Wann zu erwartende Verspätung über 60 min? (Fahrkarten und Angebote)

mmandl, Mittwoch, 25.08.2021, 18:00 (vor 58 Tagen) @ michael_seelze
bearbeitet von mmandl, Mittwoch, 25.08.2021, 18:03

- Entstehungsgeschichte: Art.16 des KomV sah vor, dass der Fahrgast bei einem Ausfall oder einem verpassten Anschluss stets die dortigen Rechte hat. Im Gesetzgebungsverfahren wurde das dahingehend ergänzt, dass auch einfache Verspätungen zu den genannten Rechten führen, wenn die Verspätung erheblich ist. Aus Vereinfachungsgründen hat man alle drei Situationen unter den Begriff "Verspätung > 60 Minuten" zusammengefasst. Das man bei Zugausfällen und verpassten Anschlüssen hinter den KomV zurückbleiben wollte, ergibt sich nirgends aus den Materialien


Dass die Zusammenfassung aus Vereinfachungsgründen erfolgte, geht daraus aber ebensowenig hervor. Mithin lässt sich nicht nachvollziehen, welcher Akteur mit welcher Begründung die Verpätung von mehr als 60 Minuten an dieser Stelle der VO eingeführt hat.

Wie so häufig sind entstehungsgeschichtliche Interpretationen mit einer reichlichen Portion Spekulationen angereichert. Letztlich wird nur der EuGH über die Auslegung befinden können.

- bei einer einfachen Verspätung > 60 Minuten darf der Fahrgast auch sofort jede beliebige Verbindung wählen bzw. nach Art. 16 vorgehen und nicht erst, wenn es keine Verbindungen gibt, die eine Ankunft mit Verspätung < 60 Minuten erwarten lassen.


Nur deswegen, weil eine Zugfahrt eine Verpätung von mehr als 60 Minuten hat, muss nicht vernünftigerweise davon ausgegangen werden, dass bei Ankunft am Zielort gemäß Beförderungsvertrag die Zeitdifferenz zwischen der planmäßigen Ankunftszeit des Fahrgasts gemäß dem veröffentlichten Fahrplan und dem Zeitpunkt seiner tatsächlichen oder erwarteten Ankunft mehr als 60 Minuten betragen wird:

  • Es kann ja zum einen sein, dass der verspätete Zug an Zwischenstationen über so große planmäßige Aufenthaltszeiten verfügt, dass vernünftigerweise (eher) von einer Reduzierung der Zugverspätung auszugehen ist.
  • Zum anderen kann die vom Reisenden gewünschte Verbindung Aufenthaltszeiten bzw. Umsteigezeiten an bestimmten Bahnhöfen aufweisen, die so groß sind, dass durch ihre Kürzung die Ankunft des Fahrgastes am Zielort vrsl. ohne oder mit einer Verspätung unter 60 Minuten erfolgen wird. Ich weiß, dass mitunter die Auffassung vertreten wird, dass der Fahrgast ein Recht auf die bei der Buchung angegebenen Aufenthaltsdauern an den Umsteigebahnhöfen hat.

Unter einer "einfachen Verspätung" verstehe ich eine zu erwartende Verspätung am vertraglichen Zielort aufgrund einer Verspätung des benutzten (einzigen oder letzten in der Reisekette) Verkehrsdiensts, daher fällt Anstrich 1 schon mal raus.
Anstrich 2 ist differenziert zu lösen: Handelt es sich um einen reinen Umsteigeaufenthalt, schließt ein ausreichendes Puffer einen zu erwartenden Anschlussbruch und damit eine zu erwartende Verspätung am Zielort aus. Handelt es sich faktisch um zwei verschiedene Fahrten (Achtung Schnappatmung!), greifen die Verspätungsrechte m.E. jeweils getrennt für die einzelnen Fahrtabschnitte (Arg. e Art. 17 Abs. 4 UAbs. 4 S. 2 VO), ein Anspruch auf Inanspruchnahme der jeweiligen Aufenthaltsdauer ergibt sich m.E. nicht aus der VO, aber wohl aus dem Beförderungsvertrag selbst.


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