Kap. 1/5: Im Bogen ans Schwarze Meer [PL][UA] (Reiseberichte)

Krümelmonster @, München, Dienstag, 07.04.2020, 19:15 (vor 91 Tagen) @ Krümelmonster

Irgendwann nachts wachte ich auf, da war der Zug 10 min vor Gliwice. Als ich das nächste Mal aufwachte und der Zug zum Stehen kam, war ich der Meinung, dass das jetzt Gliwice sein müsste. Tatsächlich war es schon über 2 h später und das ältere Paar war schon weg.^^ Zwischen Katowice und Krakau quälte sich der Zug mit 50 – 60 km/h über eine Strecke in erbärmlichem Zustand – zum Glück war das die Zeit, zu der ich gut schlafen konnte. Frühmorgens legte er einen 12-minütigen Halt in Krakau ein. Als ich später wach war, hörte ich die erste Durchsage seit Abfahrt. Sie war sehr kurz und v. a. schnell, mehr als "Zug" habe ich nicht verstanden.^^ Ab Rzeszów gab es an jedem Halt kurze Durchsagen in Landessprache – das kannte ich ja gar nicht aus dem Nahen Osten. Östlich von Krakau ist die Strecke renoviert und sehr gut in Schuss, meist ging es mit 160 km/h voran. Bereits um 8 Uhr saß der erste mit seinem Bier im Restauracja, wow… Das Restaurant-Personal war das gleiche wie gestern Abend. Deren Schicht möchte ich nicht haben. :-O Ein paar Mal war der Zug leicht verspätet und konnte das immer aufholen. Kurz vor dem Ziel begann er wieder leicht Verspätung aufzubauen, sodass er schließlich Punkt neun Uhr mit + 8 in Przemyśl eintraf.
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24 Morgens in Krakau
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25 Blick ins Karpatenvorland
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26 Der Bahnhof Rzeszów in seinem alten, wenig mondänen Zustand
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27 Erstmal Essen
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28 – 29 Alt & Neu
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30 Das Abteil kurz vor Ankunft
Am Bahnhof gab es eine winzige Zahl an Schließfächern. Die Zahlung der geforderten 15 Zł ist nur in 1 Zł-, 2 Zł- oder 5 Zł-Münzen möglich, Wechselgeld wird nicht gegeben. Ich fragte bei den Kiosken in Bahnhofsnähe, ob sie meinen 20-Zł-Schein kleinmachen könnten. Die wollten natürlich nicht und waren allesamt derart unhöflich, dass ich es nicht einsah, sie zu belohnen, indem ich etwas kaufte. Englisch konnte niemand. Ein freundlicher Taxi-Fahrer meinte, er kann etwas Russisch und Ukrainisch, er konnte aber nicht wechseln. Slowakisch mit polnischen Einschlägen verstanden sie aber alle. :p Dabei hatte ich bisher immer den Eindruck, dass in Polen Englisch-Kenntnissen für osteuropäische Verhältnisse relativ verbreitet sind. Also musste ich mich doch in die elendig lange Schlange am Ticket-Schalter einreihen. Als ich irgendwann dran war, erklärte mir die Schalterfrau erst lang und breit auf Polnisch, dass sie nicht wechseln kann. Dann habe ich angefangen, laut auf Slowakisch, Deutsch & Englisch rumzuzetern. Schließlich hat sie mir das Geld getauscht. So verging die erste Stunde nach meiner Ankunft… -.-
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31 – 32 Die prächtige Bahnhofshalle in Przemyśl
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33 – 34 Das prächtige Bahnhofsgebäude
Nachdem ich endlich mein Gepäck losgeworden war, ging ich durch die Stadt (60.000 EW). Und die ist durchaus sehenswert! Zwischen den beiden Nachtzug-Fahrten wollte ich eigentlich ins Schwimmbad. Ich schaute nochmal nach, wo genau ich musste. Erst in dem Moment fiel mir auf: Ich trug zwar das Handtuch mit mir rum, aber das Duschgel hatte ich im Koffer im Schließfach gelassen. Aaargh!
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35 Der hübsche Stadtplatz
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36 Die Altstadt von Przemyśl
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37 Kirchen
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38 – 39 Hier wollte ich einen Zug auf der Brücke über den San fotografieren. Ich hatte extra mehrere Minuten gewartet. Genau in dem Moment, wo der Zug kam, setzte sich eine Wespe auf meinen Arm. -.-

