Russenerlebnisse, Kap. 3: Widrige Russenrückreise (T1) (Reiseberichte)

Krümelmonster @, München, Dienstag, 31.03.2020, 19:27 (vor 56 Tagen)

Hallo liebes Forum ;-)

Was bisher geschah: Klick mich ;-)
Nun also die Rückreise.

Da ich ja nicht nur neue Bahnstrecken sammle, sondern in erster Linie Länder, wollte ich auch Weißrussland nicht auslassen.
Dieser Bericht enthält durchaus viele Fotos aus Weißrussland, wohl mehr als ich aus einem anderen Land an dieser Stelle zeigen würde. Denn Fotos aus Weißrussland sieht man nicht alle Tage. In Weißrussland ist es verboten, so ziemlich alles zu fotografieren, das gilt für Bahnhöfe natürlich im Besonderen. Bitte verzeiht daher die nicht immer optimale fotografische Qualität oder gelegentliche Finger auf dem Bild (das Handy war neu und noch entsprechend ungewohnt) und seid froh, dass ihr die Bilder überhaupt sehen könnt und ich nicht ins Gulag gesteckt wurde.
Falls ich mich in nächster Zeit nicht mehr melde, hat mich wohl der KGB geschnappt. :-/

Problematisch ist bereits die Reiseroute nach Weißrussland. Denn an der russisch-weißrussischen Grenze gibt es keine Kontrollen. Das heißt, es stempelt auch niemand die Visa. Als Ausländer darf man diese Grenze theoretisch also nicht überqueren. In der Praxis sollen die Weißrussen das Thema zwar nicht ganz so eng sehen wie die Russen, aber mit mauen Russisch-Kenntnissen wollte ich das ganze nicht ausprobieren. Es braucht ja bloß die Situation zu entstehen, dass ein Beamte irgendwo im Land mir was Schlechtes möchte (selbst wenn es nicht berechtigt ist), dann hat er auf Grundlage einer illegalen Einreise ziemlich viele Möglichkeiten dazu. Die Grenze im Flugzeug zu überqueren, ist übrigens auch keine Lösung, da die Flüge nach Weißrussland in Russland ab den Inlandsterminals starten – selbes Problem also wie bei der Einreise auf dem Landweg. Bleibt nur, „außen rum“ zu fahren: über Lettland oder die Ukraine. Beides ist ziemlich teuer.
Ich wählte die südliche Variante über die Ukraine.

Ebenfalls absichtlich kompliziert ist die Visa-Vergabe: Ein Touristenvisum für Weißrussland bekommt man grundsätzlich nur, wenn man die ganze Reise über eine weißrussische Agentur laufen lässt. Oder eine Bestätigung des Hotels im Original samt Unterschrift vorweisen kann (es wird explizit erwähnt, dass eine Bestätigung von booking.com nicht ausreicht). Über eine Agentur wird das ganze reichlich teuer. Für Russland ist es gang und gäbe, dass darauf spezialisierte Agenturen in Deutschland eine Einladung für ein Touristenvisum ausstellen (bei einigen geht das sogar ohne Aufpreis zum Visum), für Weißrussland hingegen ist das nicht möglich. Ohne Kooperation mit einer weißrussischen Agentur geht eben nur ein Transitvisum. Das gilt zwei Tage. Nicht 48 h, sondern zwei Kalendertage.

