Diskussion: Vorfahrt für pünktliche statt schnelle Züge? (Allgemeines Forum)

Oscar (NL), Eindhoven (NL), Montag, 21.03.2011, 14:15 (vor 5545 Tagen) @ gesellschaftswagen

Hallo gesellschaftswagen,


zuerst mal willkommen im Forum!

Ich bin letzten Samstag mit dem IC 2003 Kiel - Frankfurt (Main) Hbf gefahren.
Kaum losgefahren dann bei Neumünster eingleisiger Betrieb und unplanmäßiger Halt.

Ich nehme mal an, Halt auf freier Strecke? NMS ist ja IC(E)-Halt.

Ist das normal einen IC stehen zu lassen um "weniger wichtigen Verkehr" Vorfahrt
zu geben?

"Wichtig" ist ein relativer Begriff, sogar bahn-intern, siehe meine Unterschrift (man betrachte den traurig aussehenden IC-Steuerwagen zur Wichtigkeit des IC). Es ist nicht selbstverständlich, dass schnelle Züge wichtiger sind als langsame. Ich kann mich vorstellen dass man sogar pünktliche Züge vorrängig zu unpünktliche Züge behandelt, auch wenn es eine Bimmelbahn vs. ICE International ist.

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Es gab eine Zeit, in der man noch echte Starzüge hatte. So wie in den 50ern/60ern der TEE. Für diesen erstklassigen Zug wurde alles beiseite geschoben; bei Trassenkonflikten hatte der TEE immer Vorfahrt. Hintergrund: die Fahrgäste haben dafür extra bezahlt. Dreifach sogar: erste Klasse Fahrkarte, Reservierungsentgelt und auch noch einen TEE-Aufpreis.

Das Zeitalter der rein erstklassigen Züge liegt hinter uns. Die Trassenkonflikten gibt es aber nach wie vor, und bei einem solchen Trassenkonflikt ist stets die Frage: welchen Zug schicke ich als erster los? Logisch, der schnellste Zug, denken die meisten. Nein, der pünktliche Zug soll erst fahren, der verspätete Zug soll warten. Das praktisiert zumindest NS manchmal.

In Utrecht fahren die ICs nach Eindhoven um '08, '23, '38 und '53 ab.
Auf demselben Doppelgleis fahren auch S-Bahnen Richtung Geldermalsen und zwar um '11, '26, '41 und '56.
Ein IC aus Amsterdam braucht also nur 3 Minuten verspätet zu sein und ein Trassenkonflikt ist schon entstanden. So wie vor 5 Tage. Einfahrt meines IC um 17:10 (+5). Ich steige ein, setze mich und eine Minute später sehe ich die S-Bahn pünktlich losfahren... Also: Vorfahrt für den pünktlichen Zug, nicht der schnelle Zug.
Klar, die IC-Fahrgäste, die die S-Bahn noch haben möchten, verpassen sie jetzt, und wir müssen jetzt hinter die S-Bahn bummeln. Zum Glück gibt es zwei Möglichkeiten, die S-Bahn zu überholen, nämlich bei Utrecht Vaartsche Rijn und bei Houten/Castellum. Und so geschah: der IC fuhr die Verspätung dicht und die S-Bahn war nach wie vor pünktlich.

Aber nun ein interessanter Fall: mein IC hatte +8, Abfahrt 17:16. Wir erreichen die S-Bahn bei Houten Castellum, aber unser Zug wird zum Stehen gebracht. 5 Sekunden später sehe ich die S-Bahn in Houten Castellum losfahren und gerade vor uns auf die Hauptgleise wegfahren... @&$%#&*€%$#%&Ø£#$#@!!!
Nachfrage bei einem Lokführern in einem NL-Forum: die S-Bahn war in einer Takttrasse, unser IC nicht. Auch hier hat also der pünktliche Zug Vorfahrt erhalten und nicht der schnelle Zug.

In einem noch extremeren Fall war der Zug von +18 in Utrecht auf +24 in Den Bosch gefahren und endete die Zugfahrt schon in Eindhoven statt Maastricht/Heerlen. Auf der Strecke gibt es Halbstundentakt und der nachfolgende IC war noch pünktlich, also konnten die Reisenden des verspäteten ICs ohne viel Wartezeit mit dem nächsten IC weiter fahren.

