Aus dem Sand- an den Blockkasten (Allgemeines Forum)

fjk, Freitag, 24.09.2010, 10:07 (vor 5717 Tagen) @ Sese

Moin,

da sind wir von der ursprünglichen Bemerkung, dass die Nachrüstung von Sandstreuern an Stuttgarter S-Bahnen eine überaus innovative qualitätsfördernde Idee ist, ja wohl leicht abgekommen? Der innovative Anspruch von Sandstreueinrichtungen ist jedenfalls bestens herausgearbeitet, beträgt nämlich Null, und dass die auch funktionieren sollten (erst recht wenn seit Jahrzehnten bewährt), versteht sich irgendwie von selbst.
Eine winzige Frage bleibt:

Ich denke, dass es ganz konkret um die Baureihen 423 - 426 gehen[...] wird.

In der PM sind konret drei(?) S-Bahn-Betriebe genannt. 423-426 fahren aber in der ganzen Welt und in Holland rum. Haben die, auch innerhalb einer BR, unterschiedliche Streueinrichtungen oder sind die Schienen in Hannover oder Heerenveen einfach nicht so glatt wie in Frankfurt oder Fellbach?

Aber da das Thema ja mehr in Richtung Sicherungsanlagen abgleitet:

Aber einer "Gleisfreimeldung durch Hinsehen" oder wie das heißt, kann keines der beiden Systeme Sand in die Augen streuen.


Gleisfreimeldung durch Hinsehen ist um ein Vielfaches unsicherer als z. B. durch Achszähler. Was, wenn der Fdl im großen Bahnhof aus versehen ein falsches Gleis sieht, vielleicht Nebel ist und er zu faul ist vor die Tür zu gehen? Was wenn er sich bei der Zugschlussbeobachtung darauf verlässt, dass der Zug alles dabei hat - die letzten 5 Jahre war der Zug ja auch immer vollständig?

Natürlich sollte man sich entsprechende Systeme gerne als Hilfsmittel zu Nutze machen.

Da steht schon alles: gegen technische Systeme als Hilfsmittel für's Hinsehen ist ja nichts zu sagen. Das schließt auch die "standardmäßige" Benutzung dieses Hilfsmittels ein. Aber wenn einem etwas komisch vorkommt, eben hinsehen zu können, das halte ich nicht für unsicherer, im Gegenteil: die Nachteile beider Systeme schalten sich so gegenseitig (weitgehend) aus.

Aber das auf die Spitze zu treiben und Stellwerker in irgendwelche fensterlosen Bunker zu sperren, nach Südostasien outzusourcen oder ganz durch Rechner zu ersetzen, da kommen mir persönlich ungute Gefühle hoch.


Wenn das ganze System fail-safe ist, zuverlässig ist und hilft, enorme Personalkosten zu sparen, dann sehe ich nicht was dagegen spricht, ein ESTW zu errichten und die Strecke von der BZ aus zu steuern.

Wenn das System wirklich fail-save wäre (wahrscheinlich ist fail-save auch entsprechend weich definiert, so nach dem Motto "vorhersehbare Risiken sind ausgeschlossen", und durch den Pseudofachterminus wird das verschleiert) und nicht nur zuverlässig (worunter ich verstehe, dass es unter normalen Bedingungen funktioniert und eine gewisse Ausfallsicherheit bietet), hättest Du natürlich Recht. So fail-save ist aber kein System, und bei komplexen elektronischen Systemen sind Fehler erstens oft schwierig zu bemerken, weil sie sich nicht direkt auswirken, zweitens betreffen sie gerne weit umfangreichere Systemteile als ein gerissener Bowdenzug und drittens ist die Fehlersuche oft deutlich aufwendiger. Was die eigentliche Sicherheit "für Leib und Leben" angeht, ist dabei der erste Nachteil der gravierendste - wenn man in seinem BZ-Bunker nicht merkt, dass da draußen irgendwas schiefläuft, kann man auch nichts machen. Die anderen beiden sind eher unangenehm, weil durch einen Fehler deutlich größere und längere Auswirkungen gezeitigt werden - siehe Stichworte "Softwareupdate" und "Stellwerksausfall" in den Störungsthreads.

