verpasster Anschluss = zu erwartende Verspätung über 60 min? (Fahrkarten und Angebote)

mmandl, Mittwoch, 25.08.2021, 15:47 (vor 59 Tagen) @ musicus
bearbeitet von mmandl, Mittwoch, 25.08.2021, 15:50

Sehe ich anders, denn dann hätte man bei einer (günstigeren) Fahrkarte mit Zugbindung einen höheren Schutzstandard als bei (teureren) Fahrkarten ohne Zugbindung. Maßgeblich ist m.E. immer die Verbindung die (bei einer Zugbindung) von vornherein Gegenstand des Beförderungsvertrags ist oder (bei offenen Fahrkarten) nach Ausübung des Wahlrechts nach § 262 BGB.

Gut: Gehen wir von einer Verbindung als Bestandteil des Beförderungsvertrages aus.
Außerhalb der Abschnitte mit Zugbindung darf jeder NV-Zug und bei den "offenen Fahrkarten" darf jeder (nicht reservierungspflichtige) Zug zum Erreichen des Zielbahhofs innerhalb der Geltungsdauer der jeweiligen Fahrkarte genutzt werden. Wenn also ein NV-Zug meiner Verbindung das Ziel um 23:46 planmäßig ereichen soll und der folgende (in meiner Verbindung nicht aufgeführte) Nahverkehrszug das Ziel um 0:42 planmäßig ereichen soll, kann m.E. nicht per se vernünftigerweise davon ausgegangen werden, dass die Verspätung (

die Zeitdifferenz zwischen der planmäßigen Ankunftszeit des Fahrgasts gemäß dem veröffentlichten Fahrplan und dem Zeitpunkt seiner tatsächlichen oder erwarteten Ankunft

, um die Begriffsbestimmung aus der EG-VO 1371/2007 zu benutzen) am Zielort lt. Beförderungsvertrag mehr als 60 Minuten betragen wird.

Ist es teleologisch wirklich begründbar, dass ein Fahrgast, der eine billige zuggebundene Fahrkarte hat, unmittelbar nach Art. 16 vorgehen kann, der Fahrgast mit offener Fahrkarte aber zunächst an die vertraglich vereinbarten Parameter gebunden bleibt?


Die Zugbindung schließt den Fahrgast mit einer zuggebundenen Fahrkarte ja erst einmal von der Nutzung eines anderen Zuges aus. Er könnte ja bei einem Ausfall des zuggebundenen Zuges oder bei einem Anschlussverlust an einen zuggebundenen Zug ohne Art 16 EG-VO 1371/2007 seine Reise nicht bis zum vertragsgemäßen Ziel fortsetzen.
Bei einer offenen Fahrkarte ergibt sich so etwas aufgrund der fehlenden Zugbindung nicht.


Das ist schon richtig, dennoch tue mir aber schwer damit, dass der mit einer zumeist teuren flexiblen Fahrkarte reisende Fahrgast an die vertraglich vereinbarten Beschränkungen gebunden sein soll (Produkte, Wege, Gültigkeitszeitraum), der mit einer zumeist billigeren zuggebundenen Fahrkarte reisende Fahrgast hingegen nach Art. 16 lit. b und c vorgehen können soll (womit es nur auf die Vergleichbarkeit der Beförderungsbedingungen ankommt und gar [weit] nach Ablauf der Gültigkeitsdauer der Fahrkarte noch gefahren werden kann [!]).

Wie schwer du dir damit tust, ist - mit Verlaub - ein bloß individuelles Problem. In der Theorie ist das alles stimmig. Die Realsatire ergibt sich erst aus dem fahrplanbasierten Verkauf nebst Zugbindungsorgien gewisser Beförderer i.V.m. der jeweiligen Qualität der konkret erbrachten Leistungen. Immerhin: man kann mit Fug und Recht den Standpunkt beziehen, die Gesetzgebung sei hier praxisfremd - das stimmt.

Vor allem ist es ein rechtliches Problem. Und da vertrete ich aufgrund der dargelegten Argumente nun mal die Auffassung, dass im Fall eines Zugausfalls oder eines verpassten Anschlusses stets eine Verspätung von mehr als 60 Minuten zu erwarten ist, da mit der vertraglich geschuldeten Verbindung (der Fahrgast hat bei offenen Fahrkarten ein einseitiges Wahlrecht) der Zielort überhaupt nicht mehr erreicht werden kann. Das kann man natürlich auch anders sehen (so ohne nähere Begründung denn auch Lindemann, TranspR 2011, 10 [14] und wohl auch Sliwiok-Born, in BeckOGK, 1.4.2021, Art. 3 FRVO Rn. 109: „soweit hierdurch eine prognostizierte […] Ankunftsverspätung […] zu befürchten ist“, Art. 3 FRVO Rn. 110, 111, 112: „soweit sich dadurch eine prognostizierte […] Ankunftsverspätung […] ergibt“, Art. 16 FRVO Rn. 9: „in ihrer Wirkung gleichwertige Anschlussversäumnisse und Zugausfälle“; Lavall/Pütz, Zbornik PFZ 66 [2016], 363 [376]; K. Schmidt, Fahrgast 4/2015, 36; K. Schmidt, Fahrgast 2/2015, 36). Zwingend ist diese Gegenauffassung aber nicht. Im Gegenteil, führt sie entweder zu einer Unterscheidung zwischen teuren offenen Fahrkarten und billigen zuggebundenen Fahrkarten zugunsten der Fahrgäste mit den preiswerten zuggebundenen Fahrkarten oder zu der Situation, dass man dem Fahrgast mit einer zugebundenen Fahrkarte beim Zugausfall/verpassten Anschluss die Berufung auf Art. 16 zunächst verwehrt, ohne dass jedoch klar, wäre, welche Verbindung er vorrangig nutzen muss/darf.


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