Grundsätzlich gesagt (Allgemeines Forum)

Jogi, Sonntag, 18.07.2010, 16:35 (vor 5741 Tagen) @ Henrik

Ja, in der Tat... allerdings darf man auch den Leuten dieses Käseblattes auch bei der Quellennennung nur begrenzt Glauben schenken.

und bei anderen Blättern soll das so sehr anders sein?

Gute Frage. Es ist wirklich diskussionsfähig, inwieweit die heutige Pressearbeit, bei der Recherchieren zum Teil durch Abschreiben von irgendwelchen PMs der Unternehmen ersetzt wurde (natürlich etwas drastisch formuliert), noch als seriöse Quelle angesehen werden kann.
Aber die Bild-Zeitung ist in der Kategorie "Unseriöser Journalismus" einfach unangefochten. Beispiele in Hülle und Fülle gibt's natürlich bei bildblog.de. Wer es etwas historischer mag, kann sich ja mal Heinrich Bölls "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" durchlesen. Als Vorbemerkung hat Böll übrigens notiert:
„Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der Bild-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.“

Es steht aber fest, dass bei der Bild-Zeitung Neuigkeiten nur insoweit primären Status genießen als dass sie mit Emotionen gekoppelt werden können. Rein aus informativer Sicht bedarf es sicher keiner kompletten Seite, auf der Erfahrungen von ausgefallenen Klimaanlagen betroffenen Fahrgästen gedruckt werden. In diesem Sinne ist IMO das Abdrucken der Weisung zu verstehen: das Verlangen der Leser soll gestillt werden, was in diesem Fall Bahn-Bashing ist.

Sicher gibt es bei dieser "Klima-Katastrophe" (SWR, wenn ich mich richtig erinnere) eine Menge zu kritisieren, aber auf personaler Ebene ist das keine konstruktive Kritik, sondern eben das personifizierte Leiden. Das ist in meinen Augen unterste Schublade. Ung genau das ist das Verwerfliche an Bild: es wird eine (meistens Mainstream-)Meinung aufgebaut und weitgehend aufrechterhalten.

Möglicherweise war dieser 'Fahrgast' ein B**D-Reporter, der sich in einen Zub-Abteil oder gar anderweitig zu schaffen gemacht hat

Möglicherweise ja. aber wieso sollte er?

Weil er der Bahn eine vor den Karren fahren will? Weil er weiß, dass das die Verkaufszahlen erhöhen würden, denn natürlich jeder, der öfters als zwei Mal in seinem Leben Bahn fährt, will wissen, wie die Bahn reagiert? Und wenn bildtypisch noch eine Meinung mundgerecht angeboten wird, ist das oben angesprochene "typische" Leserbedürfnis befriedigt. Oder ganz primitiv, weil er auf eine Belohnung vom Chefredakteur hofft?

Das mit dem Fahrgast liegt doch eher näher. Zumal es so ja auch gar nicht kommuniziert wurde. Der Bild-Reporter hätte das schon eher auf seine Fahne schreiben lassen.

Wieso? Das ist eine dienstinterne Weisung, die prinizipiell wenig an der Öffentlichkeit zu suchen hat, obgleich wegen der großen öffentlichen Beobachtung, wie die Bahn darauf reagiert es ein nicht wegzudiskutierende öffentliches Informationsbedürfnis danach gibt.

Ich weiß nicht, ob diese Meinung schon gesagt aber wurde, aber ich glaube, die größte redaktionelle Leistung der Bildreadaktion beschränkt sich darauf eine E-Mail geöffnet oder ein Fax bedient zu haben, um die Weisung zu bekommen, die ein Bahnangestellter gesandt hat.

Und was sollte daran jetzt so schlimm, ja gar asozial sein? Nur weil es von BILD ist und die DB betrifft?

Es kommt ja darauf an, was Bild mit der Quelle angestellt hat. Wenn der Grundtenor sinngemäß war, die Bahn wisse nicht, was sie tue, sei hilflos und sowieso ein Abzockladen, der jetzt noch mieseren Service ohne Ausgleich anbiete; wenn der Eindruck erweckt wird, jeder Zug kippe aus den Schienen sobald es über 32,5 Grad hat und die Fahrgäste kollabieren reihenweise - dann ist es verwerflich, denn mit Journalismus hat es dann nichts mehr zu tun. Und ja, für mich ist das Zementieren von Vorurteilen asozial, sei es im Bezug auf die Bahn oder auf Ausländer (bzw. für die "political correctness": ausländische Mitbürger).

Wenn es nun Günter Wallraff gewesen wäre, bei einem unliebsameren Unternehmen, Lidl zum Beispiel und der dann zum Spiegel gerannt wäre, dann wäre es OK, oder wie?

Es besteht aber ein Unterschied darin, ob eine Firma systematisch (!) die Privatsspähre der eigenen Mitarbeiter ausleuchtet und ihnen grundlegende Arbeitnehmerrechte wie z.B. die Gründung eines Betriebsrates verwehrt oder wie sie auf aktuelle Probleme reagiert. Mal abgesehen davon, dass der Spiegel eine solche "Lidl-Affäre" definitiv anders aufbauen würde wie die Bild-Zeitung.

(wie Ralf bezweifle auch ich, dass eine solche Anweisung mal eben so auf dem Tisch lag).

Wieso sollte es nicht auf dem Tisch liegen?

Das kann nur ein Zub beantworten. Ich glaube kaum, dass die Bahn die Weisung flugblattmäßig verteilt hat. Zubs werden doch ein Ringbuch oder ähnliches haben, wo sie soche Blätter drin abheften und einfach tragen können, ohne dass alles gleich durcheinander fliegt.

Steht doch noch extra ganz große und fett drauf, dass man es festpinnen soll, verteilen soll etc.

Im Zug?

Und was hat eine topaktuelle dringend benötigte Anweisung unter zig Akten versteckt oder in einer Schublade zu suchen?

Es gibt Akten im Zub-Abteil?

Und ins Zugführerabteil kommt man sehr leicht rein. Erlebe ich fast auf jeder zweiten Fahrt, dass da mal keiner drin ist.

Da hat ein Fahrgast resp. ein Bild-Reporter nichts drin zu suchen. Wenn sich die Polizei so ihre Beweise sichern würde, wäre sofort der Aufschrei von wegen Polizeistaat, Willkür und sonst so was da.

Grüße, Jogi


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