Bahnausbau benötigt (leider) noch mehr Studenten... (Allgemeines Forum)

Pfälzer, Freitag, 21.04.2023, 14:34 (vor 1087 Tagen) @ Der Blaschke

Hallo,

Noch mehr Studenten, die dann weltfremd sind, weil ohne je unten praktisch an der Front gearbeitet zu haben, brauchen wir dagegen nicht.

In manchen Bereichen mag das schon zutreffen.

Gerade bei unserem Kernthema Eisenbahn ist das aber nicht immer der Fall. Das Stichwort lautet hier: Aus- und Neubauvorhaben von Eisenbahninfrastruktur. Diese Projekte - und seien es auch nur ein paar Kilometer neuer Strippe überm Gleis - sind mit extremen bürokratischen Aufwänden verbunden. Es ist schon "beeindruckend" was alles an Gutachten zusammen getragen werden muss und wie lange Beteiligungsprozesse andauern können*, bevor der erste Bagger rollen darf.

*Damit gemeint ist die Beteiligung von Trägern öffentlicher Belange (z. B. Behörden) und betroffener Bürger in Planfeststellungsverfahren und vorgelagerten Planungsschritten. Die NIMBY-Klagen kommen dazu noch on top.

Hier nun ein kleiner Ausschnitt aus den Dokumenten und Anhängen, die für die Einreichung eines Projekts zur Planfeststellung benötigt werden:
- Erläuterungsbericht
- Lage- und Höhenpläne sowie Querschnitte
- Bauwerksverzeichnis
- Grunderwerbsverzeichnis
- Gutachten zu Schallemissionen, Luftqualität, Belastungen von Boden und Grundwasser, etc.
- Gutachten zur Umweltverträglichkeit, z. B. zur Einhaltung der Artenschutzbestimmungen, zu FFH- und anderen Schutzgebieten, etc.
- usw.

Schließlich muss dann auch noch nachgewiesen werden, dass die eingereichte Projektvariante wirtschaftlich ist - und nicht nur an sich wirtschaftlich, sondern sogar wirtschaftlicher (bzw. unbedenklicher) als die anderen betrachteten Varianten und der Fall "nichts tun" - denn sonst gibt es aus der öffentlichen Hand keinen Cent dafür.

Wenn man wie wir Eisenbahnfreunde also noch zu Lebzeiten einen sichtbaren Ausbau der Infrastruktur sehen möchte braucht es ironischerweise sogar noch mehr Studenten und Theoretiker im "Wasserkopf":
- Geologen, Biologen, Geodäten, etc. für die zahlreichen notwendigen Fachgutachten
- Raum- und Verkehrsplaner zur Erarbeitung von Projektvarianten und -alternativen
- Ingenieure für die statische Berechnung und Ausgestaltung von Trassenverläufen und Bauwerken
- Verwaltungsfachwirte in den Behörden, die die Unterlagen prüfen
- Juristen, die die NIMBY-Klagen durchfechten
- und viele mehr
Natürlich löst das die echten Probleme an der Basis nicht. Und ja, früher war das alles einfacher, da wurde viel schneller gebaut. Planungsrechtlich haben wir diese Zeiten aber längst hinter uns gelassen. Denn es sind die vielen Gesetze, Verordnungen, Richtlinien und technischen Regelwerke aus den letzten Jahrzehnten, die überhaupt erst zu dem bürokratischen Wahnsinn geführt haben. Das kann man nun gut oder schlecht finden, ändern tut das den bestehenden Zustand jedenfalls auch nicht mehr.

Und so gilt nun ein Satz, den viele Dozenten in mehreren Variationen zu Anfang eines Semesters über die Teilnehmerzahlen von Lehrveranstaltungen verlieren:

"Wenn wir das mit der Verkehrswende schaffen wollten, dann müsste dieser Saal hier eigentlich noch deutlich voller sein!"

Also: Wir brauchen dringend Handwerker, Pflege- und Reinigungskräfte, Lkw-, Bus- und Straßenbahnfahrer, Tf, Mechaniker, Techniker, Macher, Praktiker - aber zum vorwärts kommen in den Mühlen der Bürokratie in gewissem Maße eben auch Studenten und Theoretiker, die in diesem festgefahrenen System für Fortschritt sorgen.

Sagt jemand, der selbst Verkehrsplanung studiert hat, dabei nebenher übrigens auch schon als Fahrgasterheber aktiv war und sich über kuriose Dienstpläne gewundert hat, die er selbst natürlich besser hinbekommen hätte ;)

Freundliche Grüße aus dem Süden!


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