Das größte Problem ist aber, dass bei Störungen eben keine handlungsfähigen Menschen vor Ort sind - nur Betroffene, auf deren Situation ferngesteuert eben kein bißchen eingegangen werden kann. Und dass die (erstaunlicherweise ja noch notwendigen) BZler sich vor Ort eben - Richtlinien, Schulungen, "Streckenkunde" hin oder her - nicht überall (gleich) gut auskennen können. Da landet man bei der Diskussion um die Sinnfülle und "Effektivität" großer, gar landesweiter Leitstellen für 112-Notdienste: natürlich können die irgendwelche freiwilligen Feuerwehrmenschen mit GPS und Googlemaps wunderbar und hocheffektiv durch's ganze Land scheuchen - und wenn der entsprechende Informationsrückfluss wirklich funktionieren würde, wüßten sie auch, dass in Kleinkleckersdorf die Alarmierung nachmittags um fünf etwas länger dauert, weil alle beim Melken sind. Nur dass das der Landesleitstelle gegenüber in Kleinkleckersdorf niemand angeben wird - aus rein menschlichen Überlegungen. Also Essig mit Informationsrückfluss. Oder auch: Sand im Gleichstromkreis.
In solchen Fällen hilft nur, den menschlichen Faktor mit dem menschlichen Faktor auszumultiplizieren. Das ergibt auch noch keine 100%, kann dem aber deutlich näher kommen.

Interessant aber auch, dass durch Verbesserung eines Systems (Bremse) ein anderes (automatische Laufflächenreinigung) gar nicht mehr und ein weiteres, zu dem Zeitpunkt sicher noch aktuelles (Gleisfreimeldung), nur noch schlecht funktioniert.


Die Gleisfreimeldung mit Gleisstromkreisen funktioniert nach wie vor ganz hervorragend, von schlecht funktionieren kann nicht die Rede sein. Man hat nur anhand eines Unfalls in Recklinghausen festgestellt, dass es in sehr seltenen Ausnahmesituationen dazu kommen kann, dass das Gleis fälschlicherweise als frei angezeigt wird

[also funktioniert sie nicht nur schlecht, sondern gar nicht - wenn auch nur in seltenen Ausnahmefällen]

- hier hat man aber m. W. umgehend die Regelung erlassen, dass ein Triebfahrzeugführer eines scheibengebremsten Triebfahrzeugs nach einer durch Sandung unterstützen Schnellbremsung umgehend den Fahrdienstleiter über seinen Standort informieren muss (legt mich jetzt nicht auf den Wortlaut fest).

Naja, und das ist ja ein in Vorschriftsform gegossener Versuch, eben den menschlichen Faktor auszunutzen. Gut und schön, und in diesem Falle vor allem (nach einem Unfall): vorhersehbar. Und damit eigentlich auch schon reif für eine technische Lösung. Aber die vielen tausend unvorhersehbaren Fälle (plus der, in denen Achszähler nicht funktionieren, ohne sich "gestört" zu melden) sind davon nicht abgedeckt, sondern nur vom (Sach-)Verstand und den Handlungs- und Entscheidungsmöglichkeiten von Lokführer und ggf. Zub vor Ort - und die sind, schon was die erwähnten örtlichen Kenntnisse angeht, gegenüber ortsfestem Personal naturgemäß eingeschränkt.

Natürlich kostet dieses Personal, erst recht, wenn es gut sein soll. Aber wohin übertriebener Sparwahn führt, das sehen wir (und zwar erst in Ansätzen) bekanntlich in den Hinterlassenschaften von Hartmut...

... so, und nun sind wir schon fast in Wort-zum-Sonntag-Stimmung. Endspurt ins Wochenende?!
fjk


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