Eines schönen Sommerabends machte ich mich also auf zum Kursker Bahnhof in der Russenhauptstadt. Mein Zug bestand nur aus mickrigen 10 Wagen – zumindest hing hinter der Lok die Nummer 10, vielleicht hatten die Kurswagen nach Krementschug und Sumy ja abweichende Nummern. Alle Wagen wurden von der ukrainischen Bahn gestellt. Es gibt generell kaum Züge zwischen den beiden Ländern, und zwar aus politischen Gründen. Russland ist nach wie vor der wichtigste Wirtschaftspartner der Ukraine und Heimat der meisten Exil-Ukrainer. Das gefällt den Politikern in Kiew natürlich nicht, man möchte die Zusammenarbeit mit dem Kriegsgegner möglichst gering halten. Deshalb schickt man möglichst wenig Züge dahin (UZ schickt nur ca zehn tägliche Zugpaare pro Tag nach Russland). Die Russen hingegen haben Interesse, die Ukraine wirtschaftlich auszubluten. Außerdem wollen erheblich mehr Ukrainer in ihr Nachbarland (oder zurück) als Russen. Die Russen können es sich deshalb erlauben, gar keine Züge in die Ukraine zu schicken. Offiziell begründet wird das mit Angst vor Vandalismus-Handlungen (die es während der Euromaidan-Proteste an russischem Wagenmaterial tatsächlich gab, heute wirkt das aber wie ein vorgeschobener Grund). Lediglich ein einziges russisches Zugpaar durch die Ukraine gibt es, ich glaube es fährt nicht einmal täglich: Transnistrien ist eben doch zu wichtig, um die Ukrainer zu ärgern. ;-) Noch mehr: Es gibt auch keine Flüge zwischen den beiden Ländern. Das ist mittlerweile das Geschäftsmodell von Belavia. ;-) Zumindest für russische Staatsbürger, ukrainische Staatsbürger stehen wohl vor demselben Problem wie ich. Aeroflot fliegt selbst bei Flügen nach Istanbul (!) außen um die Ukraine herum. Daher vermute ich, dass russische Airlines generell keine Überflugrechte für die Ukraine haben. Russland lässt sich Überflugrechte ja üppig bezahlen, anders rum müsste es also eher klappen. Dann regelt eben das Angebot die Nachfrage: Von Moskau nach Charkow liegt der reguläre Preis bei über 100 € im Kupé (4er-Abteil, die mittlere der drei Komfort-Kategorien). Man bedenke, dass das nach damaligem Stand gut 40 % eines durchschnittlichen ukrainischen Monatseinkommens war. Für die Züge ist eine Online-Buchung bei der RŽD nicht möglich, da die Züge nicht von der RŽD betrieben werden. Bei der UZ ist eine Online-Buchung möglich, wenn man das Ticket an einem ukrainischen Schalter abholt – finde den Fehler… Für einen Kauf am Schalter hielt ich meine Russisch-Kenntnisse nicht für gut genug, deshalb kamen beim Kauf über eine einschlägige Agentur nochmal mittlere zweistellige Zuschläge dazu.
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1 Der Kursker Bahnhof am Abend
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2 Die Haupthalle des Kursker Bahnhofs. Zugang ist beliebig oft möglich, auch ohne Fahrkarte, aber nur mit kurzer Sicherheitskontrolle.
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3 Die kyrillische Version der Abfahrtstafel zeigt die russischen Namen. In der lateinischen Variante hingegen stand dort tatsächlich der ukrainische Name Kharkiv – hätte ich nicht erwartet!

