersonals mittels Sprechstelle habe ich aber keine Zeit mehr, denn in 3 Minuten kommt mein Zug und der Anschluss wartet nicht. Und so bleibt mir in der Eile dann nichts anderes mehr übrig, als nochmal zum Automaten zu gehen und eine neue Fahrkarte zu kaufen – natürlich mit Bargeld, denn sonst wäre der Zug weg bis der Automat die Karte geschluckt hat. Immerhin das funktioniert einigermaßen zügig und ein anderes „Gate“ akzeptiert die Fahrkarte anstandslos, sodass ich kurz vor der Einfahrt des Zuges am Bahnsteig stehe. Die 12 Minuten verbleibende Umsteigezeit am Gare du Midi reichen schließlich aus, um den IC gemütlich zu erreichen. Dessen Reisezeit nach Gent sollte sich durch die Umleitung über die weniger direkte Strecke via Aalst und Melle von eigentlich 28 auf 42 Minuten erhöhen, was in der DB Reiseauskunft auch hinterlegt ist. Trotzdem beauskunftet das FIS im Zug den regulären Fahrplan, wodurch die planmäßige baustellenbedingte Ankunftszeit um 15:45 als Verspätung dargestellt wird.

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1-10 Obwohl die Baustelle sogar im DB-Fahrplan eingepflegt ist, zeigt das FIS die baustellenbedingte Fahrplanabweichung als Verspätung an.

Die Fahrt beginnt pünktlich und führt zunächst bis kurz vor Denderleeuw parallel zur direkten Strecke auf den äußeren Gleisen. Beim Bahnhof Denderleeuw bleibt es dann aber vorerst, denn dort wird unser Zug auf einem bahnsteiglosen Gleis angehalten. Zunächst passiert nichts, dann fährt neben uns ein Zug in unsere Richtung aus dem Bahnhof aus. Erst nach rund 15 Minuten Standzeit, in der sich die Verspätungsprognose immer weiter erhöht, setzen wir uns wieder in Bewegung. In den nächsten Minuten kann man recht gut sehen, was los ist: In der Gegenrichtung stauen sich Personen- und Güterzüge im Blockabstand. Die Umleitungsstrecke ist wohl ziemlich überlastet. Gent erreichen wir trotzdem mit nur 5 Minuten Verspätung gegenüber dem Baustellenfahrplan und damit nur kurz vor der planmäßigen Ankunft des IC nach Knokke, wenn er denn normal fahren würde.

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1-11 Kamelzug in Gent – hinter den drei zweiklassigen Dostos befinden sich noch drei Flachwagen

In Gent steht nun ein Umstieg zur Weiterfahrt in Richtung der französischen Grenze an. Der Regionalzug dorthin sollte laut Aushangfahrplan um 16:06 von Gleis 9 abfahren. Gut, Gepäck gepackt, Rolltreppe runter, rüber und Rolltreppe rauf. An Gleis 9 kommt auch gleich ein Zug: perfekt – oder auch nicht! Nachdem der Anzeiger auf die Folgeleistung umschaltet wird klar, dass der Zug erst um 16:16 abfahren soll und dann auch noch in eine völlig andere Richtung. Ich bin etwas verwirrt und schaue im DB Navigator nach, wo denn der Anschluss abfährt. Immerhin war die DB bei den belgischen Fahrplänen heute schon sehr zuverlässig. Aha, Abfahrt an Gleis 8. Ok, denke ich, zuckle die Rolltreppe wieder runter und suche den Aufgang zu Gleis 8. Im Nachhinein wäre mir Gleis 9 dann doch deutlich lieber gewesen, denn durch den Gleiswechsel lerne ich Wissenswertes zum Bahnhof Gent-St. Pieters (französisch Gand St-Pierre): Der Bahnhof ist eine riesige Dauerbaustelle! Der Zugang zu Gleis 8 gestaltet sich daher sehr anstrengend.

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1-12 Großbaustelle Gent-St. Pieters – der einzige Zugang zu Gleis 8 ist diese Baustellentreppe

Trotzdem erreiche ich den Anschluss pünktlich und komme eine halbe Stunde später am Grenzbahnhof Kortrijk (französisch: Courtrai) an.

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1-13 Anschlusszug endlich erreicht!

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1-14 Grenzbahnhof Kortrijk

Eine weitere halbe Stunde später geht es mit einem grenzüberschreitenden Zug der SNCB dann weiter ins Zielland Frankreich. Der Zug besteht aus einer dreiteiligen AM 96-Einheit. Warum auch immer ist bei diesem Zug ein planmäßiger 7-minütiger Aufenthalt am Unterwegshalt Mouscron (niederländisch Moeskroen) erforderlich, während dem aber kein Anschlusszug mehr kommen sollte. Davon unbehelligt erreichen wir um kurz vor 18:00 den Bahnhof Lille Flandres planmäßig.

