Kommt die Bahn für Urlaub noch in Frage? (Allgemeines Forum)

Oscar (NL), Eindhoven (NL), Dienstag, 06.04.2021, 14:15 (vor 7 Tagen) @ amtrak
bearbeitet von Oscar (NL), Dienstag, 06.04.2021, 14:16

Hallo amtrak,

Diese Menschen möchten über die angenehmste und entspannendste Art an ihr Ziel reisen. Selbstverständlich habe ich sie anfänglich geraten Zug zu fahren:

Sei klug, fahr' Zug.
Nerven sparen, Bahn fahren.
Waar zouden we zijn, zonder de trein? (NL für: "Wo wären wir ohne Bahn?")

im Gegensatz zum Auto (und insbesondere) das Flugzeug:
1. Man sieht mehr von der Landschaft aus dem Zugfenster
2. Man reist entspannt. Urlaub, sobald man im Zug sitzt.
3. Man kann während der Fahrt im Speisewagen essen.
4. Die Fahrpreise sind klar und übersichtlich.

Die letzte Jahrzehnte hat sich aber vieles geändert.
Was 1. betrifft, so landet man bei einer nicht zu unterschätzen Wahrscheinlichkeit auf ein Wandfensterplatz oder schaut nicht selten auf Schallschutzwände.

Wandplätze kann man ggf. umgehen. Dafür sind allerdings Bahnkenntnisse nötig.
Interessant wären "Schwarzlisten" von Sitzplätzen die man keineswegs reservieren sollte, wenn man Aussicht erfahren möchte.
Der Fluggast wird vermutlich eher sagen, dass er die Landschaft von oben betrachten kann. Das ist weder im Auto, noch mit der Bahn, noch im Schiff möglich.
Der Autofahrer wird vermutlich sagen: "Wenn ich landschaftlich fahren möchte, mache ich das. Ich komme sogar an Orte, wo die Bahn nicht kommt".

2. Direkte Züge von die Niederlande nach Österreich, in die Schweiz, nach Italien und zu attraktiven Urlaubszielen in Deutschland gibt es nicht mehr. Man muss also umsteigen (oft mehrmals). Unerfahrene Zugreisende hassen dies, was insbesondere aufgrund häufiger Verspätungen kein entspanntes Urlaubsgefühl mehr vermittelt.

Die böse, böse Bahn mit ihren Umstiegen. Aber Umstiege Auto-Flugzeug v.v. oder Flugzeug-Flugzeug sind offenbar OK?
Das entscheidende Argument ist eher, dass das Auto bereits vor der Tür steht und jederzeit verfügbar ist, während man für Bus & Bahn zuerst zum Startort kommen muss und danach auch noch einen Fahrplan berücksichtigen muss. Ist es zu weit für eine Autofahrt, dann nimmt man den Flieger und nimmt man sowohl den Flugplan als die Umstiege Auto-Flieger und Flieger-Nachtransport in Kauf.

In CH hat der Umsteiger bei der Fahrplangestaltung Prio 1. Dadurch sind dort Fahrzeiten von A nach B fast immer dieselbe, egal ob man 0, 1, 2 oder 3x umsteigen muss.
Bei uns in NL versucht man logische Reiseketten zu bilden und die Umstiege darauf abzustimmen. Sozusagen: wenn der "IC" in einem Bahnhof hält, dann steht auf dem Gleis gegenüber der am meisten logischen Anschlusszug. In Zwolle korrespondieren die "IC"s Amsterdam-Groningen (Leeuwarden) mit Den Haag-Leeuwarden (Groningen) und andersrum. In Den Bosch sieht man im "IC" Zwolle-Roosendaal auf dem Gleis gegenüber den "IC" nach Eindhoven.

3. Es gibt Restaurants in immer weniger Zügen.

a. Reisezeiten werden immer kürzer, also gibt es weniger Bedarf. Jean-Pierre nutzt morgens um halb neun sein Frühstück in Gare de Lyon, reist 9:00-12:00 TGV und hat Mittagessen in Marseille, 750 km weiter südlich. Die TGVs haben auch nur ein Bistro.
b. in Italien fährt zwar ein komplettes Bordrestaurant mit, aber je nach Zeitlage und Laufweg wird nur ein Bistroservice angeboten ("treno a servizio bistrot" vs. "treno a servizio ristorante").

4. Es wird immer schwerer die Fahrpreise von den Niederlanden zu Urlaubszielen in Österreich, Italien oder der Schweiz zu finden. “Stückeln” kann man solche Reisende nicht zutrauen.

Das erfahre ich auch als Nachteil von nsinternational.nl, deswegen buche ich meine Reisen über bahn.de oder die zugehörige App.
Mea culpa: mit diesem Verfahren bin ich selbstverständlich mitschuldig an die fehlenden internationalen Verbindungen. Denn das Geld landet jetzt in der DB-Kasse und nicht in der der NS. Und NS kann keine internationalen Verbindungen anbieten mit Geld das sie nicht haben.

Einige Beispiele: (erst ein positives) Vor anderthalb Jahr wollten einige meiner Bekannten von NL nach Basel fliegen. Mit fliegen sind sie wie eine immer grössere anzahl Menschen mehr vertraut als mit zugfahren. Ich überredete sie schließlich mit Eurocity (Schweizer Wagen) direkt von Duisburg nach Basel zu fahren. Ich brachte sie mit dem Auto aus der Gegend von Eindhoven nach Duisburg. Infolgedessen hatten sie keine Sorgen über zweimalig umsteigen (Venlo und Düsseldorf) oder Verzögerungen. Sie genossen die Reise durch das Mittelrheintal (zwei Fensterplätze vis-a-vis Rheinseitig). Ihr Kommentar: “Viel schöner und weniger Stress als fliegen!”.

