Ich habe mir erlaubt, das ganze mal selber zu kommentieren.. (Allgemeines Forum)
...in unserem Vereinsjournal (hinter dem Kürzel "fa" stehe ich, natürlich):
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Gescheit, gescheiter… Gescheitert! Ein Kommentar
(fa) Rückblickend spielt es keine Rolle, wann, warum und wie das 9 Euro Ticket zustande gekommen ist. Seit dem 1. Juni gilt es überall im Land im gesamten Öffentlichen Personen- Nahverkehr (ÖPNV). Es gilt in S- Bahnen gleichermaßen wie in Regionalbahnen oder Regionalexpreßzügen. Mehr noch: Es gilt in Trams, U- Bahnen und Bussen. Überall in Deutschland. Es gilt jeweils für einen Monat bzw. den laufenden Monat. Das 9 Euro Ticket ist erhältlich (mittlerweile!) an Fahrkartenschaltern, Fahrkartenautomaten, per Apps und sonstigen Vertriebswegen. Und die Akzeptanz des Angebots ist enorm. Stand heute (14. Juni 2022) wurden 16 Millionen 9 Euro Tickets verkauft. Gleichzeitig ließ sich eine durchschnittliche Mehrauslastung der ÖPNV- Verkehrsmittel um etwa 10% feststellen.
Gemosere und Kritik an dem 9 Euro Ticket gab es gleich nach dessen Bekanntwerden. Hauptein-wand: Die Züge (und Trams, und U- Bahnen, und Busse) würden zu voll. Na ja, wer regelmäßig an den Wochenenden in den Zügen egal welcher EVU unterwegs ist, konnte eine gewisse Fülle der Zü-ge auf den Hauptrouten schon vor dem 1. Juni 2022 feststellen.
Vorhaltungen an das partylaunige junge Publikum sind ebenfalls unangebracht. Denken wir einfach einmal über die letzten beiden Jahre nach, die geprägt waren von Beschränkungen und ausgefalle-nen Veranstaltungen. Keine Abiturientenbälle, keine Abschlußfeiern an Schulen, Reisen, egal zu wel-chem Zweck, nur mit Restriktionen wie Maske und Test. Keine Kerwas, keine Feste, Geburtstage nur im kleinen Kreise, desgleichen Konfirmationen, Taufen und – leider wahr – auch Begräbnisse.
Ergo: Seit Mitte April sind die Beschränkungen nach und nach gefallen und die Menschen machen Gebrauch von der neuen und wiedergewonnenen Freiheit. Sei es uns allen gegönnt.
Wer sich darüber aufregt, daß ganze Menschenpulks von den Alpen nach Sylt auf das 9- Euro- Ticket fahren (und umgekehrt), regt sich über das Falsche auf. Menschen aller Altersklassen testen einfach aus, was möglich ist mit dem Ticket und machen das dann auch, sei die Reise im einzelnen noch so mühselig. Warum denn auch nicht? 12 Stunden in den Regionalzügen unterwegs von Berlin bis an den Bodensee – wer es mag…
Wenngleich das neue Angebot für Tages- und Wochenendpendler gedacht war, wer will die Bedürf-tigkeit schon feststellen und außerdem kontrollieren. Nein, es war absehbar, daß es einen Ansturm auf das 9- Euro Ticket geben würde.
Stellt man sich aber die Frage: Warum 9 Euro und warum ausgerechnet im ÖPNV, landet man sofort bei den Tankrabatten. Die gingen und gehen, nach einem kurzzeitigen Nachgeben der Preise an den Tankstellen nach Einführung des Rabatts, beinahe 1:1 auf die Konten der Ölmultis. Ja, sicher, die Mineralöllobby wird nicht müde, Gründe anzuführen, warum die Preise wieder so hoch oder höher sind als vor dem Tankrabatt. Und nein – mit Raffgier hat das alles überhaupt nichts zu tun! Dabei knallen dort die Sektkorken im Minutentakt und keineswegs nur verschämt in den Hinterzimmern. Was völlig nachvollziehbar ist – in den Vorstandsetagen von Esso oder wem auch immer ist das Glück kaum faßbar ob des unerwarteten und zudem üppigen Geschenks!
