+211 - Ein kleiner Bericht. (Reiseberichte)

numi, Dienstag, 12.08.2014, 17:04 (vor 4284 Tagen)

Essen, 19:48 Uhr. ICE 605 erreicht mit leichtem quietschen Gleis 2 des Essener Hauptbahnhofes. Ich war auf dem Weg nach Nürtingen in der Region Stuttgart und stieg zu. Geplante Ankunft in Nürtingen war 23:54 Uhr. Zuvor hatte ich noch darüber nachgedacht, ob es nicht sinnvoller wäre mit ICE 615 eine Stunde vorher zu fahren, doch ich hatte genug vertrauen in die DB, dass der Umsteig in Mannheim funktionieren wird.
Schon bald rollte der ICE an und ein Zugbegleiter kam zur Kontrolle der Fahrscheine. Ich zeigte meinen Deutschlandpass woraufhin der Zugbegleiter noch um die Information bat meinen Zielort zu erfahren um gegebenenfalls den Anschluss vorzumelden. So ging es dann weiter in den Sonnenuntergang. Der Zug war etwa zur Hälfte besetzt, der Strom im Bistro war ausgefallen, eine ganz normale und durchschnittliche Zugfahrt ohne Besonderheiten.

Es muss so gegen 21:40 Uhr gewesen sein, als sich dies schlagartig änderte. Verursacht durch ein schweres Unwetter sei der Zugverkehr zwischen Frankfurt und Mannheim eingestellt worden. Ein Raunen ging durch den Zug. Wir würden daher am Flughafen Frankfurt verweilen bis es weitergehen kann. Weitere Informationen folgen wenn sie verfügbar sind.
Im Zug kehrte sofort wieder Ruhe ein. Schwere Unwetter sind wir in Deutschland inzwischen ja leider gewohnt, da müssen wir jetzt wohl durch. Was kann man da schon machen?
In Frankfurt Flughafen angekommen gab es eine weitere Durchsage, Fahrgäste in Richtung Stuttgart sollen sich darauf vorbereiten, den Zug zu wechseln. ICE 615 stand noch im Bahnhof mit inzwischen etwa einer Stunde Verspätung. Es würde geklärt ob es sinnvoll ist hier bereits umzusteigen damit wir auch sicher nach Stuttgart kommen. Ein lustiger Zufall dachte ich, wo ich doch zuvor noch überlegt hatte, ob ich nicht lieber diesen Zug wählen soll.

Kurze Zeit später kam die Durchsage, dass wir den Zug wechseln sollen. Wir wurden auch darauf hingewiesen, dass, falls der ICE ohne uns abfährt, wir genug Zeit hätten, zu ICE 605 zurückzukehren.
Ich also aus dem Zug raus, den Bahnsteig gewechselt und in ICE 615 eingestiegen. Dieser Zug war etwas voller, aber es waren immer noch einige Plätze frei so dass ich schon bald einen Sitzplatz fand. Nun hieß es hier als weiter warten. Das war allerdings nicht so schlimm. Es entstanden schnell Gespräche und so verging die Zeit.

Nach einiger Zeit war Frankfurt Flughafen mit vier Zügen belegt, die allesamt auf Weiterfahrt warteten. Im Zug wurde dann auch mitgeteilt, dass man sich kostenfrei ein Getränk im Bistro holen darf. Habe ich dann auch gemacht. Vor dem Bistro gab es eine kleine Schlange aber die beiden Mitarbeiterinnen im Bistro waren so schnell, dass ich da maximal drei Minuten warten musste.

