Ist ein Taktverkehr sinnvoll? (Allgemeines Forum)

ALR997, Donnerstag, 20.08.2015, 22:26 (vor 3882 Tagen) @ MartinN

Hallo zusammen
Das Frage ich mich wirklich. Klar, Taktfahrplan ist eine gute Sache und erleichtert vieles. Trotzdem ist so einer doch sehr Aufwendig zu erstellen, braucht viele Abstimmungen mit Regionalverkehr,Ferverkehr und internationalem Verkehr.Je nachdem ergeben sich dadurch wieder längere Fahrzeiten oder Standzeiten in Bahnhöfen.

Die Frage ist, was dem Betreiber oder dem Organisateur des ÖV-Systems wichtiger ist:
-dass die Reisenden der Hauptrelationen (sagen wir Berlin - Frankfurt) möglichst schnell an ihr Ziel kommen, und dafür alle dazwischenliegenenden Verbindungen (z.B. Gießen - Elsterwerda) in Fulda und Halle jeweils womöglich eine Stunde warten müssen (was unter den wirtschaftlichen Geichtspunkten durchaus nachvollziehbar wäre, wenn man so argumentiert, dass die 10 zusätzlichen Reisenden auf der Gesamtstrecke mehr Umsatz erwirtschaften, als die 5 potentiellen Fahrgäste, die wegen der zu langen Reisezeit aufs Auto oder den Bus umsteigen), oder,
-dass man, unabhängig vom Bahnhof und der Region gleichermaßen eine zuverlässige und regelmäßige Anbindung an das gesamte System hat. Wer entscheidet denn zum Beispiel, dass Beringhausen gerade einmal täglich zwei Mal je Richtung bedient wird, während das knapp 10 Kilometer entfernte Bredelar stündlich vom RE17 aus Hagen angefahren wird?

Ein Taktfahrplan nach Schweizer Vorbild würde im Kleinen beginnen. Beispielsweise im Rheinland-Pfalz-Takt, und sich dann weiter entwickeln, von der Fernverkehrshauptlinie bis zum Ortsbus mit SPNV-Anschluss. Man kann keinen nationalen ITF von jetzt auf gleich entwickeln, aber wenn man angefangen hat, kann man ihn immer weiter fortschreiben und auf ein Zielnetz hinarbeiten.

Heutzutage verfügen wahrscheinlich die meisten Leute über ein Smartphone wo man den Fahrweg bequem eingeben kann. Zudem gibt es auch heute noch Schaffner, Bahnangestellte und andere Passagiere die gefragt werden können, wenn man mal Hilfe braucht.

Die Tatsache dass sich eine Verbindung recherchieren lässt spricht weder für noch gegen einen Taktfahrplan. Aber der Fakt, dass man möglicherweise nicht mehr die Flexibilität besitzen kann, eine Stunde, oder gar eine halbe Stunde später zu fahren, macht das Reisen unkomfortabler. Zugegeben, in einer Zeit, in der gefühlt 75 Prozent der Tickets Sparpreise sind, ist Flexibilität kein Markenzeichen der Bahn mehr, aber ich habe immer noch die Hoffnung, dass sich das zurückentwickelt.

Was meines erachtens viel mehr bringen würde sind mehr direkte Züge ohne umzusteigen, zu warten und sich neu orientieren zu müssen. Klar das würde natürlich auch mehr Züge bedeuten. Das würde viel besser ankommen und würde die Pluspunkte wie Komfort, Laufruhe, Beweglichkeit, arbeiten im Zug beispielsweise gegenüber Buskonkurrenz und Flugzeug um einen wichtigen Punkt ergänzen.

Die Konkurrenz mit dem Flugzeug wird man wohl weitestgehend ausklammern können, da die über die Fahrzeit entschieden wird. Und da kann man zwischen den Städten mit Flughafen kaum noch sparen ohne massiv auszubauen. Hamburg - Hannover - Frankfurt - Stuttgart, Hamburg - Berlin - Leipzig - Nürnberg - München, Amsterdam - Düsseldorf - Köln - Frankfurt. Mindestens zweistündlich fahren ICEs auf schnellstem Wege die Großstädte ab.
Bleibt noch der Fernbus, meine Meinung ist hier Folgende:
Effektiv hat die Bahn nur zwei Möglichkeiten um sich zu behaupten:
a) über den Preis
b) über das Angebot

Im Falle von a) müssten die zahlreichen Direktverbindungen (sagen wir mal Rostock - Saarbrücken) so günstig sein, dass sie den Fernbus schlagen können - oder die Differenz als Zuschlag für eine kürzere Reisezeit in Kauf genommen wird. Hier werden, wie heute auch, Regionen auf der Strecke bleiben. Diesbezüglich ist das IC-neu-Konzept durchaus eine lobenswerte Maßnahme, weil sie endlich die Lücke zu schließen beginnt, die der IR gerissen hat. Aber würden diese durch Direktverbindungen ersetzt dann wäre der Effekt ein völlig anderer.
Würde man auf b) hinarbeiten, wäre man vielleicht im Zeitrahmen des Busses unterwegs. Durch gesicherte Anschlüsse im festen Rhythmus würde ein Komfortgewinn entstehen, den der Bus nicht bieten kann: die Möglichkeit, erst später weiter zu fahren. Einfach auszusteigen und noch etwas zu erledigen. Warum nicht?

Wie man an meiner Argumentation sieht, bin ich nur wenig objektiv, ich kann durchaus andere Meinungen verstehen und akzeptieren, aber ich sehe es ganz einfach: die Bahnsysteme in den Niederlanden, in Belgien, Luxemburg, der Schweiz, Österreich und Dänemark basieren auf einem ziemlich festen Taktfahrplan. Er soll noch stärker in anderen Ebenen manifestiert werden (z.B. Regionalbusnetzen) und auch viele Bundesländer arbeiten daran. Warum sollte man dieses Konzept also nicht bundesweit einführen? Damit jeder Mensch in Deutschland seinen Anspruch auf öffentlichen Personenverkehr auch nutzen kann und dieser nicht - extrem gesprochen - zu einem Luxusprodukt der Metropolen verkommt.

Gruß,
Lucas


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