Meine 424 Abschiedsfahrten rund um Hannover (Reiseberichte)

Alibizugpaar, Köln (im Herzen immer noch Göttinger), Mittwoch, 24.11.2021, 23:49 (vor 8 Tagen)
bearbeitet von Alibizugpaar, Mittwoch, 24.11.2021, 23:53

Liebe Leute,

in der vergangenen Woche habe ich meine Abschiedsfahrten von den Hannoveraner S-Bahnwagen 424 gemacht. An vier Werktagen bin ich alle Strecken abgefahren und habe verschiedene Stationen extra besucht. Um 17 Uhr war es draußen schon dunkle Nacht, da habe ich ein paar vorweihnachtliche Lichterfahrten mit Straßenbahn und Stadtbus gemacht. Die U-Bahn ist auch sehr gut, sowas kennt man als Kölner nicht. Zu Hannover habe ich eine besondere Beziehung, bin früher auf Tf-Schichtbegleitung in alle denkbaren Himmelsrichtungen mitgefahren: Mit der 110 nach Göttingen, Uelzen, Bremen oder Wolfsburg, mit 141/143 nach Braunschweig oder Celle, mit der 111 und Doppelstöckern bis Hamburg oder Bielefeld, auf der 218 in die Heide und in den Harz oder auf Überführungsfahrten ins Werk Braunschweig. Besonders süß war mal eine sich redlich mühende 141 von fünf schweren Doppelstöckern nach Rheine, wo sie trotz regennasser Schienen pünktlich ankam. Manche Tf beherrschen ihr Handwerk eben! Ja und dann war da auch die große Aufregung rund um die EXPO-Sonderverkehre. Hannover war aufregend.

Los ging es nun also in Köln, wo zur Begrüßung außen am Zug weder Fahrtziel noch Wagennummern angezeigt wurden, Reservierungen schon gar nicht. Und Sekunden nach dem Einstieg stand man schon vor dem nächsten Feature aus der Rubrik 'Da wunderste dir Bauklötze':

Das faszinierende DB-Dauerthema Wandplatz. Verkauft und kassiert wurden zwei Fensterplätze. Wer das bei der Bahn erfunden hat, ewig duldet und bei neuen Zugtypen genau so wiederholt, dem wünsche ich ein Leben lang in jedem Urlaub direkt vor dem Schiffskabinenfenster ein Rettungsboot vor der Nase hängen und vor dem Hotelbalkon ein hohes Baugerüst als Sichtschutz vor dem fiesen Meerblick. Die hier im ICE feilgebotenen Zeitungen hatten jedenfalls einen weit besseren Blick aus dem Fenster als der zahlende Fahrgast. Wenn die DB Prioritäten setzt.

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In Hannover angekommen und nach einer großen zweitägigen Geburtstagsfeier begannen meine Schichten von rund 6 bis 8 gemütlichen Stunden täglich, einfach nur dahin segeln. Ich habe mir möglichst original 424er ausgesucht und die inzwischen wilde Mischung aus 425-Fremdlingen gemieden. Ging nicht immer, aber ich wollte sowas wie ein Feeling aus dem Jahre 2000 haben. Damals, als nach der EXPO hier auch noch Stuttgarter 423 mitschwammen.

Ich habe im weiteren Verlauf übrigens ganz bewusst nur rote Schluss- und Abschieds'augen'lichter aufgenommen – dem traurigen Anlass wegen.

Es zog mich zuerst zum Flughafen, hier ein S5 Pärchen von seitwärts schräg oben. Man sieht sehr schön den Unterschied mit und ohne Haltegriffe für den Tf-Aufstieg unten aus dem tiefen Schotterbett heraus rauf in den Führerstand. Beim alten originalen 424 musste man dazu um den geöffneten Türrahmen ums Eck nach innen zu den Griffen fassen. Womit man sich nur sehr unbeholfen nach oben ziehen konnte und was ich stets als nicht ungefährlich empfand. Wenn Züge nur auf dem Bildschirm konstruiert werden...