Eindhoven hat dann auch keine direkte internationale Anbindung. Gut, das soll ab 2025 besser werden. Schneller wird es nicht, aber dafür soll der Umstieg in Venlo entfallen. Der Umstieg in Düsseldorf finde ich noch OK. Ankunft des NRW-RE13 um '08 und Abfahrt der ICEs Richtung Süden zwischen '21 und '27. Auch der Bahnsteiggleiche Umstieg noch Köln in MG klappt meistens gut. Ankunft in Köln um '35, Abfahrt der Rheintal-ICs um '54.

Eindhoven liegt dann auch in der Mitte des Dreiecks Amsterdam-Brüssel-Köln. Das erschwert sinnvolle internationale Durchbindungen. Aus diesem Grund sollte Eindhoven dann auch vor allem bessere Anbindungen nach Brüssel und Düsseldorf/Köln erhalten.
Als ich hier meinen Vorschlag einer Rennbahn Utrecht-Köln machte, hatte ich keine Gedanken an ICE International via Eindhoven; diese sollten nach wie vor nach Amsterdam fahren. Dafür aber IC200 der NS, z.B. Den Haag-Rotterdam-Breda-Tilburg-Eindhoven-Helmond-Venlo-Düsseldorf vs. Zwolle-Deventer-Arnhem-Nijmegen-Venlo-Köln. Das wäre dann Eindhoven-Düsseldorf 1:00 (heute 1:52) und Eindhoven-Köln 1:15 (heute 2:20). Mit normalen IC-Zügen (sei es klassisch wie FlixTrain oder mit den neuen IC200-Triebwagen der NS).

Reise bitte mit Flugzeug oder Auto, mit dem Zug zu fahren ist viel zu kompliziert geworden, zu viel umsteigen, zu viel Unsicherheit, (dabei immer engere Bestuhlung, immer weniger Aussicht), Ticketpreise schwer zu finden und daher zu teuer.

Was die Bahn nicht hat, ist ein übergreifendes Such- und Buchportal wie Skyscanner bei den Airlines. Zeigt bahn.de wirklich alle Verbindungen an? Auch die von "Privaten" wie Westbahn, NTV, Regiojet, izy, Ouigo, thello, AvLo/EVA? Und wenn ja, sind die dann auch alle buchbar?

...dass nationale Grenzen bei Eisenbahnen mehr Hindernisse sind als je zuvor.

Bin ich mir nicht sicher. Tarifgrenze != Staatsgrenze. Mit meiner OV-Chipkaart komme ich nach Aachen. Nicht nur mit Bus 350 von arriva sondern auch mit deren LIMAX. Im Aachener Hbf kann ich auschecken. Auch in Emmerich sollen mal Anlagen kommen zum Ein-/Auschecken.

Kann die Bahn diese Gruppe Freizeitreisende für immer fast nicht mehr bedienen oder gibt es noch ein Zukunft mit sog. “TEE-pläne” (lange durchgebunden Zugfahrten ohne umsteigen)?

Ein fünftes Argument für die Bahn: Umweltschutz. Allerdings hat auch das einiges an Importanz verloren. Manchmal auch unzurecht.

- ein 160-200 km/h klassischer Zug ist umweltschonender als ein 250-320 km/h HGV-Zug.
- für die Bahn muss Infra gebaut werden, für eine neue Flugverbindung nicht.
- Auto: das Elektromobil soll das Fossilmobil ersetzen.
- Flugzeug: Turboprop soll Elektroprop werden, Wasserstoff soll neuer Treibstoff werden.
- mit Verfahren wie treesfortravel und greenseat kann man Umwelbelastung kompensieren (allerdings sehe ich das eher als Gewissen grünspülen).

In unserer Politik wird vor allem geredet über ein EU-weites HGV-Netz. Leider sind die Billigairlines in vielen Hinsichten ein "game changer":

1. zuvor wählte man erst Zielort, dann Verkehrsmittel, danach andersrum.
2. die Grundversorgung durch die Luft, die zuvor in den Händen von gemeinwirtschaftlichen Staatsairlines war, ist fast komplett in die Hände der eigenwirtschaftlichen Billigairlines gewandert.

Auch wenn hier in Europa ein Netz von 36.000 km Rennbahnen läge (wie in China), würde man keinen Meter weniger fliegen. Die Airlines vermarkten dann Zielorte, wohin die Bahn nicht kommt.
Dieser TEE 2.0 Ansatz kann man begrüssen, weil er vor allem Verlängerung von Strecken nachstrebt, statt Beschleunigung. Es wird vorhandene Infra benutzt.
Kontra: wenn man nichtdestotrotz 7-8 Stunden braucht um von Amsterdam nach München zu kommen, wird Jan nicht auf die Bahn umsteigen, weil der Flieger schneller ist. Mit einer Reisekette Amsterdam-(30)-Utrecht-(60)-Köln-(60)-Frankfurt-(90)-Nürnberg-(60)-München sieht es für den Business zwar besser aus, aber die Flieger werden dann eher Wien oder Budapest als Touristenziel vermarkten.


gruß,

Oscar (NL).

--
Mit den neuen IC-Triebwagen wird alles besser !!

Verkehrsstaus müssen etwas Tolles sein, sonst würden nicht alle mitmachen.

Schienenstränge enden nicht an einer Staatsgrenze, sondern an einem Prellbock.


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