Was mich zu folgendem Gedankenexperiment bringt. Angenommen, jeder Bürger kann für jeden der Monate Juni, Juli und August ein 9- Euro- Ticket ziehen. Dafür kann der Bürger dann entweder unbe-grenzt den ÖPNV nutzen oder aber sich jeweils für den Monat beim nächstbesten Autohaus einen Wagen mieten. Vielleicht nicht unbedingt die S- Klasse, aber darunter darf es alles sein. Und – das ist der Clou – mit dem 9- Euro- Ticket gäbe es auch an jeder Tankstelle Sprit. Unbegrenzt!
Jedem, der die Zeilen aufmerksam gelesen hat, ist sofort klar, was passiert wäre, hätte die Regierung das 9- Euro- Ticket nicht nur auf den ÖPNV begrenzt, sondern quasi freigegeben. Ebenso klar ist aber auch, was nicht einmal eine Stunde später passiert wäre: Die Öl- und Automultis wären in Brigadestärke nicht nur vor dem Reichstag an-, sondern ohne irgendwelche Rücksichten in denselben ein-gerückt, und nochmal keine weitere Stunde später wäre das freizügige 9- Euro- Ticket vom Tisch gewesen, die Posten der involvierten Minister inklusive. Sprit und Auto – die Heiligtümer des Abendlan-des verramscht und verschleudert für 9 Euro. Wo kämen wir denn da hin? Bleibt noch der ÖPNV, bestehend aus staatlichen und kommunalen Betrieben, mit denen kann man ja so umgehen.
Weswegen das 9- Euro- Ticket am Ende in ein Desaster mündet, wird hier mehr als deutlich.
Auch eingedenk aller Unzulänglichkeiten, die es zweifelsohne gibt, ist der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) in Deutschland sehr gut organisiert und kann alles in allem mit einem guten Angebot aufwarten. Wir hier in Ansbach sehen das quasi vor der eigenen Haustür. Dreimal je Stunde eine Verbindung nach Nürnberg – das schlecht reden zu wollen bedarf es wirklich außerordentlicher „argumentativer“ Verrenkungen. Mit Fug und Recht kann man den ÖPNV in Deutschland als Qualitäts-produkt bezeichnen. Und ausgerechnet dieses Qualitätsprodukt wird auf dem Wühltisch politischen Desinteresses zu einem Preis verramscht, der jedem Mitarbeiter im ÖPNV die Zornesröte ins Gesicht treibt. Das Signal ist ebenso unübersehbar wie fatal: Ihr (die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im ÖPNV) seid uns (der „Politik“) sowas von wurscht, wie es wurschtiger kaum noch geht. 30 Cent je Fahrgast und Tag egal bei welche Reisedauer und -länge (gleichbedeutend mit einem Drittel einer normalen Briefsendung!!!), deutlicher und unverhohlener können politisch Verantwortliche ihre an Verachtung grenzende Geringschätzung gegenüber einer ganzen Branche, die zudem wie keine andere für ein Umdenken angesichts des Klimawandels steht, kaum noch zum Ausdruck bringen. Im gleichen Atemzug wird an der Mär vom wirtschaftlich nicht vermittelbaren 365 Euro- Ticket (pro Jahr!) für Schüler und Studenten und andere Bedürftige festgehalten, was man angesichts des Verramschens einer ganzen Branche beinahe schon wieder verstehen kann.
Und weil das noch nicht reicht, dürfen bei jeder Gelegenheit die Honoratioren dieser Regierung genau dieselbe Sülze zum Besten geben wie vordem schon die der vergangenen. Mit heuchlerischer Empörung werden Zustände auf den Schienen beklagt, die größtenteils durch dasselbe handelnde Personal bzw. deren Amtsvorgänger erst geschaffen wurden. Verantwortlich ist dafür – natürlich – niemand. Im Gegenteil: Aller Bekundungen zur Notwendigkeit anstehender Änderungen zum Trotz darf der ganze Schlendrian – Zerstörung von Infrastruktur und Fahrzeugbeständen – ohne Konsequenzen weiterbetrieben werden. Wer auch nur ansatzweise zu hoffen wagte, es würde sich etwas ändern zugunsten der Bahn, wurde spätestens jetzt eines Besseren belehrt. Nein, es wird sich nichts ändern. Der Umstand beschert freilich keinem der politischen Protagonisten in Berlin, München oder anders-wo schlaflose Nächte, ebenso wenig wie die Tatsache, daß bei 10% mehr Fahrgästen DB Regio & Co. ganz dicht am Kollaps operieren. Das sagt zwar viel über den Zustand der Bahn in Deutschland wie auch über die geistige Verfassung des verantwortlichen politischen Personals angesichts der Frage, womit denn die restlichen 90% mehr Fahrgäste bis 2030 unterzubringen wären. Vielleicht wird noch immer von 20% mehr Zügen allein dank des neuen Zugsicherungssystems ETCS (European Train Control System) geträumt so wie weiland von einem gewissen Herrn Pofalla, der eben (viel zu spät!) die Bahn verlassen hat. Die Träume werden nicht wahr werden, im Gegenteil, schon mit Stuttgart 21 dürfte die große Ernüchterung kommen.
