EU: Rolle HGV bezüglich CO2-Reduktion nur marginal? (Allgemeines Forum)

Oscar (NL), Eindhoven (NL), Donnerstag, 23.07.2020, 10:54 (vor 2084 Tagen) @ BGSMH

Oscar (NL):

Wenn man 140 km/h Schnitt erreicht, "end to end", dann ist man schon schneller als das Auto. Für 140 km/h Schnitt brauche ich in Prinzip nur sehr bedingt Rennbahnen. Der Corail Toulouse-Bordeaux schafft das sogar bei 160 km/h vmax (2007 selber erlebt).

BGSMH:

- Ist das denn realistisch? Schauen wir uns als Beispiel mal Hamburg - Berlin an. Hier ist Durchschnittsgeschwindigkeit vom schnellsten Zug (1:47, z. B. ICE 904) nur 160 km/h und das obwohl der Zug unterwegs nur in Spandau hält und die Strecke eine Vmax von 230 hat.

Das verstehe ich; wollte nur zeigen, dass man nicht unbedingt eine Rennbahn bauen muss, um eine attraktive Alternative fürs Auto darzustellen. Toulouse-Bordeaux war dann vielleicht ein Extrembeispiel.

- Der Großteil der Reisenden will nicht von Hbf zu Hbf, muss also davor und danach noch weitere Strecken zurücklegen. Aufgrund des Umstandes, dass der Zug in der Regel von Zentrum zu Zentrum fährt, sind Umwege vorprogrammiert.

Von Wohnort zum Bahnhof ist Aufgabe des Nahverkehrs. Da kann der HGV nur geringfügig aushelfen, und bei HH-B gar nicht.

In Paris könnte man noch mit einem TGV-Halt im Stadtteil Valenton (Stadtrand Südost) theoretisch Fahrgäste gewinnen, die ansonsten mit RATP oder RER zuerst nach Gare de Lyon fahren müssten. Dort ist die Strecke noch nicht Highspeed, also bleibt der Zeitverlust eingeschränkt.
Andererseits: wenn man schon mindestens Paris-Lyon nonstop fährt (wenn nicht noch weiter), ist der Zeitverlust RER/RATP fast vernachlässigbar.

- Das Straßennetz ist deutlich dichter. Das Auto legt also in der Regel die kürzere Strecke zurück, kann sich also eine niedrige Durchschnittsgeschwindigkeit leisten.

Eine Anekdote zu dem Thema, die aber denke ich für viele Menschen in Deutschland exemplarisch ist. Ich zog vor kurzem nach Hamburg und freute mich auf die gute Verbindung in meine Heimatstadt Berlin. In der Praxis musste ich feststellen, dass ich mit dem Auto schneller bin.

Im Ursprungspost habe ich einen Beitrag von 73% Transport-CO2 für den Verkehrsträger Strasse zitiert.
Im Nachtrag habe ich versucht, diese Zahl zu reduzieren zu dasjenigem, wofür HGV eine Rolle spielen könnte.
In der Praxis ist diese Zahl noch geringer, denn für manche (wie Du beschreibst) ist schon alleine aufgrund Wohnsitz das Auto unverzichtbar, auch wenn die Züge meinetwegen mit 2000 km/h rumdüsen. Man muss ja zuerst mal zum Bahnhof kommen und wenn man dann doch schon unterwegs ist, kann man genauso gut die ganze Strecke zum Zielort mit dem Auto fahren (erst recht hier in NL wo die Strecken relativ klein sind und die Bahn relativ langsam).

Es könnte sogar sein, dass der CO2-Strassenbeitrag, den man mit Bahn allgemein (nicht nur HGV) einsparen kann, unter den der Luft kommt. Durch die Luft fliegen ja vor allem Passagiere und erst danach Fracht.

Hierbei ist freilich nicht einberechnet, dass ich mit dem Auto Zeit dadurch spare, dass ich jederzeit losfahren kann.

Bei uns in NL hat man noch einen dichten Takt. Von 30 Minuten wurden es 15, 10 und man plant schon 7,5-Minutentakt auf Hauptachsen. Aber sogar ein ganztägiger 2-Minutentakt gewinnt nicht von einem 0-Minutentakt in den Zeitraum in dem Jan das Verkehrsmittel wirklich braucht.

Dass bei uns die Bahnen trotzdem (noch?) stark nachgefragt sind, hat mit den Staus zu tun. Jetzt hat aber ein hier nicht zu nennen Virus sich als wahrer Staukiller manifestiert. Nicht dadurch, dass alle hier im Krankenhaus, in Quarantäne oder verstorben sind, sondern weil Leute ihren Reiseverhalten geändert haben. Büroarbeit zu Hause wird (zumindest hier in NL) das neue Normal, also sind weniger Autos auf den Strassen, gibt es somit weniger Staus und gibt es somit weniger Anlass, Bahn zu fahren.

So ab und zu, wenn ich mich langweile, denke ich sogar, dass die Tage des Schienenpersonenfernverkehrs gezählt sind. Dass man besser in Solarflugzeuge investieren kann als in HGV. Dass Umstellung auf Elektromobil weit mehr CO2 reduziert als ein Ausbau des HGVs. Klar hat man dann das Batterienproblem (Herstellung und Entsorgung). Zur Zeit noch, Oscar. In 30-40 Jahren nicht mehr. Vertrauen in die Zukunft haben, Oscar. Dieselbe Zukunft, die Dir vor etwa 4 Dekaden den von Dir so heissgeliebten ICE gebracht hat.


gruß,

Oscar (NL).

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Mit den neuen IC-Triebwagen wird alles besser !!

Trans-Europ-Express 2.0? Abwarten und TEE trinken!

Schienenstränge enden nicht an einer Staatsgrenze, sondern an einem Prellbock.


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