so schlecht ist der ÖV i.d. Schweiz halt relativ betrachtet (Allgemeines Forum)

Twindexx, St. Gallen (CH), Freitag, 22.07.2022, 15:39 (vor 1354 Tagen) @ Benjamin.Keller
bearbeitet von Twindexx, Freitag, 22.07.2022, 15:41

Hoi,

schon ab 20 Franken pro Tag, je nach Gemeinde, manche geben auch an Auswärtige ab


Wenn ein solches Ticket so verramscht werden muss spricht es eben aber nicht für den ÖV, sondern dafür, dass der ÖV auch in der Schweiz nicht konkurrenzfähig zum Auto ist, sondern auf Deubel komm raus schmackhaft gemacht werden muss.

Es wäre vielleicht besser gewesen, wenn du dich vor deinem Beitrag erstmal mit informiert hättest. Dann wüsstest du, was du hier für Seich schreibst.

Jeder Kartensatz mit täglich einer Karte über ein Jahr kostet die Gemeinde 14`000.- CHF. Also nur um schon den Kaufpreis reinzuholen, müsste eine Gemeinde pro Karte 38.40 CHF verlangen. Und dann gibts auch Tage, wo nicht alle Karten weggehen, irgendwelche Dienstage im November z.B.
Meine Stadt verlangt dafür 48.- CHF und ich wüsste auch keine Gemeinde, wo man die Karten für unter 40.- CHF bekäme. Vielleicht in der Pandemie mal, wo die Gemeinden froh waren, die Karten überhaupt noch loszuwerden. Aber das ist nun vorüber.

Und dann kommt hinzu, dass die Karten stark kontingentiert sind. Meine Stadt mit 80‘000 Einwohnern hat gerade mal 35 dieser Karten und bezugsberechtigt sind auch noch umliegende Gemeinden, weil davon einige kein eigenes Kontingent haben. Vor diesem Hintergrund den Begriff verramschen zu verwenden zeugt schon von extremer Unkenntnis.

Dazu noch eine Zusatzinformation: Die Tageskarte Gemeinde wird nicht mehr lange existieren. Das Angebot wird seitens der öV-Tariforganisation Alliance Swisspass eingestellt. Allerdings arbeitet die Alliance Swisspass an einer Nachfolgelösung für Gemeinden, damit diese der eigenen Bevölkerung auch weiterhin eine günstige Zugangsmöglichkeit zum öV bieten können.

Der Beweis zeigt sich in den höheren gefahrenen PKW-Kilometern in der Schweiz pro Kopf oder auch in dem anderen Schweiz-bezogenen njb-Vlog, wo ziemlich offensichtlich wurde, dass in den meisten schweizerischen Städten das Auto weiterhin großen Vorrang im Straßenraum hat. Nach meinem Eindruck sind viele deutsche Städte da schon viel weiter (und viele dänische und die meisten niederländischen sowieso).

Auch dieser Teil lässt mich vermuten, dass du vermutlich noch nie in der Schweiz warst und dich auch noch nie näher damit befasst hast. Die Städte in der Schweiz haben durchweg den Ruf, sehr autoUNfreundlich zu sein und der Politik in den Städten wird gern nachgesagt, Autos zu hassen.

In der Tat ist es so, dass Trams und Busse in der Regel nie lange vor Ampeln warten müssen, weil ihnen diverse Vorrangschaltungen zur Übersteuerung der Ampelphasen zur Verfügung stehen. Ebenso sind auch für Fussgänger die Wartezeiten üblicherweise kurz und Autofahrer sehen immer nur kurze Grünphasen und grüne Wellen schon gar nicht. Dagegen warte ich in deutschen Städten manchmal ewig, dass es für Fussgänger grün wird. Da scheint mir doch deutlich mehr das Auto Vorrang zu haben als in Schweizer Städten.

Was die Veloinfrastruktur anbelangt, so haben wir in der Schweiz ein topographisches Phänomen namens Berge und Hügel. Das macht Velofahren sehr unattraktiv, wo viele Steigungen existieren. Weil eben auch die gebauten Städte nicht viel Platz übrig haben, sind auch schnell mal viel mehr finanzielle Mittel nötig, um Unter- und Überführungen zu realisieren. Mit denselben Geldmitteln wie anderswo kommt man bei uns somit nur auf ein Bruchteil desselben Ergebnisses. Derzeit haben allerdings sämtliche Städte ihre Budgets fürs Veloinfrastrukturen deutlich erhöht.

Meine Stadt hat einen Velokorridor quer durch die Stadt beschlossen. Nur schon dieser eine Teil am SBB Sittertobelviadukt kostet 5.3 Mio CHF: https://www.stadt.sg.ch/news/stsg_medienmitteilungen/2021/09/sbb-sitterbruecke--verbrei...
Und damit kann man etwa erahnen, wieviel Geld da noch nötig ist zum die ganze Stadt so durchqueren zu können. Die Planungen für weitere Projekte laufen. Für eine Stadt mit 80‘000 Einwohnern ist das schon nicht zu unterschätzen.


Grüsse aus dem IR 13.

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Aktuell im Einsatz auf den Linien IC 1, IC 2, IC 3, IC 21, IR 13, IR 15, IR 27 und IR 70:
Der SBB FV-Dosto.


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