Wer auch immer die 2,5 Milliarden Euro an Kompensationszahlungen aus dem Hut gezaubert hat, muß sich angesichts massivster Warnungen vor allem aus den kommunalen Verkehrsbetrieben angesichts derer Nöte infolge zweier Pandemiejahre die Ohren schon gehörig und mit voller Absicht zustopft haben, anders ist all die politische Ignoranz nicht zu erklären. Nicht wenige kommunale Ver-kehrsbetriebe haben bereits ab September spürbare Angebotskürzungen und/ oder Preiserhöhungen angekündigt. Man kann eben nur jemanden schröpfen, solange noch etwas zu holen ist.
Fazit des Ganzen: „Mehr Fortschritt wagen“ war gestern, heute ist nur noch Klientelpolitik. Die vorige Regierung hat Ärzte und Pflegepersonale vergrätzt, die zwar beklatscht wurden, aber weiterhin schlecht bezahlt werden. Fast untergegangen bei der ganzen Diskussion ist der Notstand an Hebammen (!), der im politischen Betrieb auch niemanden wirklich interessiert. Und „dank“ der Glanzleistung der neuen Regierung dürften jetzt und in den kommenden Monaten Lokführer, Straßenbahnfahrer und Zugbegleiter scharenweise davon laufen. Sie alle werden neue Jobs finden, vor allem im be-nachbarten Ausland, wo man Fachkräfte nicht nur mit Lippenbekenntnissen schätzt, sondern auch mit entsprechender Bezahlung und mit entsprechenden Rahmenbedingungen.
Bleibt festzuhalten: Diejenigen, die den ganzen Tag fremdes Geld umschaufeln, die Blechkästen ge-gen die Klimawende bauen und die den Sprit dafür bereitstellen – die müssen sich hier in Deutschland keine Sorgen machen, die werden gehätschelt und getätschelt und kriegen Geld, wovon andere nur träumen. Wer sich dagegen um Kinder kümmert oder um Kranke, wer Hilfsbedürftigen hilft oder Nachwuchs ausbildet, dem wird nicht nur gesagt, sondern per Bezahlung und Gesetz klargemacht, daß er nichts wert ist. Ob Groko oder Ampel – eine gewisse Kontinuität ist festzustellen.
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"Die Ferne ist ein schöner Ort,
doch wenn ich da bin, ist sie fort.
Die Ferne ist wo ich nicht bin,
ich geh und geh und komm nicht hin."
(Silly, mit der leider viel zu früh verstorbenen Tamara Danz)
gesamter Thread:
- Bahn und Politik vertreiben Fahrgäste -
ktmb,
19.07.2022, 10:05
- Bahnchef Lutz im ZDF: "Wir werden besser!" -
phil,
19.07.2022, 10:22
- Wir leben im besten Deutschland....
-
GUM,
19.07.2022, 10:31
- Kein Zufall - es gibt nur eins ;)
-
Reservierungszettel,
19.07.2022, 12:12
- Kein Zufall - es gibt nur eins ;)
- Wir leben im besten Deutschland....
