Was hat das BIP damit zu tun? (Allgemeines Forum)

Aphex Twin, Freitag, 30.04.2021, 21:39 (vor 17 Tagen) @ Chrispy

Die Korrelationen zwischen BIP und Handelsvolumen sind eher zufällig. Auf die Schnelle habe ich dazu nur diese Darstellung gefunden. Es handelt sich um eine Gegenüberstellung des Gesammthandels pro BIP und des BIP pro Kopf. Die Industirestaaten befinden sich auf der Y-Achse über 40'000 USD. Die Punkte da, lassen keine Korrelation erkennen. Wenn deine Annahme korrekt wäre, müsste der Handel pro BIP auf der X-Achse für alle Industrienationen in etwa gleich sein. Man könnte also einfach eine senkrechte Linie erkennen, nur ist die nicht vorhanden.

Ob Trade per GDP 50 oder 100% entsprechen ist von relativ geringer Bedeutung wenn das GDP eines Landes 10x grösser als das eines anderen ist. Generell gibt es die Korrelation dass grössere Länder einen kleineren Anteil Handel pro GDP haben und dies trifft beim Vergleich GB und FIN leicht zu, geht aber im Grössenverhältnis der beiden Länder praktisch vollkommen unter. Für rohstoffreiche Länder gelten wieder leicht andere Trends (oft grösserer Anteil Handel), aber mit Ausnahme von möglicherweise Norwegen ist kein Land in Europa so rohstoffreich dass dies gross ins Gewicht fallen sollte (GB und NL sind was Öl- und Gasproduktion pro GDP angeht nach Norwegen an zweiter Stelle).

Dabei muss man immer noch betrachten, dass der Dienstleistungssektor in einigen Ländern viel grösser ist als die industrielle Produktion. Andere länder wiederum haben viele Rohstoffe, die den handel dominieren. Um das zu erkennen ist das BIP eine schlechte Metrik.

Natürlich kann man jetzt anfangen und versuchen den Anteil des Handels der jeweils dafür geeignet ist durch den Kanaltunnel geführt zu werden bzw. durch den Tunnel nach Estland zu beziffern, aber dass am Ende nicht dabei herauskommt dass das potenzielle Transportvolumen durch den einen Tunnel deutlich größer ist als durch den anderen erscheint praktisch ausgeschlossen. Einen ähnlichen Vergleich für den Personenverkehr aufzustellen ist ähnlich trivial.


Aber man kann im Umkehrschluss, auch nicht behaupten, dass der Estland-Finnland-Tunnel nur 10% des Verkehrs des Kanaltunnels haben wird nur weil Finnland ein 10-mal kleiners BIP aufweist. Ich wage mal zu behaupten, dass wenn der Kanaltunnel die Einzige Handlesverbindung nach Europa wäre, dann würde seine Kapazität um ein vielfaches überschritten. Eine Korrelation zwischen BIP und der potenziellen Auslastung einer Bahnstrecke zu erstellen halte ich für noch viel problematischer als zwischen BIP und Handel. Zudem, wie viel da noch durch den einen Tunnel geht nach dem Brexit bleibt abzuwarten.

Sicher, vielleicht wäre die Bedeutung des Tunnels für Finnland zwei- oder dreimal so gross wie die des Kanaltunnels für Grossbritannien, aber sicher nicht 10x so gross. Neben den Gütern ist ja auch der Personentransport wichtig, und London und Paris sind die beiden grössten Metropolen in Europa (neben den beiden eher peripheren Städten Moskau und Istanbul) und Brüssel, Antwerpen, Rotterdam und Amsterdam sind auch relativ gut an den Kanaltunnel angebunden. Und all die Dienstleistungen die keinen Güterverkehr darstellen, schaffen sowohl gutverdienende Menschen die die 1. Klasse in den Zügen füllen können und sind ausserdem zum Teil dem Tourismus zuzurechnen der auch Menschen in die Züge bringt.

Und dass ist bevor man mit einbezieht dass der Finnland-Tunnel sogar länger und damit teurer als der Kanaltunnel ist. Und wenn man sich mit der Geschichte des Kanaltunnels beschäftigt sieht man auch dass es eine Weile gebraucht hat bis er profitabel war und die ursprünglichen Investoren einen guten Teil ihrer Einsätze abschreiben mussten (d.h. er deckt seine Betriebskosten aber ob und wann die Kapitalkosten wieder eingespielt werden können ist nicht klar).


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