OT: Barrierefreiheit im internationalen Vergleich (Allgemeines Forum)

Alphorn (CH), Mittwoch, 24.07.2019, 23:37 (vor 2454 Tagen) @ Henrik
bearbeitet von Alphorn (CH), Mittwoch, 24.07.2019, 23:41

Gilt Schweiz als Vorbild in Sachen Barrierefreiheit? Nein, nicht. nichmal einzelne Städte.

Dem widerspreche ich vehement. Die Schweiz investiert gewaltige Summen in die Barrierefreiheit des Bahnsystems und ab 2023 soll gemäss aktueller Planung alles barrierefrei sein (minimal eine Verbindung pro Stunde schweizweit, meist mehr). Mindestens 81% (PDF, Seite 8) der Einstiegsvorgänge werden für Rollstuhlfahrer den höchstmöglichen Standard erfüllen: Spontan und autonom. Bei den Anderen Ersatzmassnahmen. Nicht nur einzelne Städte: Jeder Zug. Jedes Tram. Jeder Bus (letztere meist nur spontan, nicht autonom).

Gilt Deutschland als Vorbild in Sachen Barrierefreiheit? Nein, nicht. einzelne Städte vielleicht, Berlin gewiss.

DB Fernverkehr gewiss nicht - kein einziges Fahrzeug ist spontan und autonom nutzbar. Am ehesten noch der IC2, aber nur wenn Start und Ziel an einem 55-cm-Bahnsteig liegen. Aber auch bei der S-Bahn Berlin setze ich Fragezeichen: Die hat doch meines Wissens keine Schiebetritte, was schon bei geraden Bahnhöfen mit einem E-Rollstuhl problematisch wird (in der Schweiz kaum zulassungsfähig), aber bei Kurvenbahnöfen definitiv einen Einstieg verunmöglicht.

Gilt Kanada als Vorbild in Sachen Barrierefreiheit? Jo. ja. forciert durch Administration, aber eben auch sehr von der Zivilgesellschaft.

Worauf basiert diese Aussage? Dieses Video beeindruckt mich nicht im Geringsten - weder spontan noch autonom. Das ist bestenfalls der Stand in Deutschland und der Schweiz von vor 20 Jahren und die gezeigten Bahnsteighöhen von 10 cm erlauben auch keine schnelle Besserung. Nicht mal die Toiletten sind rollstuhltauglich - erbärmlich. Und hier ist die Rede von einem Rollstuhlplatz pro Zug: "I've never heard a positive thing about VIA rail". Und bei "Go Transit" (Ontario) muss man eine Reise drei Tage vorher anmelden.

Spontan und autonom ist kein Luxus. Wenn ein berufstätiger Rollstuhlfahrer in einer fremden Stadt einen Termin hat, kann er nicht immer wissen, wann die endet. Dann will er nicht erst noch die Rückfahrt anmelden - spontan ist also sehr wichtig. Auch Autonomie ist nicht unwichtig: Sie bringt Zuverlässigkeit, Kosteneinsparungen und Menschenwürde.

Klar, das kostet erstmal Investitionen. In der Schweiz war's sehr teuer, weil man's vergleichesweise schnell haben wollte und noch nicht renovationsbedürftige Bahnsteige umgebaut hat. Aber in Deutschland gibt es ja nicht mal ein absehbares Fernziel für richtige Barrierefreiheit - dafür braucht es in nicht getrennten Systemen eine einheitliche Bahnsteighöhe. Und ich habe schon oft genug gesagt, dass man auf 55 cm hinarbeiten sollte, denn Doppelstöcker wird es weiter brauchen und die sind mit 76 cm ineffizient.


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