Das Gejammer der Bahnbefürworter ... (Allgemeines Forum)

Der Blaschke, Bissendorf-Wissingen, Dienstag, 19.07.2022, 23:23 (vor 1357 Tagen) @ Frank Augsburg

Hallo.

Gemosere und Kritik an dem 9 Euro Ticket gab es gleich nach dessen Bekanntwerden.

Gibt es in Deutschland immer. Beim kleinsten Pups. Bei der minimalsten Veränderung.

Und in Bahnfreakkreisen sowieso: die sind ja überwiegend sehr konservativ und veränderungsresistent.

Stellt man sich aber die Frage: Warum 9 Euro und warum ausgerechnet im ÖPNV, landet man sofort bei den Tankrabatten. Die gingen und gehen, nach einem kurzzeitigen Nachgeben der Preise an den Tankstellen nach Einführung des Rabatts, beinahe 1:1 auf die Konten der Ölmultis. Ja, sicher, die Mineralöllobby wird nicht müde, Gründe anzuführen, warum die Preise wieder so hoch oder höher sind als vor dem Tankrabatt. Und nein – mit Raffgier hat das alles überhaupt nichts zu tun! Dabei knallen dort die Sektkorken im Minutentakt und keineswegs nur verschämt in den Hinterzimmern. Was völlig nachvollziehbar ist – in den Vorstandsetagen von Esso oder wem auch immer ist das Glück kaum faßbar ob des unerwarteten und zudem üppigen Geschenks!

Da konnte der ÖPNV mit einer gewissen Ehrlichkeit und voraussehbarer fixer Preise punkten.

Was mich zu folgendem Gedankenexperiment bringt. Angenommen, jeder Bürger kann für jeden der Monate Juni, Juli und August ein 9- Euro- Ticket ziehen. Dafür kann der Bürger dann entweder unbe-grenzt den ÖPNV nutzen oder aber sich jeweils für den Monat beim nächstbesten Autohaus einen Wagen mieten. Vielleicht nicht unbedingt die S- Klasse, aber darunter darf es alles sein. Und – das ist der Clou – mit dem 9- Euro- Ticket gäbe es auch an jeder Tankstelle Sprit. Unbegrenzt!
Jedem, der die Zeilen aufmerksam gelesen hat, ist sofort klar, was passiert wäre, hätte die Regierung das 9- Euro- Ticket nicht nur auf den ÖPNV begrenzt, sondern quasi freigegeben. Ebenso klar ist aber auch, was nicht einmal eine Stunde später passiert wäre: Die Öl- und Automultis wären in Brigadestärke nicht nur vor dem Reichstag an-, sondern ohne irgendwelche Rücksichten in denselben ein-gerückt, und nochmal keine weitere Stunde später wäre das freizügige 9- Euro- Ticket vom Tisch gewesen, die Posten der involvierten Minister inklusive. Sprit und Auto – die Heiligtümer des Abendlan-des verramscht und verschleudert für 9 Euro. Wo kämen wir denn da hin? Bleibt noch der ÖPNV, bestehend aus staatlichen und kommunalen Betrieben, mit denen kann man ja so umgehen.

Wie lange hast du darüber nachgedacht, solch atemberaubende Zusammenhänge zu konstruieren, nur damit das Weltbild paßt ... Also, ich bin ja schon sehr deutlich neben der Spur - aber da kann ich nicht mithalten ...

30 Cent je Fahrgast und Tag egal bei welche Reisedauer und -länge (gleichbedeutend mit einem Drittel einer normalen Briefsendung!!!), deutlicher und unverhohlener können politisch Verantwortliche ihre an Verachtung grenzende Geringschätzung gegenüber einer ganzen Branche (...) Im gleichen Atemzug wird an der Mär vom wirtschaftlich nicht vermittelbaren 365 Euro- Ticket (pro Jahr!) für Schüler und Studenten und andere Bedürftige festgehalten

Merke: 30 Cent pro Tag sind ein Riesenskandal! 100 Cent am Tag sind aber angemessen!

Kostet der ÖV Geld, schimpfen alle über die so hohen Fahrpreise! Gibt es dann günstige Preise, ist auch das ein Skandal. Wegen des Personals. Erstaunlich, dass da nicht alle Beschäftigten von Aldi zum teuren Edeka wechseln. Egal.

Wer auch nur ansatzweise zu hoffen wagte, es würde sich etwas ändern zugunsten der Bahn, wurde spätestens jetzt eines Besseren belehrt.

... und ohne 9 €-Ticket ... ???

schon mit Stuttgart 21 dürfte die große Ernüchterung kommen.

JUCHHU!!!!!! 'Stuttgart 21' hat man auch im Beitrag untergebracht! Dann ist ja alles toll!!

Stuttgart 21 wird auf Jahrzehnte ausreichend dimensioniert sein. Und unsere Nachfahren werden uns feiern für unsere Weitsicht. Wie es bei epochalen Bauwerken immer so ist ...

Nicht wenige kommunale Ver-kehrsbetriebe haben bereits ab September spürbare Angebotskürzungen und/ oder Preiserhöhungen angekündigt.

... und ohne 9 €-Ticket ... ???

Fazit des Ganzen: „Mehr Fortschritt wagen“ war gestern, heute ist nur noch Klientelpolitik. Die vorige Regierung hat Ärzte und Pflegepersonale vergrätzt, die zwar beklatscht wurden, aber weiterhin schlecht bezahlt werden. Fast untergegangen bei der ganzen Diskussion ist der Notstand an Hebammen (!), der im politischen Betrieb auch niemanden wirklich interessiert. Und „dank“ der Glanzleistung der neuen Regierung dürften jetzt und in den kommenden Monaten Lokführer, Straßenbahnfahrer und Zugbegleiter scharenweise davon laufen. Sie alle werden neue Jobs finden, vor allem im be-nachbarten Ausland, wo man Fachkräfte nicht nur mit Lippenbekenntnissen schätzt, sondern auch mit entsprechender Bezahlung und mit entsprechenden Rahmenbedingungen.


... und ohne 9 €-Ticket ... ???


So. Und jetzt, nach all dem Gejammer bin ich mal sehr gespannt, was denn so die Alternative gewesen wäre. Und jetzt nicht ein langfristiges hochtheoretisches Megaprogramm für die nächsten 15 Jahre, sondern ganz konkret etwas, was diesen Sommer die Leute ruhig und bei Laune hält. Und was sie halt wenig kostet und sie etwas entlastet.

Und was die Perspektiven anbetrifft: die 2,5 Milliarden, die das gekostet haben soll, ist Kindergarten. Peanuts. Als wenn dir ein Cent aus der Hosentasche fällt. Wie sich der ÖV entwickeln wird, ist angesichts der drohenden sozialen und gesellschaftlichen Umwälzungen, die uns mittelfristig blühen, überhaupt gar nicht absehbar. Geschweige denn, wer das mal bezahlen soll. Und wer da alles arbeiten soll. Die Mitarbeitenden werden auch ohne 9 €-Ticket knapp - wie überall, wo es ohne Studium ginge ... Da gibt es keinen Langzeitplan und auch keine Lösung. Nur umfangreiche Zuwanderung könnte uns retten. Die Wahrscheinlichkeit kann sich jeder selbst ausrechnen. Natürlich wird es zu Angebotskürzungen kommen. Weil Geld fehlt und Mitarbeitende. Nur wäre das ohne ein 9 €-Ticket auch nicht anders.


Schöne Grüße von jörg


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