Sprachkenntnisse (Allgemeines Forum)

Colaholiker, Frankfurt / Hildesheim, Donnerstag, 05.03.2015, 08:16 (vor 4049 Tagen) @ Proeter
bearbeitet von Colaholiker, Donnerstag, 05.03.2015, 08:16

Und allgemein: Nach dem, was man im Video erkennen kann, scheint der KiN aus einer Generation zu stammen, in der er Englischunterricht gehabt haben muss. Von Bemühungen um Verständigung mit dem Fahrgast in englischer Sprache ist aber nichts zu erkennen.

Vielleicht hatte er keinen Englischunterricht? Ich kenne auch Leute im "passenden" Alter, die eben nur eine Fremdsprache in der Schule gelernt haben - und wer als erste Fremdsprache Französisch hatte, kann noch so oft aus einer Generation stammen, wo er Englischunterricht gehabt haben müßte, versteht die Sprache aber trotzdem nicht.

Zu meiner Schulzeit (in Hessen, das muß ja dazu gesagt sein, da es im Bezug auf die Ausgestaltung der Lehrpläne Unterschiede zwischen den Ländern gibt) war es nämlich so, daß man die erste Fremdsprache aus einem gewissen, je nach Schule variierenden Angebot, wählen konnte. Bei uns war das eben Englisch und Französisch. Wählte man Englisch konnte man als zweite Fremdsprache beliebig eine andere wählen, die eben dann angeboten wurde (je nach Lehrerversorgung und Menge der interessierten Schüler wechselte das). Wählte man Französisch, war als zweite Fremdsprache - sofern man denn eine lernte - Englisch verpflichtend. Auf Integrierten Gesamtschulen gab es aber auch genug Schüler, die eben keine zweite Fremdsprache gewählt haben - natürlich nicht die, die hinterher Abitur gemacht haben, wo mehrere Fremdsprachen gefordert sind, aber beispielsweise die, die die Schule mit einem (erweiterten) Hauptschulabschluß verlassen haben.

In meiner zweiten Fremdsprache, die ich mal gelernt habe, könnte ich heute auch nicht mehr kommunizieren. Mehr als "Bitte", "Danke", "Ja" und "Nein" ist da auch nicht mehr vorhanden, weil nach Ende der Schulzeit nie wieder gebraucht. Und das kann auch mit erworbenen Englischkenntnissen passieren, wenn man sie nicht regelmßig nutzt.

Da bliebe zusätzlich die Frage, warum ein EVU (ein zudem sich so jung und dynamisch gebendes wie die Länderbahn) überhaupt KiNs ohne substantielle Englischkenntnisse beschäftigt. Hat jemand eine Idee?

Da kann ich nur mutmaßen. Sonderlich attraktiv sind die Arbeitsbedingungen als Zugbegleiter dort sicher nicht. Abgesehen von denen, die so einen Job "aus Leidenschaft" ;-) machen, wird halt der Bewerberkreis dementsprechend sein. Und dann werden bei den geforderten Qualifikationen entsprechende Prioritäten gesetzt, und Englischkenntnisse stehen dann wohl eher weiter hinten. Bitte versteht das nicht Abwertung gegenüber den Zugbegleitern im Allgemeinen, es ist kein leichter Job und die meisten machen ihn verdammt gut. Ich möchte nur zum Ausdruck bringen, daß jemand "mit verhandlungssicheren Sprachkenntnissen in zwei Fremdsprachen" mit hoher Wahrscheinlichkeit eine andere Karriere anstreben wird, wo die Arbeitsbedingungen besser und das Gehalt höher ist. Wenn man diesen Beruf nicht "aus Leidenschaft" ausüben will, ist es in meinen Augen nachvollziehbar, daß man sich, wenn es die persönliche Qualifikation erlaubt, beruflich anders orientiert, und so ohne Schichtdienst etc. irgendwo eine "ruhige Kugel zu schieben".

Warum man allerdings nicht den Mitarbeitern regelmäßige Trainings anbietet, wo sie wenigstens die wichtigsten Dinge, die sie für ihre Arbeit brauchen, auch auf Englisch lernen, weiß ich nicht - aber ist vermutlich einfach zu teuer.

Aber das Nichtvorhandensein von Fremdsprachenkenntnissen ist im Vergleich zu dem, was ich hier in Frankfurt im Busverkehr erlebe, ja noch harmlos. Viele der dienstjüngeren Busfahrer haben nicht mal ausreichend Deutschkenntnisse, um problemlos eine Fahrkarte zu verkaufen. Und das beim komplizierten Tarifgefüge des RMV. Aber klar, auf Teufel komm raus wird alles ausgeschrieben, der billigste gewinnt, und das wird bei den Personalkosten eingespart. Da sind die Stellen eben dementsprechend unattraktiv, und werden oft mit Leuten besetzt, die anderswo auf dem Arbeitsmarkt wenig Chancen haben, und oft sogar den Busführerschein und Personenbeförderungsschein "vom Amt" bezahlt bekommen haben. Das ist übrigens nicht nur ein Problem zwischen Fahrer und Fahrgast, wie ich von einem guten Freund, der bei einem Busunternehmen, das in Frankfurt Stadtbusverkehr fährt, arbeitet, weiß, ist das auch ein Problem zwischen Fahrer und Disponent in der Leitstelle, Werkstattpersonal, etc. Aber es ist ja politisch so gewollt.

Mit der Gesamtsituation unzufriedene Grüße,
der Colaholiker


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