Gegen halb eins mittags war ich wieder am Bahnhof, mein Zug sollte 13:10 Uhr fahren. Um zum Bahnsteig 5 zu kommen, muss man in die Unterführung, bei Bahnsteig 4 die Treppe hoch, den Bahnsteig entlang, runter zur nächsten Unterführung und dann wieder die Treppe hoch. Und das alles mit Gepäck… -.- An besagtem Bahnsteig 5 wartete eine große Menschenmasse auf den Zug in die Ukraine. Eine Reisende erkannte ich sogar aus dem nächtlichen Przemyślanin wieder. Personal war allerdings keins anwesend. Pünktlich zur Abfahrtzeit fuhr der ukrainische Triebwagen IC+ aufs Gleis ein. Zunächst fragte ich mich, warum man das Ding nicht einfach für die 25 min Wendezeit am Gleis stehen ließ. Erst als auf der anderen Türseite die Reisenden ausstiegen, merkte ich, dass das die verspätete Vorleistung war.^^ Am Bahnsteig gab es mehrmals Durchsagen nur auf Polnisch. 10 min nach Abfahrtszeit ertönten über die Außenlautsprecher des Zuges Ansagen, diesmal nur auf Ukrainisch, dass der Einstieg nur über bestimmte Wagen möglich ist. 15 min nach der Abfahrtzeit sprach der ZZA am Bahnsteig von 5 min Verspätung. :D 25 min nach der Abfahrtszeit wurden endlich die Türen geöffnet – und das für einen Zug aus dem sonst so pünktlichen Breitspurland. Dort wird beim Einstieg ja immer die Passnummer abgeglichen. Also hielt ich der Provodniza meinen Pass hin. Sie schaute mich ratlos an und fragte auf Ukrainisch: „Was ist das?“ Ich antwortete: „Німеччина“ :D Hat man bei UZ-Fahrkarten von/nach EU eigentlich Anspruch auf FGR, wenn die Verspätung auf dem EU-Abschnitt (überbordend lange Zollkontrolle) entsteht? 30 min nach Planabfahrt hatte der Zug lt. pkp.pl bereits das Land verlassen, tatsächlich stand er mit geöffneten Türen am Bahnsteig.^^ Was dabei am interessantesten ist: lt. Vagonweb soll die Zollkontrolle an der Grenze erst 38 min nach Abfahrt in Przemyśl beendet sein, selbst bei pünktlicher Abfahrt wäre man 30 min später also noch auf polnischem Gebiet. :p
Die Abfahrt erfolgte schließlich mit + 34. Der in der 2. Klasse recht dicht bestuhlte Zug war auf dem grenzüberschreitenden Abschnitt nur knapp zur Hälfte ausgelastet. Das Premiumprodukt IC+ ist halt schnell, aber unbequem. Die Sitze sind zwar etwas weicher als ICE Redesign, aber die Beinfreiheit ist wohl noch mieser als im ICE4... Dazu kommt die 2-3-Bestuhlung. Zur ersten Klasse kann ich nichts sagen, die Fahrt sollte ja nur 1:50 h dauern. Bereits in Przemyśl waren polnische Zöllner zugestiegen. Die Kontrolle war auch für die Ukrainer sehr entspannt: Dzień dobry, Stempel, Dziękuję, fertig. Nach gut 20 min gemächlicher Fahrt erreichte der Triebwagen den Grenzbahnhof Medyka, das Zollpersonal stieg aus. Und dann passierte mal wieder nichts. Irgendwann kam neben uns ein riesiger Güterzug mit Monsterlok aus der Ukraine zum Stehen. Daraufhin schlossen sich die Türen unseres Zuges. Und dann passierte mal wieder nichts. Nach ebenfalls gut 20 min Standzeit in Medyka setzte sich der IC+ wieder in Bewegung, mit fast 40 min Verspätung ging es über die Grenze. Nicht zum ersten Mal hatte Bahnfahren meinen Tag um eine Stunde verkürzt. ;-) In Mostys’ka 2 wurde wieder angehalten… Wenigstens ging es hier schnell: Das ukrainische Zollpersonal stieg ein, und schwupps fuhren wir weiter. Auch die ukrainische Kontrolle fand im fahrenden Zug stand, die Zöllner fuhren bis Lemberg mit. Die Ukrainer haben offenbar eine Weisung, die letzte Seite im Pass zu stempeln. Jedes Mal wird ganz zielstrebig gleich dort aufgeschlagen. Ist gut, so sieht kein anderer die vielen Stempel.^^ Nachteil der Kontrolle im Zug war, dass man währenddessen natürlich nicht rumlaufen durfte und ich mega Hunger hatte. Und in einem ukrainischen Restaurant „draußen“ muss man min. eine Stunde Zeit einplanen, eher anderthalb… -.- Über den Triebwagen sind mehrere Bistros verteilt. Beim letzten Mal hatte ich sie schon nicht nutzen können, weil ich den Zug dekorierte (zum Glück war es heute anderes Personal – das wäre mir sonst sehr unangenehm gewesen!). Der Tf gab alles und hupte fast unentwegt. Es ging nun mit 110 – 120 Sachen voran, was die Fahrt zu einer äußerst ruckeligen Angelegenheit machte. :D Ich versuchte, den Zub auf Russisch zu fragen, wann wir in Lemberg sind. Ok, vielleicht war es auch Ruskrainisch, von den Endungen hab ich ja wenig Ahnung, auf jeden Fall sollte es Russisch werden. ;-) Dafür nannte er mir die neue Ankunftszeit auf Ukrainisch.^^ Auf den Bildschirmen über dem Gang lief Werbung durch, dass der IC+ nach Donezk fährt. Hat er das denn jemals getan? Mein Fahrzeug wurde 2012 gebaut, sagte das Schild, also zwei Jahre vor Ausbruch des Krieges. Mit + 37 erreichte das schnelle Vehikel Lemberg, immerhin zwei min hatten die Ukrainer seit der Grenze aufgeholt.^^ Am Bahnsteig gab es Ansagen auf Ukrainisch, auf Polnisch mit ukrainischem Akzent und auf Englisch ebenfalls mit starkem Akzent.^^
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40 – 42 Grenzanlagen
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43 Mostys’ka, wo lediglich der ukrainische Zoll zusteigt
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44 Angekommen in Lemberg
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45 Es krabbelt weiter Richtung Kiew
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46 In seiner Heimat, dem westlichen Nachbarland, ist dieses Vehikel nicht so dick
Der Preis der Tram-Tickets hat sich in einem Jahr drastisch erhöht: von 3 UAH auf 5 UAH (17 ct). Das mit meinen Ukrainisch-Kenntnissen muss ich nochmal üben. Ich wollte ein Ticket kaufen, hatte aber nur einen 10-UAH-Schein. Ich sagte: "Eins, bitte". Die Fahrerin erzählte mir irgendwas. Ich: ¯\_(ツ)_/¯. Sie gab mir zwei Tickets.^^ Dann kam eine grimmige Kontrolleurin. Oh, ich hatte gar nicht entwertet. Sie erzählte mir irgendwas. Ich: ¯\_(ツ)_/¯. Ich entwertete ein Ticket. Alles gut. :D Tramfahren in der Ukraine ist ungefähr wie Artillerie-Geschütz und Sturm auf hoher See gleichzeitig. Wie viel Querneigung verträgt so eine Tatra eigentlich, ohne umzukippen? :-s (auf jeden Fall mehr als man denkt)
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47 – 49 Trammen auf dem Bahnhofsvorplatz in Lemberg
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50 Sitzprobe gefällig?
Nun streifte ich wieder etwas durch die wundervolle Innenstadt. Lemberg gehört bis heute zu meinen absoluten Lieblingsstädten! Am Ende aß ich in einem georgischen Restaurant (sehr zu empfehlen, bei uns aber wenig verbreitet) Chinkali und Hammel-Kebab. =)
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51 Die Oper
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52 Am Rynok, links angeschnitten das Lemberger Rathaus

