Deutschland vs. Italien (Schienenautobahnen). (Allgemeines Forum)

Oscar (NL), Eindhoven (NL), Montag, 04.03.2019, 09:07 (vor 2603 Tagen) @ ThomasK

Hallo ThomasK,

Im Bundesverkehrswegeplan wurde schon nachgerechnet, dass eine eigenständige NBS entlang der Autobahn, die in Gersthofen in die Strecke Donauwörth - Augsburg eingefädelt wird, den bei weitem besten Nutzen/Kosten-Indikator hat.

Dabei sollte man auch das immaterielle Nutzen/Kosten berücksichtigen.
Pro: eine Schienenautobahn parallel an einer Asphaltautobahn bedeutet weniger Flächenverbrauch.
Kontra: eine Schienenautobahn produziert dann auch mehr Lärm (dann wieder besser wenn Schallproduktion konzentriert wird).

Damit wäre eine Kantenzeit von 30 Minuten zwischen Ulm und Augsburg völlig ohne Probleme machbar, selbst bei Vmax = 250 km/h. Auf der Bestandsstrecke funktioniert aber genau dies nicht.

Mit vmax 250 km/h können alle ICE4 den Fahrplan halten. Ist also besser als wenn man 300 km/h fahren muss.
Noch besser wäre wenn das auch mit 230 km/h ginge, damit die Talgo-Garnituren den Fahrplan auch halten können. Aber man kann Ulm und Augsburg nicht näher zueinander bauen. Irgendwann ist die Strecke schnurstracks und ist ein noch kürzerer Laufweg nicht mehr möglich.

Die Italiener nennen diese Zwischenverbindungsstrecken zwischen der NBS und der Bestandsstrecke Interconnessione. Zwischen Firenze und Roma gibt es nicht weniger als zehn Interconnessione.

Als ICE-Fan mag ich die italienische Vision der "Schienenautobahnen" sehr. Was ich aber angeblich falsch verstanden habe: die Auf-/Ausfahrten werden nicht von IC-Zügen benutzt (die z.B. auf Mailand-Bologna in Lodi, Piacenza, Fidenza, Parma, Reggio und Modena halten) sondern von Freccen (damals noch Eurostar Italia), die die sechs genannten Städte eher abwechselnd bedienen. Ziel sei also, genannte Städte eine Nonstopverbindung mit Mailand oder Bologna zu gönnen. Die ICs befahren s.i.w. komplett die "linea tradizionale" (Altstrecke, immerhin für 160-200 km/h trassiert).

Projektiert auf Deutschland wäre das eine Schienenautobahn Stuttgart-München mit Ausfahrten bei Ulm, Günzburg und Augsburg. Dazu ggf. ein Bahnhof "Kirchheim(Teck) ICE" wo man nach Tübingen umsteigen kann.
Nun gibt es in Deutschland aber viel mehr Verkehr zwischen S-UL-A-M untereinander als S-M direkt, während auf der italienischen Rennbahn vorerst Mailand-Rom Nonstopzüge fahren, danach Züge Turin-Mailand-Bologna-Florenz-Rom-Neapel (nur diese Halte) und erst danach Züge mit noch mehr Halten.

Durchgebundene Schienenautobahnen haben aber auch den Vorteil, dass man in der Zukunft Nonstopverbindungen wie Köln-München so anbieten kann wie die Franzosen Paris-Marseille anbieten. Die benötigte Infra braucht man dann nicht zu bauen; sie ist schlichtweg schon da.
Auch ermöglichen sie eine Verbannung von (Gefahr-)güterzügen aus den Städten.
Wir finden es nicht normal, wenn Kolonnen LKWs mit Ammoniak, Flüssiggas usw. durch die Städten fahren. Aber Güterzüge müssen nach wie vor durch die Städte fahren???

In Deutschland wurde im Prinzip topologisch eigentlich nur eine einzige echte Zwischenverbindungsstrecke realisiert und das war der Sonderfall Stendal.

Wie wäre es mit Coburg?

Bei uns in NL geht's genauso in Breda. Der Ambrüx verlässt die Rennbahn, legt in Breda einen Halt ein und fährt danach wieder über die Rennbahn. Inzwischen kann ein Thalys oder e320 mit Tempo 300 an Breda vorbeijagen.

Abgesehen davon ist der Bauablauf wesentlich einfacher und eine eigenständige NBS hat zudem den Vorteil, das man die Bestandsstrecke nicht mit jeder Menge Berliner Mauern zuballert und somit bei jedem Stadtplaner und Architekten Augenkrebs vermieden wird.

Was ich in Deutschland vermisse, ist die Denkart eines Masterplans.
In Italien gab es einen Masterplan HGV. Man dachte nicht Turin-Mailand oder Neapel-Salerno, nein, man dachte gleich Turin-Neapel und dazu Mailand-Venedig, Bologna-Bozen, Mailand-Genova, Güterumschlagbahnhöfe wie Novara Boschetto und wie man das alles am besten vernetzen kann. Sobald der Masterplan stand, wurde das ganze Schritt für Schritt gebaut.

Aber nein, in Deutschland regiert die Angst vom ICE-Netz abgehängt zu werden. Siehe Mannheim. Sonstwo, egal ob FR/ES/IT/TR/CN/JP, sogar NL, wäre die Umfahrung längst ein "no-brainer". Nicht mal darüber nachdenken, sondern gleich bauen!


gruß,

Oscar (NL).

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Mit den neuen IC-Triebwagen wird alles besser !!

Trans-Europ-Express 2.0? Abwarten und TEE trinken!

Schienenstränge enden nicht an einer Staatsgrenze, sondern an einem Prellbock.


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