Wir stellen uns vor, eine Dienstleistung (Zug A) kann 9 Anschlüsse sicherstellen (Zug B-J). Wenn immer der pünktliche Zug Vorfahrt erhält, erhält nur Zug A eine Verspätung von z.B. 24 Minuten. Dann sieht es mit den Anschlüssen so aus (0=verpasst, 1=erreicht):

   A B C D E F G H I J 

A    0 0 0 0 0 0 0 0 0
B  1   1 1 1 1 1 1 1 1
C  1 1   1 1 1 1 1 1 1
D  1 1 1   1 1 1 1 1 1
E  1 1 1 1   1 1 1 1 1
F  1 1 1 1 1   1 1 1 1
G  1 1 1 1 1 1   1 1 1
H  1 1 1 1 1 1 1   1 1
I  1 1 1 1 1 1 1 1   1
J  1 1 1 1 1 1 1 1 1

Die Züge B-J erreichen ihre (72) Anschlüsse; beim Umstieg B-J -> A muss ich zwar 24 Minuten warten, erreiche aber dennoch meinen Anschluß. Mit Zug A erreiche ich keine Anschlüsse. Entspricht 81/90 = 90% der Anschlüsse erreicht.

Es wäre auch möglich gewesen, die schnellen Züge vorrängig zu behandeln und dann z.B. Regionalbahnen beiseite zu nehmen. Dann hätten z.B. Zug A bis Zug D jeweils 6 Minuten Verspätung gehabt (Gesamtverspätung auch 24 Minuten). Das Ergebnis:

   A B C D E F G H I J 

A    1 1 1 0 0 0 0 0 0
B  1   1 1 0 0 0 0 0 0
C  1 1   1 0 0 0 0 0 0
D  1 1 1   0 0 0 0 0 0
E  1 1 1 1   1 1 1 1 1
F  1 1 1 1 1   1 1 1 1
G  1 1 1 1 1 1   1 1 1
H  1 1 1 1 1 1 1   1 1
I  1 1 1 1 1 1 1 1   1
J  1 1 1 1 1 1 1 1 1

Man hat 30 perfekte Anschlüsse (E-J vs. E-J), 12 um 6 Minuten verzögerte aber dennoch erreichte Anschlüsse (A-D vs. A-D) und in 24 Fällen muss der Fahrgast 6 Minuten extra warten (von E-J auf A-D). Die restlichen 24 Anschlüsse (von A-D auf E-J) werden nicht mehr erreicht. Also nur 66 von 90 Anschlüsse erreicht = 73%.

Da Anzahl der erreichten Anschlüsse ein Beurteilungskriterium für NS ist, kann ich also verstehen, dass man pünktliche Züge Vorfahrt gibt und nicht die schnellen Züge. Zumal bei uns die Geschwindigkeitsunterschiede relativ klein sind.
Dies führt auch dazu, dass ICE International bei Streckensperren seinen Weg zwischen den Takt-ICs suchen muß.

In Deutschland wird das so wohl nicht funktionieren:

1. Geschwindigkeitsunterschiede größer: z.B. auf der Rennbahn N-IN fahren ja ICE 3 mit 300 km/h und der Allersberg-Express mit nur 140 km/h.
2. FV und NV unterschiedliche Bedingungen (eigenwirtschaftlich vs. konzessioniert)
3. Reiseabstände durchschnittlich größer, daher Direktverbindung wichtiger als Anschlußgewährleistung -> lieber +50 mit Biegen und Brechen auf +30 schrumpfen als Zugausfall.
4. niedrigerer Takt; bei uns gibt es Halbstundentakt, in Beispiel 1 haben die Fahrgäste von Zug A in 6 Minuten schon ihren nächsten Anschluß; in Deutschland wären das aufgrund Stundentakt 36 Minuten.
5. Fernzüge in Gegensatz zu NL nicht austauschbar, weil Fahrgäste für Züge reservieren können / Fahrkarten haben, die nur in den gebuchten Zügen gelten.

Was meint Ihr?


gruß,

Oscar (NL).

--
Mit den neuen IC-Triebwagen wird alles besser !!

Trans-Europ-Express 2.0? Abwarten und TEE trinken!

Schienenstränge enden nicht an einer Staatsgrenze, sondern an einem Prellbock.


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