Warum Netz und Betrieb in EINE HAND gehören (Allgemeines Forum)

EDO, Dienstag, 27.04.2021, 21:52 (vor 8 Tagen) @ ktmb

Vielen Dank für eure interessanten Meinungen. Ich denke, wir sind uns alle einig, dass im Fernverkehr mehr Qualität, vor allem Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit, gefragt sind und dazu günstige Preise gewünscht werden. Ob das mit Wettbewerb zu erreichen ist?

„Wettbewerb“ ist ja nicht, wenn ein Anbieter diskriminierungsfrei seine Fahrten zu den gewünschten Zeiten und Orten anbieten kann. Und Kundenzufriedenheit lässt sich nicht allein mit Wettbewerb erreichen. Ein Beispiel: Netz, Station und Fernverkehr sind getrennte Bereiche. Für den Reisenden wäre es wichtig, dass diese Bereiche Hand in Hand arbeiten, im Sinne des Kunden. Doch das sind weiche Faktoren, die sich in keiner Bilanz abbilden lassen – dafür aber Fakten. Ein Zug, der den Bahnsteig rechtzeitig frei macht, ist im Sinne von Station und Service. Ein Zug, der pünktlich losfährt, ist auch im Sinne des Netzes. Aber wenn der Zubringerzug Verspätung hat, ist all dies nicht im Sinne des Reisenden. Dem wäre es wichtig, dass das gegenüberliegende Gleis, auf dem eigentlich sein Anschlusszug stehen sollte, noch mit diesem besetzt ist.

Zum Thema Wettbewerb. Ein Beispiel aus dem Fußball. Hier hat das Kartellamt vor einigen Jahren verfügt, dass nicht ein Pay-TV-Sender alle Bundesliga-Spiele exklusiv zeigen darf. Stattdessen wurden Pakete geschnürt, die nicht alle von einem Bieter erworben werden durften. Zur Folge hatte dies, dass der TV-Fußballfan seitdem nicht ein Bezahl-Abo abschließen muss, sondern mehrere. Hier kommt ihm „Wettbewerb“ unterm Strich teurer. Profitiert von diesem Wettbewerb haben nur Liga und Klubs durch gestiegene Honorare. Nicht aber der Kunde.

Was würde dann aus einer Bahncard 100? Diesem Kundenkreis würde die Flexibilität entzogen, wenn gewisse Linien vom Anbieter A und die anderen vom Anbieter B betrieben würden. Und letztlich würde das System Eisenbahn Kunden verlieren, wenn die Bahncard 100 vielerorts ihre Gültigkeit verlöre. Selbst eine staatlich verordnete Netzkarte würde nur zu Problemen führen. Welcher Anbieter erhält wieviel Geld und von wem?

Wettbewerb im Fernverkehr würde man nicht erreichen, wenn der eine Anbieter die Linien A, B und C betreiben soll und an den anderen D, E und F fallen. Jeder macht sein Ding. Konkurrenz: nein? Anders wäre es, wenn der Reisende, der nachmittags gegen Fünf von Düsseldorf nach Würzburg möchte, eine echte Auswahl hätte zwischen dem ICE der Linie 41 der DB AG um 16:51 Uhr und dem Superschnellzug von X-Train 5 Minuten vorher oder nachher. Nun möchte aber auch jemand von Köln nach Karlsruhe diesen Wettbewerb genießen und wünscht sich die Auswahl zwischen dem ICE der Linie 43 um 16:54 Uhr und dem Superschnellzug von X-Train 5 Minuten vorher oder nachher.

Somit habe ich aber 4 statt 2 Züge auf der Strecke, auf der ja auch noch andere Züge vorhanden sollen, beispielsweise von nach Amsterdam oder die Pendlerzüge Köln-Siegburg-Montabar-Limburg-Frankfurt. Nun mag die KRM diese Kapazitäten vielleicht noch haben, aber am Knoten Frankfurt oder Mannheim würde dieses ganze Projekt scheitern.

Von daher wäre es eigentlich wichtig und richtig, Netz Betrieb und Bahnhöfe wieder in EINE Hand zu legen, in eine Gesellschaft, die nicht mehr primär eigenwirtschaftlich denkt, sondern die bewusst gesellschaftliche Aufgaben übernimmt für das Gemeinwohl, und in deren Aufsichtsrat und Geschäftsführung Menschen sitzen, die genau dies im Auge behalten.


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