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Der Flughafen war nahezu menschenleer, in den Terminals vielleicht 30 Personen und bis auf einen Supermarkt und Mäckes alle Läden zu, verwaiste Cafés und geschlossene Flugreiseagenturen. Der Hauptbahnhof war hingegen jeden Tag zu allen Uhrzeiten bis in die untere Passage sehr gut besucht. Es ging dann mit der S5 in zwei Stunden zehn einmal ganz runter bis Paderbornsky. Die wo derzeit ganz mit ohne Bahnhofsgebäude sind. ;D Nebenan der IC ins ferne Gotha.

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Sah gut aus mit ohne Bahnhof, kann so bleiben.

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Stunden später die S2 in Nienburg.

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Es gibt den Alfred Hitchcock-Film 'Die Vögel'. Ob es neben amtlich festgestellten überlasteten Strecken wohl auch amtlich festgestellte überlastete Quertragewerke gibt? Als ich dachte mehr Raben kann es auf dieser Welt nicht geben kamen von hinten schon der nächste und übernächsten Schwarm angekräht.

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Der 424 hat seinen Fahrgästen nie einen wirklichen Komfort geboten und das bei bestimmten Geschwindigkeiten auf den Tinitus steigende Jaulen machte es nicht besser. Ich meine diesen gewissen Moment wo man sich wünscht der Tf möge bitte auf Leerlauf schalten. Aber ganz generell mag ich die Soundmelodie wie auch das gemütlich gefällige Gesicht. War mir von Beginn an sympathisch, mehr noch als der gute alte 420.

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Weiteres aus der Abteilung 'Da wunderste dir Bauklötze': Vergleicht bitte die Übergangslücken bei S-Bahn und Straßenbahn. Warum bekommt die große Vollbahn nicht hin, was bei Straßenbahnen in diversen Städten hervorragend klappt? Ich denke Rollifahrer waren nicht immer glücklich über diese Lücken.

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Die S1 in Minden.

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Leider gab es an mehreren Halten die gleiche bekloppte Zerstörung an Anzeigern zu sehen.

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'Da wunderste dir Bauklötze' zum Dritten: Der DB Geschäftsbereich 'Instandhaltung Feinkunsthandwerk' hat den defekten Scheibenwischer mit einem Kabelbinder an der Wischwasser-Spritzdüse fixiert. Kann man so machen, denn welcher Tf rechnet im Spätherbst schon mit starkem Regen. Schaut man notfalls eben während der Fahrt wie ein Dampflokführer aus dem Seitenfenster. Bleibt die Frage, zu welchen Kostensatz die Werkstatt diese Reparatur wohl abgerechnet hat?

Die Wischer-S1 abfahrbereit in Haste. Ohne Regen.

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Hier serviere ich Euch als Zwischendurchhappen ein Minivideo zu einer 424-Ausfahrt aus dem blauen Nordstadtbahnhof mit einem scheuen Blick hinüber auf den Abstellbahnhof Bw Hainholz. Über dieses Gelände bin ich zu jeder Jahres- und Tageszeiten gestapft, als hier neben den einst nagelneuen S-Bahnen auch noch 110, 141, 143 und 218 mit ihren Wendezügen parkten und eine Teckel emsig am schieben, drücken und zerren war. Heute alles leer, verwaist, verrostet, zugewachsen. Auch wenn an diesem Tag hier auffällig viele S-Bahnwagen standen. Die Gebäude scheinen inzwischen weitgehend ungenutzt. Zur anderen Gleisseite hin standen zur EXPO viele EXE, EX und Sonder-D abgestellt, heute parken dort einzelne Fernzüge.

https://www.youtube.com/watch?v=39DwrBAF8bY

Eine S4 räumt zur Wende ins 'Paulaner'-Gleis ab. Sonntags auf der S2 stand man hier schon mal eine gute geschlagene Stunde und döste elend lang vor sich hin. Zur anderen Bahnhofsseite räumt man in die 'Herschelstraße' ab. Die gesamte Anlage des Hauptbahnhofes mit seinen Bahnsteigen wird im internen Sprechfunk zur Ortsbestimmung als 'Halle' bezeichnet. "Vom Pferdeturm in die Halle nach vier" oder "aus der Halle 12 runter nach Hainholz". Es gab einst eine große stattliche Bahnhofshalle quer über die Gleise. Hier im Paulaner wendeten zwischen den 424 einst auch 624 von und nach Soltau.