Der große Nachteil, wenn man unten schläft, ist eben, dass man nicht selbst entscheiden kann, wann man schlafen geht. Denn wenn die Mitreisenden noch putzmunter auf dem Bett sitzen, wo man selber gerade liegen möchte, ist das suboptimal.^^
Am nächsten Morgen stand ich relativ knapp vor Erreichen des Grenzbahnhofs auf und schaffte es nicht mehr rechtzeitig vor Erreichen des Bahnhofs zum WC, das während des Aufenthaltes auf Bahnhöfen stets verschlossen ist. Deshalb präsentierte ich mich dem russischen Zoll reichlich zerknautscht.^^ In Belgorod stand der Zug 60 min für die russische Grenzkontrolle. Während der Zeit wurde auch von der russischen auf eine ukrainische Lok gewechselt. Man durfte während der Zeit nicht einmal das Abteil verlassen… Der russische Zoll war nicht groß um Freundlichkeit bemüht, hat mir aber nichts abgenommen. Ich glaube, zu mir waren sie etwas freundlicher als zu den Ukrainern...
Ausgerechnet auf dem grenzüberschreitenden Abschnitt lief jemand durch den Zug und verkaufte Krimskrams. :D Vor der Grenze wurde nur gehupt, zwar ein bisschen runtergebremst, aber dahinter nicht wieder beschleunigt. Laut Openrailwaymap lässt der ukrainische Abschnitt überwiegend 120 km/h zu. Die Grenze ist „nur“ durch einen kleinen Stacheldrahtzaun erkennbar. Nachdem der Zug Charkow, die zweitgrößte Stadt der Ukraine, erreicht hatte, fand die ukrainische Grenzkontrolle direkt im Zug statt, bevor man aussteigen durfte. In meinem Abteil waren zwei junge Männer mit ukrainischem Pass und ein älterer Herr mit russischem Pass (sie schienen sich nicht zu kennen, aber trotzdem war keinerlei Feindseligkeit zwischen ihnen erkennbar), letzterer wurde gleich herausgezogen und woanders gesondert kontrolliert. Selbst die Zöllner sprach nicht die Amtssprache der Ukraine. :D Sie hatten sogar ein Wauzi dabei und präsentierten es stolz, indem es bestimmt 5 x durch den ganzen Wagen und zurück latschen musste...^^ Ich dachte erst, mit meinem Pass gäbe es ein Problem, weil die Beamten ihn ewig lange begutachtet haben. Ich meinte dann, schaun se mal, ich war mit dem Ding schon mal in der Ukraine. Sie: „Ja, wissen wir. Aber wir sehen solche Pässe so selten.“ Dann blätterten sie weiterhin fasziniert meinen Pass durch. :D Fragen zu meinem Reiseverlauf gab es interessanterweise überhaupt keine. Man hat sich zwar über mein weißrussisches Visum gewundert, aber nicht nachgefragt. Ich hätte eher erwartet, dass die Ukrainer fragen: „Warum kommst du erst nach Russland, dann zu uns, dann zu den Weißrussen? Bist du ein Spion?“ Letztlich war die Grenzkontrolle nicht anders als an einer anderen ukrainischen Außengrenze – außer vielleicht für den Herrn mit russischem Pass, das kann ich nicht wissen. Zwar war der Zug mit – 6 eingetroffen, aber erst eine halbe Stunde später durfte ich aussteigen. Ich ging runter in die Unterführung und wurde dort nochmal von einem Polizisten angesprochen, der kurz meinen Pass kontrollierte. Am Ende wünschte er mir „Good Luck“. :D
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4 Die Russenlok…
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5 …zieht ukrainische Wagen
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6 Foto vom Gang
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7 Angekommen in Charkow
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8 Der Bahnhof von Charkow leider ziemlich überbelichtet
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9 Blick von der Brücke auf den Bahnhof
Eine interessante Eigenschaft der Tram Charkow: Haltestellen sind nicht immer gekennzeichnet. Mir ist die Menge Leute, die einfach am Straßenrand gewartet haben, aufgefallen, und ich hab gefragt, ob hier die Haltestelle ist. Ist sie. Hatte mich schon gewundert, dass der Weg zur Haltestelle so weit ist. Wahrscheinlich bin ich an dreien vorbei gelatscht... :D Die Trams sind innen teilweise noch auf Tschechisch beschriftet. Der Streckenzustand ist ähnlich desolat wie in Lemberg, teilweise denkt man, man ist auf einem Schiff bei rauer See.
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10 Blaue Tatra
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11 Rote Tatra
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12 Tatra vor Kirche
