In dubio pro Wiese (Allgemeines Forum)

worfie, Samstag, 09.03.2019, 09:02 (vor 2586 Tagen) @ Oscar (NL)
bearbeitet von worfie, Samstag, 09.03.2019, 09:04

Kurze Antwort: Im Zweifelsfall lieber am Stadtrand.

Lange Antwort: Es kommt doch ganz darauf an, wie der Bahnhof und die Strecke ausgestattet ist.
Ich finde das System, wie das Shinkansen-Netz hier in Japan aufgebaut ist, gar nicht mal schlecht. Da sind dann im Zweifel auch Großstadtanbindungen wie Osaka etwas außerhalb angelegt worden, was zwar die Anbindung zum Bahnhof verlängert, aber dafür die Reisezeit auf der Fernstrecke wiederum verringert. Solange diese Fernverkehrshalte gut und vor allem redundant angebunden sind, ist es doch kein so riesiges Problem.

Was die Niederlande anbelangt, kenne ich mich zu wenig aus, aber gerade Deutschland ist für mich ein Negativbeispiel.
Da baut man eine Strecke wie Frankfurt - Köln, was ja an sich nicht verkehrt ist. Aber dann fahren die Züge in Köln erst eine gefühlte Ewigkeit auf einer Altbaustrecke, bevor sie dann auf die Neubaustrecke geleitet werden.

Wie lang mag die Strecke sein? 180-190km ungefährt. Wenn ich jetzt gerade mal bei der Bahn nachschaue, veranschlagt man für die 180-190km eine Fahrtzeit von 65 Minuten. Hier in Japan wäre der Shinkansen-Bahnhof entweder ausgegliedert oder im Falle von Köln und Frankfurt wäre die Neubaustrecke auf Stelzen oder im Tunnel bis in die Stadt hineingeführt worden und man hätte vermutlich eine Fahrzeit von ca. 50 statt 65 Minuten. Der dickste Brocken in Deutschland ist dann ja noch, dass die Infrastruktur wild durcheinander gewürfelt vom NV, FV und GV genutzt wird und irgendeine popelige S-Bahn den Fernverkehr der halben Republik mit Verspätungen segnen kann.

Bei meinen Nachforschungen in der DB Auskunft habe ich gerade gesehen, dass es auch einen ICE Sprinter zwischen Frankfurt und Köln-Deutz gibt, der die Strecke in einer Rekordzeit von 35 Minuten zurücklegt, aber um 10:10 abfährt und um 11:14 Uhr ankommt. Aber gut, vielleicht hat man während meiner Abwesenheit in Deutschland wieder lokale Zeitzonen eingeführt wie anno dazumals.


Und was die Reisequalität bzw. das Bahnhofsfeeling anbelangt:
Ja, natürlich ist es ein Vorteil, so lange wie möglich umsteigefrei zu reisen, und ja, die alte Bahnhofsarchitektur in Deutschland sieht wunderbar aus. Aber hat man in Deutschland wirklich eine Aufenthaltsqualität? Öffentliche Einrichtungen werden ja von der deutschen Gesellschaft kaum respektiert und der deutsche Staat hat auch kein großes Interesse daran, die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten. Wieviele Bahnhöfe sind mit Unrat und Graffitis verschmiert? Wie viele kleinere Bahnhöfe geschlossen, vernagelt oder gleich ganz abgerissen? Wenn ich in Hamburg aus dem Bahnhof gehe, stinkt es nach Zigarettenrauch und Verbindungstunnel zwischen Fern-, S- und U-Bahn werden nicht sauber gehalten, sondern einfach zugemauert, damit sich dort nicht Obdachlose und Drogenabhängige die Klinke geben. Am Berliner Hauptbahnhof bin ich mal durch einen Nebeneingang (vom Tiefbahnhof aus) rausgegangen. Draußen lag bestimmt ein 30-40cm hoher Müllberg und es stank nach Urin. Naja, vermutlich Berliner Gemütlichkeit. Und dann noch diese ganzen Geschichten, die man z.B. aus Köln hört, wo Verbrecherbanden systematisch die Aufenthaltszeit von Zügen im Bahnhof nutzen, um Fahrgäste zu bestehlen?
Sorry, solche Auswüchse haben für mich nichts mit Reise- und Aufenthaltsqualität zu tun und sind hier in Japan fast völlig fremd. Auch in Deutschland ist mir so etwas an Flughäfen auch nie wirklich aufgefallen. Warum es an Bahnhöfen seit jeher tolerieret wird, ist mir ein Rätsel.


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