Etwas später, es muss gegen 23:00 Uhr gewesen sein, kam die Durchsage, dass eine Umleitungsstrecke wieder frei sei, wir würden unsere Fahrt in Kürze fortsetzen. Das ist dann auch geschehen. Wie sich herausstellte, fuhren wir aber keine Umleitung sondern wie immer über die Riedbahn. Es kam allerdings ständig zu kleineren Stopps, wir haben Mannheim so erst gegen 00:35 Uhr erreicht. Inzwischen war auch meine Hoffnung aufgegeben, den letzten Zug von Stuttgart nach Nürtingen um 00:48 noch zu erreichen. Daher bat ich einen durch den Zug gehenden Zugbegleiter noch um einen Zangenabdruck für meinen Deutschlandpass, so dass ich dann später in Stuttgart keine Probleme bekomme.

Die Zugbegleiter haben die gesamte Lage allgemein sehr professionell gemeistert. Sie gingen als Ansprechpartner durch den Zug und halfen den Fahrgästen bei eventuellen Fragen weiter. So stelle ich mir als Fahrgast das vor und es half sicherlich auch dabei, die Fahrgäste ruhig zu halten. Es entstand auch keine negative Stimmung gegen die DB. Man musste da jetzt nun einmal durch.

Um 01:14 haben wir Stuttgart Hbf erreicht. Fahrgäste die keinen Anschluss mehr haben, sollen sich an den Informationspunkt im Bahnhof wenden, dieser sei zu jeder Uhrzeit besetzt. Es machte sich nun also eine dreistellige Zahl an Fahrgästen auf in die Haupthalle.

Die etwa 70m lange Schlange vom Informationspunkt reichte schon fast bis an das Ende der Haupthalle als wir ankamen. Wir waren wohl nicht der erste Zug für den es hier keinen Anschluss mehr gab. Nun hieß es also warten, und warten, und warten. Die Schlange hinter mir wurde, danke weiterer ankommender Züge, noch länger. Das Konzept war, dass die vordere Person in der Schlange befragt wurde wo sie hin möchte. Dann wurde der Zielort unverständlich durch das hallende Gebäude gebrüllt bis sich genug Fahrgäste für ein Taxi fanden.
Ich kam ins Gespräch mit einigen anderen Reisenden und die Wartezeit war nicht so schlimm wie sie hätte sein können. Besonders leid tat mir ein Amerikaner der gerade mit dem Flugzeug in Deutschland ankam. Kräftiger Jetlag und nun so lange warten, er nahm es jedoch recht gelassen.
Gegen 2:40 hörte ich dann etwas das nach "Nürtingen" klang und konnte mich endlich einer Gruppe anschließen. Eine der beiden einzigen Mitarbeiterinnen hat dann unsere Fahrkarten geprüft und gestempelt und wir mussten neben dem Informationspunkt auf ein Taxi warten. Nach wenigen Minuten kam dann auch schon der Taxifahrer der dort dann auch einen Schein abholen musste um von der DB auch Geld zu erhalten.

Nach mehr als 90 Minuten im Stuttgarter Hauptbahnhof ging es für mich dann endlich weiter. Mitleid hatte ich mit den noch wartenden Fahrgästen. Bei der Abfertigungsgeschwindigkeit haben viele sicherlich noch bis nach 4 Uhr warten müssen. Auch war ich allgemein etwas schockiert über das schlechte Krisenmanagement. Es war schon gegen 22 Uhr klar, dass in dieser Nacht viele Fahrgäste in Stuttgart stranden werden. Hätte man hier nicht mehr Personal oder gar den ein oder anderen Ersatzbus oder sogar Zug organisieren können? Es haben sich auch einige der übermüdeten Fahrgäste lautstark aufgeregt. Von der Ruhe und Professionalität die ich davor noch im Zug erleben durfte, war im Bahnhof leider nichts mehr zu bemerken. Der türkischstämmige Taxifahrer meinte auch nur "Alter, die sind so langsam!".

Um 3:25 Uhr, 211 Minuten nach der geplanten Ankuftszeit, kam ich dann nach einer gesprächigen Taxifahrt endlich in Nürtingen an. So hatte ich mir das nicht vorgestellt, als ich in Essen in den ICE eingestiegen bin.


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