Gibt es eigentlich noch irgendwo eine Region in Europa, wo im täglichen Umgang miteinander absolut jeder eine Sprache spricht, die nicht Amtssprache ist? Russisch ist weder auf regionaler noch auf lokaler Ebene offiziell. Ukrainisch habe ich den ganzen Tag über in Charkow genau einmal gehört: in den automatischen Ansagen in der Metro. Diese Ansagen sind tatsächlich einsprachig, die Beschriftungen sogar auf Ukrainisch & Englisch, aber nicht auf Russisch. Es gibt Taktfrequenzen von über 6 min (in Moskau ist 4 – 5 min spätabends das Seltenste). Wenn die Fahrzeuge in Moskau antiquiert sind, sind sie hier vorsintflutlich. Aber genauso proppenvoll... -.-
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13 – 14 Metro-Station Botanitschnyj Sad (natürlich sind die Stationsnamen auf Ukrainisch)
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15 Der Takt! :-O
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16 Sieht bequemer aus als es ist (nämlich ungefähr so bequem wie eine Holzbank^^)
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17 Gedränge an der Station Istoritschnyj Musej
Charkow ist nicht spektakulär. Wahrzeichen der Stadt ist der gigantische Freiheitsplatz (der hieß schon immer so), einer der größten Plätze der Welt. Z. B. auf Wikipedia ist er als Luftbild gut erkennbar, doch wenn man da unten lang läuft, kommt einem das eher vor wie ein Park. Das riesige Ensemble nimmt man gar nicht so als solches war, es ist einfach zu weitläufig. Dort gab es ein Protestcamp gegen den Krieg, der nur zwei Zugstunden entfernt ist. Keine 200 km entfernt liegen Slowjansk und Kramatorsk, manchen noch bekannt als Orte eines anhaltenden Krieges, über den in unseren Medien fast gar nicht mehr berichtet wird, gut 300 km sind es bis Donezk, einst drittgrößte Stadt des Landes, heute liegen weite Teile von ihr in Schutt und Asche... Es herrscht keine offensichtliche Armut, doch man merkt, der Wohlstand ist hier noch nicht angekommen... So sah ich der Metro einen Mann, der ein T-Shirt trug mit der Aufschrift „Schulten Gebäudereinigung“. Die Firma kommt aus Remscheid. Wahrscheinlich ist das Shirt bei uns im Aktkleidercontainer gelandet oder wurde gespendet...
Nun zu angenehmeren Eindrücken:
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18 Die prächtige Mariä-Verkündigungs-Kathedrale
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19 Unabhängigkeitsdenkmal
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20 Wer sich über militärische Erziehung der Kinder aufregt, möge sich mal das hier geben…
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21 So hässlich, dass es schon wieder faszinierend ist…
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22 Da ist der Blick in die andere Richtung doch deutlich schöner
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23 Patriotismus wird zur Schau gestellt, auch wenn hier alle Russisch sprechen
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24 – 25 Kleines Protestcamp gegen den Krieg. Allzu auffällig wollte ich aber nicht stehen bleiben zum Fotografieren, deshalb ist leider ein Finger ins Bild gerutscht.
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26 Ein kleiner Ausschnitt vom riesigen Freiheitsplatz in Charkow. Ist das etwa noch eine Pionierparade?
Abends war ich noch im Gorki-Park, dort war mir irgendwie unwohl. Ich setzte mich für einige Minuten in den Schatten und wusch mein Gesicht mit kaltem Wasser, danach ging es wieder. Ich führte es darauf zurück, dass ich, während ich auf die Tram gewartet hatte, fast eine Viertelstunde bei 30 ° in der prallen Sonne saß. Jetzt war ja alles wieder ok, ich dachte mir nichts dabei… Ob es die beste Idee war, danach mit einer Seilbahn zu fahren?^^ Zum Abendessen war ich in einem Shopping Center am nördlichen Stadtrand, ich wollte mir mal die Station mit dem Namen „Helden der Arbeit“ anschauen – passend zum heutigen Fronleichnam, von dem ich profitieren konnte. :p
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27 Talstation der Seilbahn
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28 Blick auf die Hochhäuser
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29 Die Strecke ist lang
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30 Tatra am Abend ist erquickend und labend
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31 Metro-Station Herojiw Pratsi (Helden der Arbeit)
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32 Der Bahnhof am Abend
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33 Blick von der Brücke Richtung Bahnsteige (selbe Perspektive wie am Morgen)

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Meine Reiseberichte, die vor Mai 2020 veröffentlicht wurden, am besten in Firefox oder Edge öffnen - dort sollten keine Bilder auf der Seite liegen ;-)


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