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Die S4 in Bennemühlen, sie wechselt später in Hannover auf die S21 als HVZ-Sprinterzug nach Barsinghausen. Bedauerlich, daß es über all die vielen Jahre nördlich Bennemühlen für die S4 nie weiter ging bis Schwarmstedt. Nach einer Nachtsternschicht stand man sonntags hier in der gottverlassenen Einsamkeit an die zwei Stunden, eh es in den Tagesverkehr überging.

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Blick auf die Innereien, durchaus noch sauber und gepflegt. Außen sahen viele Wagen aber aus wie Sau, sind teilweise großflächig mit übler Graffiti beschmiert.

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Auf dem Weg zum Hotel begrüßte mich immer ein putziger Üstra-Kurzzug der Linie 17.

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S7 nach und in Celle (für mich heute immer noch die klassische S3).

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Hier in Celle braucht die S-Bahn offensichtlich einen Doppelhinweis auf das definitive Fahrtende.

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Eine S4 aus Hildesheim machte in Hannover schlapp und ließ sich nicht zur Weiterfahrt animieren. Nach 20 Minuten standen vier Bahner am Führerstand, nach 30 Minuten sechs oder sieben. Irgendwann schleppte der vordere 424 dann seinen dunklen, abgerüsteten, stummen Partner 425 aus Gleis 2 in die Abstellung.

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Joa, und dann war der Moment gekommen: Des wor er, mei ewig letschter 424 kurz nach Mitternacht. Ich mag es gar nicht, wenn die Jahre im Rückblick regelrecht verflogen sind. Kann gar nicht sein, da stimmt doch was nicht. Und der Scheibenwischer steht hier auch irgendwie komisch.

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Ciao, ciao, ciao meine kleinen Roten...


Von Hannover setzte ich in meine alte Heimat Göttingen über. Der Metronom knarzte wieder einmal(!) die ganze Fahrt über sehr laut johlend, was durch den ganzen Wagen nervte. Da läuft das Material irgendwo im Bereich der Kupplungen / Puffer / Drehgestelle derbe trocken. Aber das erlebe ich bei dieser Firma wahrlich nicht zum ersten Mal. Metronom wie auch DB Doppelstöcker vom Expresskreuz Niedersachsen/Bremen begegneten mir in Ganzzugmanier äußerlich verkommen dreckig, die DB-Wagen vielfach regelrecht abgeschranzt und verbraucht. Erst dachte ich unterm dunklen wolkenverhangenen Himmel es gäbe ein neues Designmuster mit abgesetzten Rotflächen. Nee, das ist einfach nur optisch verschlissenes Material. Ein Armutsanblick zum fremdschämen.

Hier auch ein anderes werbewirksames Beispiel, dabei sieht dieser Wagen noch vergleichsweise propper aus.

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Wie schaffen es die kleinen Stadtwerke Göttingen nur, daß ihre Busse immer einen top gepflegt Auftritt haben?

Vom IC-Hotel (heute GHOTEL) gab es einen prima Bahnhofs- und Stadtpanoramablick. Neugierig wie ein kleiner Hund musste ich nachts natürlich diverse schnelle NBS-Cargos wie auch Schlafwagen-Nachtzüge beobachten.

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Ich unternahm meine Kurzstichstrecken-Premierenfahrten von Göttingen nach Einbeck bzw nach Eschwege Stadtbahnhof.

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Mein Kartenwerk. Die ICE-Fahrt über Frankfurt zurück nach Bonn kostete übrigens nur lächerliche 17,90 EUR. Irgendwie auch nicht mehr ganz normal, diese Discounterpreise.

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Zuallerletzt meine ganz private kleine 424-Flotte, allesamt mit feinen Maxonantrieben ausgestattet. Die Wägelchen werden noch lange Zeit fahren, wenn in Hannover längst alles auf dieses neumodische Transdev 427-Zeugs umgestellt ist. Von denen standen einige Fahrzeuge verstreut rum. Möchte ich mich aber nicht weiter zu äußern. Mit dem anstehenden Abgang der 424 wird das S-Netz Hannover für mich zu einem x-beliebigen Nahverkehrssystem, wir werden uns gegenseitig einfach in Ruhe lassen.

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Damit einen schönen Gruß ins Forum.

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Gruß, Olaf

"Die Reise gleicht einem Spiel; es ist immer Gewinn und Verlust dabei und meist von der unerwarteten Seite."
Goethe an Schiller 1797


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