Kohlekraftwerke sind Spitzenlastkraftwerke (Allgemeines Forum)

Splittergattung, Sonntag, 16.02.2020, 19:21 (vor 253 Tagen) @ numi
bearbeitet von Splittergattung, Sonntag, 16.02.2020, 19:22

In der Praxis ist es jedoch so, dass Kohlekraftwerke in Deutschland als Spitzenlastkraftwerke betrieben werden.

Die Reihenfolge ist dabei folgendermaßen:

Erneuerbare - die laufen immer auf Volllast (nur was Volllast ist, ist natürlich wetterabhängig). Einmal aufgestellt, haben die praktisch keine variablen Kosten mehr.

Atomkraft - Läuft fast immer mit der vollen Nennleistung
Braunkohle - Soll so viel laufen wie möglich, muss jedoch manchmal schon wegen zu vieler erneuerbaren Energien runtergefahren werden.
Steinkohle - Deckt Lastspitzen im Netz zu Zeiten geringer erneuerbarer Energien ab
Erdgas - Läuft nur, wenn durch angeschlossene Kraft-Wärme-Kopplung notwendig, da sonst die angeschlossenen Wohnungen kalt bleiben würden. Im Winter daher eine nennenswerte Produktion, im Sommer laufen Gaskraftwerke kaum.

Wenn man sich das in Zeiten erhöhtem CO2 Ausstoßes ansieht, ist es natürlich totaler Quatsch. Gaskraftwerke sollten möglichst viel laufen, da sie die effizientesten sind. Eigentlich sollten die Steinkohlekraftwerke das tun was die Braunkohle macht und die Gaskraftwerke das, was die Steinkohle macht.

Ursprünglich war das auch alles einmal so gedacht, dass es CO2 optimal funktioniert. Der Emissionshandel ist jedoch gescheitert, da es zu viele Zertifikate gibt und diese daher zu günstig sind. Es kostet daher kaum Geld, mehr CO2 auszustoßen und dementsprechend ist das den Kraftwerksbetreibern ziemlich egal. Daher wird das Netz jetzt so betrieben wie oben dargestellt. Dadurch sparen die Kraftwerksbetreiber ein klein wenig Geld und stoßen dafür massiv mehr CO2 aus. Das obwohl die Kraftwerke eigentlich da sind, man müsste nur die einen ein- und die anderen ausschalten.

Soweit richtig, allerdings sind, wie Aphex Twin schon korrekt angemerkt hat, seit 2018 die Preise für CO2-Emissionsrechte deutlich angestiegen und seitdem beginnt auch die Merit Order (so nennt man diese nach variablen Kosten gestaffelte Einsatzreihenfolge von Kraftwerken, die du oben skizziert hast) sich zu ändern. Gas ist inzwischen kostenmäßig weitgehend identisch mit Steinkohle und die Steinkohleverstromung ist (die Quelle müsste ich allerdings nochmal raussuchen) in den Jahren 2018/2019 um irgendwas bei 20-30% gesunken. Eben weil Gas jetzt häufiger die Spitzenlast übernimmt.

Eben genau deswegen halte ich Datteln 4 auch für eine Investitionsruine, die den Betreibern in den nächsten paar Jahren noch ordentlich auf die Füße fallen dürfte. Die Emissionsrechtebörse preist Steinkohle gerade, ganz ohne weiteres politisches Zutun, schneller aus dem Markt raus als die Kohlekommission es wahrhaben will.

(Außerdem beginnen sich gerade die Kapitalmärkte gegen längerfristige fossile Investitionen zu wenden, weil die Unsicherheit über die wirtschaftliche Laufzeit zu groß wird, aber das hat mit Datteln 4 erstmal nichts zu tun und wird sich auf dem Strommarkt auch eher mittel- bis längerfristig bemerkbar machen.)


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