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1-15 Internationaler Zug nach Frankreich

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1-16 Warten auf keine weiteren Ereignisse in Mouscron

Zur Weiterfahrt nach Calais gibt es nun zwei Optionen: Entweder direkt ab Lille Flandres mit dem TER um 18:35, der gegen 20:00 in Calais ankommt, oder über die Schnellfahrstrecke, wodurch ich eine halbe Stunde schneller ankomme. Ich entscheide mich für letzteres, um das Meer hoffentlich noch bei Tageslicht sehen zu können. Dafür muss aber zunächst der Bahnhof gewechselt werden. Paris-Feeling, aber nicht so schlimm wie im Original. Nach 10 Minuten Fußweg ist schon der benachbarte Tunnelbahnhof Lille Europe an der Schnellfahrstrecke Paris – London erreicht.

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1-17 Euralille, das „Central Business District“ der Stadt

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1-18 Zugang zum Bahnhof Lille Europe

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1-19 Bahnsteighalle von Lille Europe

Zur Fahrt nach Calais nutze ich ein besonderes Angebot der Region Hauts de France: den TERGV (Transport express régional à grande vitesse). Dabei handelt es sich um einen Zug, der mit einem TGV-Triebwagen mit einer Höchstgeschwindigkeit von 300 km/h gefahren wird, allerdings mit normalen Fahrkarten für den Regionalverkehr genutzt werden kann, zuzüglich eines kleinen Zuschlags (supplément à grande vitesse). Die meisten TERGV-Fahrten sind als Codesharing-Angebote ausgelegt, bei denen bestehende TGV-Verbindungen der SNCF abschnittsweise für die Benutzung mit Nahverkehrsfahrkarten + Zuschlag freigegeben sind. Es gibt aber auch einzelne Fahrten, bei denen der Zug exklusiv als TERGV nur innerhalb der Region verkehrt, so wie dieser hier. Der Zuschlag wird nur auf den Schnellfahrstrecken (Lille – Dunkerque, Lille – Calais-Fréthun und Lille – Arras) verlangt. Auf den übrigen Abschnitten im Bestandnetz können die Züge ohne Zuschlag mit Nahverkehrsfahrkarten genutzt werden. Das wird in den Fahrplan teilweise auch als „TGVAUT“ (TGV autorisée) bei den Zügen gekennzeichnet, die die genannten SFS-Abschnitte nicht befahren, aber trotzdem im Altnetz in der Region Hauts de France unterwegs sind.

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1-20 TERGV – der Bahnsteig ist unmittelbar hinter dem Fotostandort zu Ende, sodass der Triebkopf noch etwas in den Tunnel hinein ragt.

Je näher wir dem Meer kommen, um häufiger und dichter wird draußen der Nebel. Von dem schönen Wetter am Morgen ist nicht mehr viel übrig geblieben. Einen traumhaften Sonnenuntergang am Meer würde es also wohl nicht geben. Ungeachtet dessen kommen wir nach nur 28 Minuten und 101 Kilometern (im Schnitt 216 km/h! – nicht schlecht für einen Regionalzug) am Bahnhof Calais-Fréthun an.

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1-21 Ankunft in Calais-Fréhtun

Calais-Fréthun liegt direkt an der Schnellfahrstrecke, ist aber kein klassischer „Kraut und Rüben“-Bahnhof wie z. B. Meuse TGV oder TGV Haute-Picardie. Der Bahnhof bietet nämlich Anschluss zum Regionalverkehr. Trotzdem liegt Calais-Fréthun noch ca. 10 Kilometer außerhalb der Stadt. Die letzte Etappe bis zum Stadtbahnhof Calais Ville wird deshalb mit einem Shuttlebus der SNCF zurückgelegt. Ich könnte auch auf den nächsten Regionalzug warten, aber das ist mir dann nach der langen Fahrt zu lange. Wir fahren also für rund 10 Minuten auf der Schnellstraße durch die weiße Wand, wobei die Sichtweite gerade so für den Bremsweg ausreichen dürfte und außer der Gegenfahrbahn nicht viel zu sehen ist. Dann erreichen wir die Stadt und der Bus biegt auf einmal nach rechts in eine kleine Wohnstraße ab, wobei rechter Hand schon die Gleisanlagen des Bahnhofs Calais Ville zu sehen sind. Kurz vor dem Busbahnhof (und noch gut 250 Meter vom Empfangsgebäude des Bahnhofs entfernt) hält der Bus dann plötzlich an und der Fahrer öffnet die Türen. Ich denke mir, er macht das, um gleich links abbiegen zu können für die Weiterfahrt oder den Feierabend. Aber nicht doch, bis der Bus 10 Minuten später außer Sichtweite gerät, blieb er an Ort und Stelle stehen. Also bitte, auf die paar Meter wäre es jetzt auch nicht mehr angekommen... Aber egal, ich bin nach 12 Stunden endlich am Zielort angekommen!

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1-22 Busbahnhof von Calais – endlich am Ziel!

Nach dem Einchecken im Hotel geht es dann, wie eingangs erwähnt, endlich zum Meer. Die Aussicht ist zwar durch den Nebel stark getrübt, aber das ist mir dann auch egal.

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1-23 Tour du Guet

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1-24 Fährhafen Calais – Verbindungen nach Brexitannien

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1-25 und 1-26 Tagesziel erreicht: Endlich am Meer!


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