Unter der Zugnummer 12 (je niedriger, desto höher die Qualität) erwartete mich ein sehr moderner Wagen: Die WCs konnten sogar in den Bahnhöfen benutzt werden. Nicht dass es draußen kalt gewesen wäre (tagsüber an die 30 Grad), aber der Zug war landestypisch gut beheizt. Auch landestypisch war die Gastfreundschaft: Als ich das Abteil enterte, stellte sich Oleg mir gleich vor. Als im mir beim Versuch, meinen Koffer zu verstauen, intelligenterweise die Hand blutig geschürft hatte, gab er mir sofort ein Pflaster.^^ Kurz nach zehn begann die Reise an die Küste. Für die knapp 750 km brauchte der Zug 10,5 h.
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53 Der Einstieg ist noch anspruchsvoller, als er aussieht
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54 Schlafwagen an die Küste

Nachts um zwei war ich in Chmelnyzkyj zufällig wach, die Ankunft dort war mit – 10 oder – 8. Das Ziel Odessa erreichten wir morgens kurz vor 9 dafür erst mit + 6.^^
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55 Lost in Translation
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56 Schrei doch nicht so! (Diesel wäre nicht leiser :D)
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57 – 58 Odessa ist erreicht
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59 Das Bahnhofsgebäude von Odessa

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Meine Reiseberichte, die vor Mai 2020 veröffentlicht wurden, am besten in Firefox oder Edge öffnen - dort sollten keine Bilder auf der Seite liegen ;-)


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