Noch einmal: das Zeit-Dossier zur "Wahn AG" (Allgemeines Forum)

Joe, Montag, 31.01.2011, 15:14 (vor 5633 Tagen) @ joerg-dd

Liebe Leute,

ich bin erst am Wochenende dazu gekommen, das Zeit-Dossier zur "Wahn-AG" zu lesen. Da der Thread hierzu inzwischen weit heruntergerutscht ist, fange ich - um meine Kommentare loszuwerden - noch einmal einen neuen an.

These 1 des Artikels (zur NBS Nürnberg-Erfurt): die Route über Erfurt bedeutet einen Umweg von 90km bzw. ca. 40 Minuten (3:45 vs. "gut drei Stunden") Mehr noch: Bei der kürzeren und schnelleren (weiter östlich verlaufenden) Alternativroute "wäre kein einziger Tunnel nötig" gewesen, sprich: die Strecke wäre deutlich günstiger.

Die Fakten: Die NBS von Nürnberg nach Leipzig ist insgesamt 313(190+123)km lang, die Luftlinienentfernung zwischen den beiden Städten beträgt ca. 230km. Von einem 90km langen Umweg kann also keine Rede sein, denn natürlich wird die Luftlinienentfernung auch von keiner Alternativroute auch nur annähernd erreicht. Um eine Fahrtzeit zwischen Berlin und München von "gut drei Stunden" zu erreichen, müsste man (bei Fahrtezeiten - ohne jeden Halt! - von je einer Stunde zwischen München und Nürnberg bzw. Berlin und Leipzig) schon eine schnurgerade verlaufende NBS zwischen Nürnberg und Leipzig für 300km/h (ohne jeden Halt) bauen. Dass diese ohne Tunnel auskommen würde, ist natürlich völliger Unsinn, denn die Strecke führt erst durch die Fränkische Schweiz, dann durch den Frankenwald. Bei der Einschätzung der Kosten ist außerdem zu berücksichtigen, dass Erfurt-Leipzig ja auch Teil der Strecke Frankfurt-Dresden (ggf. auch Frankfurt-Berlin) ist.

These 2 des Artikels (zur NBS Köln-Rhein/Main): es wäre viel besser gewesen, die Strecke etwas weiter nordöstlich (an Montabaur vorbei) zu bauen. Das hätte nicht nur (aufgrund des flacheren Profils) viel Geld gespart, die Strecke wäre dann auch güterzugtauglich gewesen und hätte nachts die Güterzüge aus dem Rheintal aufnehmen können.

Die Fakten: Auch die im Artikel propagierte Alternativroute hätte durch Siebengebirge, Westerwald und Taunus geführt. Mag sein, dass der Westerwald nach Nordosten hin etwas flacher wird (groß kann der Unterschied - wenn ich meinem Atlas glauben darf - nicht sein), bei einer Alternativtrassierung wäre aber auf jeden Fall die (aus ökologischen Gründen vorgenommene) Bündelung mit der A3 verloren gegangen. Um die Strecke auch für schwere Güterzüge (wie sie im Rheintal verkehren) tauglich zu machen, hätte die Maximalsteigung statt 4,0% nur 1,25% betragen dürfen. Von Süden kommend, wäre also zunächst einmal ein Basistunnel unter dem Taunus fällig gewesen, auch sonst wäre die Strecke mit Sicherheit noch einmal wesentlich teurer geworden. Außerdem: der letzte ICE über die NBS erreicht Köln um 0:34, der erste fährt morgens um 4:24 ab. Selbst wenn man in Tagesrandlage noch einige ICE's streicht, bleiben da für den Güterverkehr nur wenige Stunden, genug vielleicht für 20-25% der derzeit im Rheintal verkehrenden Güterzüge (laut Artikel ja immerhin 500 pro Tag). Und: im Westerwald wohnen auch Menschen (wenn auch nicht so viele wie im Rheintal). Mit anderen Worten: Das Lärmproblem hätte sich zwar etwas reduziert, aber mitnichten in Wohlgefallen aufgelöst. Noch ein Wort zu Montabaur und Limburg/Süd: man kann ja viel gegen diese Bahnhöfe einwenden (waren wahrscheinlich recht teuer), immerhin verschaffen sie aber dem Westerwald einen erstklassigen Anschluss ans deutsche Fernverkehrsnetz - und das (a) ohne einen Euro an Regionalisierungsmitteln und (b) ohne dass ein Fahrgast, der von Frankfurt nach Köln durchfahren will, auch nur eine Minute Zeitverlust erleidet. Gut frequentiert sind sie übrigens auch.

These 3 des Artikels: der Wahnsinn hat Methode. Die DB baut absichtlich unnötig teure Strecken, um möglichst viele Zuschüsse vom Bund zu kassieren.

Die Fakten: Die Höhe der Bundeszuschüsse ist im Wesentlichen fix. (Die 1,2 Mrd. Euro p.a. werden ja auch im Artikel genannt.) Dementsprechend führen teure Projekte wie Nürnberg-Erfurt nicht etwa dazu, dass die DB zusätzliches Geld bekommt. Das Geld fehlt dann lediglich bei anderen Projekten.

Richtig ist natürlich, dass die NBS Ebensfeld-Erfurt fragwürdig ist. Richtig ist auch, dass das Lärmproblem im Rheintal sehr gravierend ist und einer Lösung bedarf. Falsch ist allerdings, dass die Lösung ganz einfach (gewesen) wäre, wenn es sich nur bei der Bahn AG nicht um eine Wahn AG handeln würde. Insgesamt: ein unglaublich schlechter Artikel, dessen praktisch einzige Quelle offenbar Herr Rössler ist. (Wer den Mann für kompetent hält, dem empfehle ich seinen Auftritt bei den Schlichtungsgesprächen zu S21. Legendär.) Wenn Herr Grube sich auf dem Niveau dieses Artikels äußern würde, müsste er wahrscheilich zurücktreten. Aber die (von mir sonst eigentlich sehr geschätzte) ZEIT darf das offenbar. Warum?

Viele Grüße,

Joe

Moderatoren-Kommentar:
Danke für deine Kommentare. Deine Begründung, weshalb du einen neuen Beitragsbaum eröffnet hast, kann ich nachvollziehen. Andererseits ist es natürlich immer nett, wenn man zeitnah antwortet und Kommentare an bereits eröffnete Beitragsketten angehängt werden. Ich schlage vor, dass wir den Beitrag heute hier so stehen lassen, morgen dann an die alte Diskussion anhängen und hoffe auf dein Verständnis.

Viele Grüße,
Holger_HAM


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