- Bahn und Politik vertreiben Fahrgäste -
GUM,
19.07.2022, 10:30
- Bahn und Politik vertreiben Fahrgäste -
gnampf,
19.07.2022, 10:59
- Danke für Deine Frage zur Rückerstattbarkeit -
GUM,
19.07.2022, 11:20
- Danke für Deine Frage zur Rückerstattbarkeit - gnampf, 19.07.2022, 11:48
- Sauerstoffgehalt -
bendo,
20.07.2022, 14:58
- Sauerstoffgehalt - gnampf, 20.07.2022, 17:07
- Sauerstoffgehalt - GUM, 20.07.2022, 17:23
- Danke für Deine Frage zur Rückerstattbarkeit -
GUM,
19.07.2022, 11:20
- Bahn und Politik vertreiben Fahrgäste -
gnampf,
19.07.2022, 10:59
- Bahn und Politik verschulden einander, Fahrgast Opfer. - Oscar (NL), 19.07.2022, 11:06
- Der Irrsinn hat Methode. -
Der Blaschke,
19.07.2022, 13:34
- Der Irrsinn hat Methode. - Aphex Twin, 19.07.2022, 14:10
- 15 Jahre? -
ktmb,
19.07.2022, 14:27
- Verspätung haben sie schon ... -
Der Blaschke,
19.07.2022, 19:59
- Das ist ja "ecelhaft" -
ktmb,
19.07.2022, 20:03
- Auf alle Fälle nicht Produktgruppe IC/EC...
-
GUM,
22.07.2022, 18:27
- Auf alle Fälle nicht Produktgruppe IC/EC...
- Das ist ja "ecelhaft" -
ktmb,
19.07.2022, 20:03
- Verspätung haben sie schon ... -
Der Blaschke,
19.07.2022, 19:59
- Der Irrsinn hat Methode. - EDO, 19.07.2022, 14:35
- Der Irrsinn hat Methode (Sammelantwort). - Oscar (NL), 19.07.2022, 16:56
- Der Irrsinn hat Methode. -
caboruivo,
19.07.2022, 17:00
- Bahnreform 22 - Der Blaschke, 19.07.2022, 19:54
- Ich habe mir erlaubt, das ganze mal selber zu kommentieren.. -
Frank Augsburg,
19.07.2022, 22:23
- Das Gejammer der Bahnbefürworter ... -
Der Blaschke,
19.07.2022, 23:23
- +1
-
agw,
20.07.2022, 07:15
- Das Gejammer der Bahnbefürworter ... - Frank Augsburg, 21.07.2022, 22:09
- +1
- Danke für die Meinungsstärke bei Deinem Kommentar! - GUM, 20.07.2022, 12:03
- Nein. Der deutsche ÖPNV ist schlecht bis mittelmäßig. - sfn17, 20.07.2022, 14:10
- Gut und schlecht sund relative Begriffe. -
Oscar (NL),
20.07.2022, 17:45
- Tageskarte Gemeinde Schweiz -
ICE1021,
20.07.2022, 19:42
- Tageskarte Gemeinde Schweiz - wachtberghöhle, 21.07.2022, 22:23
- so schlecht ist der ÖV i.d. Schweiz halt relativ betrachtet -
Benjamin.Keller,
22.07.2022, 09:04
- so schlecht ist der ÖV i.d. Schweiz halt relativ betrachtet - Aphex Twin, 22.07.2022, 09:50
- so schlecht ist der ÖV i.d. Schweiz halt relativ betrachtet - Oscar (NL), 22.07.2022, 11:00
- so schlecht ist der ÖV i.d. Schweiz halt relativ betrachtet -
Chrispy,
22.07.2022, 11:44
- DE bei Fahrradinfra besser als CH -
Alphorn (CH),
22.07.2022, 12:03
- DE bei Fahrradinfra besser als CH - Chrispy, 22.07.2022, 12:37
- CH/DE/NL: Netzwerkvergleich. -
Oscar (NL),
22.07.2022, 15:37
- CH/DE/NL: Netzwerkvergleich. - Chrispy, 22.07.2022, 16:36
- DE bei Fahrradinfra besser als CH -
Alphorn (CH),
22.07.2022, 12:03
- so schlecht ist der ÖV i.d. Schweiz halt relativ betrachtet - TheoretICEr, 22.07.2022, 12:50
- so schlecht ist der ÖV i.d. Schweiz halt relativ betrachtet -
Twindexx,
22.07.2022, 15:39
- so schlecht ist der ÖV i.d. Schweiz halt relativ betrachtet - Aphex Twin, 23.07.2022, 14:00
- Tageskarte Gemeinde Schweiz -
ICE1021,
20.07.2022, 19:42
- Das Gejammer der Bahnbefürworter ... -
Der Blaschke,
19.07.2022, 23:23
- Bahnchef Lutz im ZDF: "Wir werden besser!" -
phil,
19.07.2022, 10:22